Jazzsommernacht am Elbufer.
Mit China Moses, den Klazz Brothers & Cuba Percussion und Maceo Parker präsentierte sich am 16. Juli die 1. Jazzsommernacht als Kooperation der Jazztage Dresden mit den Filmnächten am Elbufer. Das Temperamentbüdel China Moses war ganz Diva und eröffnete den Abend voller Energie und Witz. Mit ihrer herausragenden Stimme und dem Hang zur Selbstironisierung hatte sie beim Publikum leichtes Spiel. Die Klazz Brothers & Cuba Percussion begannen mit Teilen aus ihrem Mozart-Set, ließen es sich bei schweißtreibender Sommerhitze aber nicht nehmen, die »Jingle Bells« erklingen zu lassen, um damit auf ihr neues Weihnachtsalbum hinzuweisen. Wenn auch nicht gerade zahlreich erschienen, war der Funke damit längst aufs Publikum übergesprungen und es dankte für die mitreißenden Klassikadaptionen nebst karibischer Weihnachtseinlage mit reichlich Applaus. Funk-Legende Maceo Parker erfüllte die Erwartungen der tanzwilligen Zuschauer, denen Parkers Sohn Corey stimmgewaltig einheizte. Nach knapp vier Stunden drängte es das Publikum noch einmal Richtung Bühne zum großartigen Finale, zu dem sich alle Künstler noch einmal zu einer spontanen Improvisation hinreißen ließen. Punkt 23 Uhr war Schluss, die Stadt will es so. Auch wenn die Veranstalter sicher gern das eine oder andere Ticket mehr verkauft hätten: die Jazzsommernacht hat sich gelohnt und darf gern wiederholt werden. A.V.



Sophie Hunger,
Senkrechtstarterin in der Kategorie kultivierter Jazz-Pop, und Beatpol, die alte Rock’n’Roll-Höhle, wie passt das zusammen? Auf den ersten Blick nur bedingt, dachte sich wohl auch der Clubbetreiber am 28. Mai. Er hätte hier noch nie so ein bürgerliches Publikum gesehen und die meisten davon seien wohl auch noch niemals hier gewesen, moserte er vor Konzertbeginn gegenüber der Senkrechtstarterin aus der Schweiz. Das zeugt nicht unbedingt von Charmanz, aber Recht hatte er. Frau Hunger, die die Anekdote von der Bühne herunter zum Besten gab, war offenbar gar nicht amüsiert, doch das so geschmähte Auditorium nahm´s gelassen. Und bewies, dass auch die Bourgeoisie durchaus zu Emotionen fähig ist. Kein Wunder bei dem Niveau, das hier geboten wurde. Sophie Hunger changierte souverän zwischen helvetischem Liedgut, Jazz, Singer/Songwritertum und Rocksequenzen. Dabei profitierte sie nicht allein von ihrer eigenen Präsenz und ihrem unbestrittenen bodenständigen Charme, sondern v.a. von ihren vier Musikermannen, ohne die das ganze Projekt inklusive Senkrechtstart wohl nicht denkbar wäre. Insbesondere Michael Flury an der Dämpfer-Posaune, Julian Satorius mit einem schier unglaublichen Schlagzeug-Percussion-Solo oder ein mal fix eingeschobener a capella Mini-Männerchor sorgten für musikalisch große Momente. Allerspätestens die finale Zugabe kriegte dann wahrscheinlich auch den letzten Skeptiker: Das Quintett nahm geschlossen am Bühnenrand Platz, um seinen Ausstand gänzlich unverstärkt zu bestreiten und Sophie Hunger schickte mit einer winzigen Geste das versammelte Bürgertum aufs dreckige Parkett, wo es andächtig in sitzender Position diesem sehr leisen Grande Finale folgte. Schöne Sache, das. André Hennig/ Fotos: Stefan Bast



Yann Tiersen
spielte am 4. Mai im Beatpol. Irgendwie schienen die Konzertbesucher an diesem Dienstagabend in zwei Lager gespalten: Im prall gefüllten Club sah man zum einen diejenigen, welche ihr nassgeschwitztes Haupthaar konsequent zum Franko-Indie schüttelten und zum anderen stierende Köpfe, die Tiersen wohl am liebsten anderthalb Stunden unplugged an der Violine gelauscht hätten. Kein Wunder, verbinden die meisten Yann Tiersen dieserorts wohl eher mit neoklassischer Filmmusik. Und so war die Live-Umsetzung seines neuen Albums »Dust Lane« eher solide rockig als überraschend experimentell. Die orchestralen, klassisch instrumentierten Stücke, in denen Tiersen als virtuoser Paganini glänzte, waren eher Rosinen in dem sonst folkigen, teils chansonhaften Set. So konnte man bei gleichbleibender Spannung zuverlässig mitnicken, der multinstrumentale Tiersen blieb an diesem Abend jedoch nur Andeutung. Sanne



Tocotronic im Alten Schlachthof.
Mit einer Spur zu viel Pathos, die sich nur Dirk von Lowtzow erlauben darf, betrat der Tocotronic-Frontmann am 16. April die Bühne. Man verzieh es ihm unmittelbar. Mit »Eure Liebe tötet mich« vom aktuellen Album »Schall & Wahn« eröffneten Tocotronic das Konzert im ausverkauften Schlachthof. Das Publikum rockte und schwitzte von Anfang an mit – trotz vieler neuer Songs in der ersten Hälfte des Konzerts. Auf die zwei Zugaben, mit Songs aus Zeiten, als digital noch besser war, mussten die Fans länger als gewohnt warten; Tocotronic ließen sich feiern – völlig zu Recht! DK



Pantha Du Prince (Scheune) vs. Lowtec/ Even Tuell (Wettbüro).
Am 5. März stand man vor der Qual der Wahl, denn mit Pantha Du Prince und der Party des Kultlabels »Workshop«, das von Lowtec und Even Tuell vertreten wurde, fanden in der Scheune und dem Alten Wettbüro gleich zwei Ereignisse für Afficinados der Elektrokultur statt, die Dresden hoffentlich wieder ereignen werden. Nehmen wir’s vorweg: Im Vergleich war die Veranstaltung der Scheune der Sieger, aber nur quantitativ betrachtet, von der musikalischen Qualität waren Pantha Du Prince & Lowtec/ Even Tuell auf Augenhöhe, und die war verdammt hoch! Nach der genialen Scheibe »Black Noise« wird Hendrik Weber nicht umsonst über die Szene hinaus selbst in renommierten Feuilletons gefeiert, zumal die epischen Tracks voller atmosphärischer Klangspielereien auf der Tanzflächen derart funktionieren, dass selbst der ungewollte Ausfall der deepen Soundebenen das Publikum begeistert goutierte. Die Aftershow, gestaltet von den Residenz-DJs Jakob Korn und Albrecht Wassersleben, muss dann ziemlich gut ausgefallen sein, zumindest deutet darauf, dass die »Workshop-Party« eher im familiären Rahmen verlief. Was soll’s, dachten sich die willigen Nachtgänger und wurden von Lowtec und Even Tuell, denen keineswegs die Feierlaune abging, mit einer Mischung aus grollenden Bassdrum, funkigen Houserhythmen und straighten Technopassagen für das Wissen belohnt, das hier zwei freakige DJ-Größen und sympathische Nerds zu Werke gehen, die ihr Handwerk bestens verstehen und nebenbei auch noch gewillt zum Feiern sind. Kai-Uwe Reinhold



Hauschka & Max Richter Ensemble
Wieder steht Leipzig im Mittelpunkt, aber der Blick dorthin lohnt, zumal die vielbeschworene Konkurrenz der Städte den Blick für Inspirationen trübt. Der Sonntagsausflug am 18. April wäre nicht nötig gewesen, wenn hierzulande »Hauschka« und das »Max Richter Ensemble« ein Forum gehabt hätten. Dem war nicht so, was hoffentlich nicht so bleibt, aber die Fahrt nach Leipzig hatte das »Centraltheater« zum Ziel, das ein feines Gespür für außergewöhnliche Musik beweist. »Hauschka« bildete den Anfang eines Abends, der in synästhetische Bildwelten entführte und zum Fantasieren einlud. Begleitet von Klangspielen, die den verschiedensten Alltagsdingen entlockt wurden, so fungierte ein Milchaufschäumer als Instrument, nahm Hauschka sein präpariertes Piano weniger als Rhythmuskörper, sondern vielmehr als Anordnung für kontrollierte Soundexperimente wahr. Trotz der Bälle, Klammern, Panzertapestreifen und anderen Dingen auf den Saiten wurden der musikalischen Experimentalanordnung harmonische Klangcollagen entlockt, die Bildwelten eines lauen Sommertages am See aufsteigen ließen. Was hier noch in der Imagination ablief, war Teil des Konzepts des »Max Richter Ensembles«, das sich zunächst als musikalische Untermalung eigenwilliger Stummfilmbilder inszenierte. Immer wieder tauchte in dem Film das Motiv der Blendung und Reflexion auf. Lichtstrahlen, von einem Handspiegel in die Zuschauerreihen reflektiert, blendeten die Betrachter. Vielleicht sollte man sich blenden lassen, um tiefer in den musikalischen Text einzutauchen. Egal, was nun die Bedeutung des Motivs gewesen ist, funktioniert hat´s allemal. Plötzlich war die Zeit verflossen, das Konzert zu Ende und der synästhetische Traum vorbei. Kai-Uwe Reinhold/Foto: R. Arnold (Centraltheater)



sound of dresden band slam.
Der »sound of dresden« hat sich in seinem sechsten Jahr längst zu einer kleinen Institution gemausert. Davon zeugt jedenfalls das bunt gemischte und zahlreich erschienene Publikum, das am 27. Februar die Scheune bevölkerte. Wieder ist es gelungen, die Bandbreite der lokalen Musikszene aufzuzeigen, wenn auch nicht alles zusammen passte. Sechs Bands waren am Start und jede hatte nur 20 Minuten Zeit, Publikum und Jury von sich zu überzeugen. Von Indie-Folk und Artrock, über Electro bis hin zu klassischem Rock war alles vertreten. Internetvotinggewinnerin Elisa Weiß wirkte in ihrer aufwändigen Robe recht deplaziert und auch bei ihren Songs kam nicht die rechte Stimmung auf. Letztendlich ging der Jurypreis zurecht an Singer/ Songwriter Andi Mayrock. Das Publikum entschied sich, befeuert vom souverän wirkenden Moderator Christian Meyer, in einem harten Beifallsausschlussverfahren für die funky Rocker von Last Oven Experience, die sich gegen die ebenso guten Rumen Welco durchsetzen konnten. Eine Offenbarung war vielleicht nicht dabei, ein unterhaltsamer Abend aber war es allemal. Juliane/ Fotos: Adina Schütze



Schwarzmarkt Nr. 13 im Kleinen Haus
Gegen elf dröhnte noch einmal mal der tiefe Gong durchs Kleine Haus, die letzte Schwarzmarkt-Runde war vorbei und Experten, Klienten sowie das in adrettes Grau gewandete Personal applaudierten sich gegenseitig. Manche blieben einfach sitzen und sprachen weiter, bei den meisten brach sich die flirrende Anspannung der vergangenen fünf Stunden in beseeltem Geschnatter Bahn. Fünf Stunden langen haben die Besucher des Schwarzmarkts um Experten-Gespräche gekämpft, nicht immer das bekommen, was sie sich gewünscht hatten oder für größere Summen kurzerhand ihre Lieblinge ersteigert. Annamateur gehörte dazu. Wer weiß, ob auch sie so nervös war wie ihre Experten-Kollegen Holger John oder Ralf Lunau. Nicht jedem ist es geheuer, eine halbe Stunde lang mit einem wildfremden Menschen über das eigene Fachgebiet zu reden, selbst wenn sonst ganze Hörsäle zum eigenen Publikum gehören. Doch begeistert waren am Ende wohl fast alle Besucher dieses wunderbaren Projektes von Hannah Hurtzig und ihrer Mobilen Akademie am 20. März. Denn wann hört schon mal jemand eine halbe Stunde wirklich zu. Und wann kann man schon mit einem Experten ganz in Ruhe sprechen. Die Ränge im Kleinen Haus waren den ganzen Abend über gut gefüllt und selbst im Foyer riss die Schlange derer nie ab, die bisweilen vergeblich auf Empfänger und Kopfhörer fürs Schwarzmarktradio warteten. Noch bis tief in die Nacht standen Gäste im Hof und tauschten ihre Gesprächserlebnisse bei Wein und Bier aus. Schwarzmarkt Nr. 13 war mit Sicherheit eines jener Ereignisse in Dresden, die auch in einigen Jahren noch zur Kategorie »Weißt du noch...« gehören. Einmalig, einzigartig, unwiederbringlich und absolut charmant. CW



Moritz von Oswald Trio vs. Tikiman, Pantha Du Prince & Lawrence.
Mitunter muss man fremd gehen und Dresden untreu sein, wenn der Charme der Kombination aus klassischer Hochkultur und avancierter Elektrokunst ein unvergessliches Erlebnis verspricht. Also ging die Reise am 19. Februar nach Leipzig, denn im ehrwürdigen Rahmen des »Centraltheaters« sollten Ikonen avantgardistischer Popkultur den Abend gestalten. Von dieser Engführung profitierten beide Seiten und vor allem die Gäste. Die (Hinter-)Bühne mutierte zur Tanzfläche, eingehüllt in eine Aura aus Nebel und blau-roten Lichtspielen, die dem Kommenden die passende Atmosphäre gab. Aus dieser tauchten mit diskreten Klängen und Klangspielen das »Moritz von Oswald Trio vs. Tikiman« auf und begannen ein Experiment, das bannte und verstörte. Aus den Klängen wurden Strukturen, die v.a. durch den Dubgroove einen fast tanzbaren Rhythmus erhielten. Immer wieder lösten sich indes die Strukturen in dissonante Töne auf, zugleich fügte sich alles zu einem disharmonischen Kunstwerk zwischen Archaik, Unheimlichkeit und Einfühlsamkeit. Ein fragmentiertes und zugleich bewegendes Klangkino für den Kopf, das »Pantha Du Prince« ins Gefühl wendete. Traumlandschaften, entnommen von seinem unlängst erschienenen Album »Black Noise«, eröffneten sich zu Beginn und zogen immer mehr in eine Sphäre, in der die Sehnsucht nach der Romantisierung der Realität herrscht. Je länger das Set dauerte, desto tiefer ging die musikalische Reise in Hendrik Webers musikalische Vergangenheit, desto rhythmischer wurde der imaginäre Boden, auf dem die Gedanken und dann ganz real die Körper tanzten. Fast nahtlos übernahm dann »Lawrence« die Regler der Illusionsmaschine und beugte der abrupten Ernüchterung vor. Bis in die frühen Morgenstunde fesselte er mit handfesten Beats die Willigen und stellte den krönenden Abschlusses des Ereignisses dar, dem man zumindest im Falle von Pantha du Prince am 5. März in der Dresdner Scheune bald frönen kann. Kai-Uwe Reinhold



Jeniferever und Iona
spielten am 3. Dezember in der Groove Station. Wenn eine Rockband mit dem Herkunftsgütesiegel »Schweden« ausgestattet ist, neigt man vorweg dazu, Großes zu erwarten. Keine Frage, Jeniferever überzeugten am 3. Dezember mit atmosphärischen Kompositionen, lyrischen Piano-Einlagen und astreinem Sound. Einzig Kristofer Jönsons Gesang war mit Weltschmerzattitüde aufgeladen und verkitschte die Performance der Nordlichter ein wenig. Dass guter Postrock kein Alleinstellungsmerkmal der Schweden ist, bewies die Vorband Iona aus Leipzig. Die 5 Jungs überraschten mit panoramatischen Klangkaskaden – sensibel und urban, aber nie sentimental. Das Ganze wurde übrigens ohne Gesang serviert, ohne Kitsch, dafür aus dem Osten. Sanne



Redshape im Titty Twister.
Wir wollen ehrlich sein: Wer hatte nicht ein leicht seltsames Gefühl im Bauch, als es hieß, im »Titty Twister« werden am 23. Januar Plattenteller gedreht, Regler geschoben und geschraubt? Sicherlich, die Stammgäste werden den Kopf geschüttelt haben, was definitiv kein Headbangen gewesen ist, den anwesenden Technopartygängern war es schier egal, Hauptsache das Line-up würde das halten, was es versprach. Keine Frage, die Versprechen wurden gehalten: »Spunky« schaffte zwischen dem Drehen der Zigaretten und der Plattenteller die notwendige Grundstimmung im richtig gut gefüllten Haus und machte es »XDB« leicht, die aufsteigende Stimmung fortzuführen. Der Göttinger ließ es sich nehmen, das Vorgelegte weiterzutreiben, indem er dem Sound in traditionelle Spuren Detroiter Gefilde lenkte. Bekanntlich muss das Rad nicht neu erfunden werden, um Begeisterung hervorzurufen. Schnörkellose Beats zwischen Techno und House waren also angesagt; eine Note mehr Dubstep kam noch hinzu, als der sagenumwobene »Redshape« durch die Performance seinem Namen alle Ehre machte. Kein Geheimnis blieb indes, dass er nicht umsonst in der Szene gefeiert wird. Was soll an dieser Stelle noch gesagt werden angesichts dessen, dass weniger oft mehr ist? Nur noch das: Wer den Abend anderweitig verbrachte und sich jetzt zu Recht ärgert, der sollte »bestoff.productions« im Auge behalten! Kai-Uwe Reinhold/ Fotos: Ilko Eichelmann



Cynetart no. 13 – Automatic Clubbing
Das internationale Festival für computergestützte Kunst engagiert sich seit jeher als advantgardistischer Reformer und Pendant zum archaisch-touristisch ausgerichteten Dresdner Barockzirkus des kulturellen Stadtmarketings. Gleichwohl bleibt es erfreulich, dass die Ende November bis Anfang Dezember in Hellerau stattfindende »Cynetart« trotz finanzieller Befindlichkeiten keineswegs an künstlerischer und intellektueller Individualität eingebüßt hat und zudem erst kürzlich durch eine deutsche Großbank als »Ausgewählter Ort der Ideen« ausgezeichnet wurde.
Eines der faszinierendsten Besucherbegierden löste die »Zen Station« von Jannis Kreft aus. Sein Computerspiel integrierte den humanen Biomechanismus durch Sensoren, die Blutsauerstoff und Puls in Echtzeit messen. Daraus entstehen dann wabernde Bildwelten auf der projizierten Spielfläche und der Kontrahent mit der überzeugendsten inneren Ruhe wird zum Zen Master erkoren. Ein weiteres Exemplum für die vollendete Verknüpfung mechanischer und virtueller Welten mit dem Faktor Humanwesen war Christian Graupner’s »MindBox«. Er ließ den Interaktivisten mit seiner, einem einarmigen Banditen anmutenden, Slotmaschine eigens arrangierte Töne und Videosamples auf insgesamt drei Leinwänden erobern und dabei individualisierte Kunst entfalten. Der Künstler selbst zeichnete ebenso für die Videoinstallation »Don’t Dance« verantwortlich, die er en bloc mit dem legendären New Yorker Musiker (The Prince of Dance) und Perfomancekünstler Elbee Bad realisierte. Zudem sei noch auf die ebenso exzeptionellen Ingredienzen der lokalen Protagonisten verwiesen, die in persona von Jacob Korn, u.a. mit dem Projekt »Harmony Universe« präsent, sowie den Tänzerinnen Johanna Roggan und Rebekka Böhme, die im Rahmen von »Idol Task« vorstellig wurden.
Als musikalischer Höhepunkt könnte die audiovisuelle Präsentation von »Monolake« gelten, die mit einem imposanten Versuch, Clubsound in Surround zu transferieren in den Gefilden des Festspielhauses Hellerau sehr überzeugend inszenierten. Die »Cynetart« teilte sich in insgesamt drei ineinandergreifende Veranstaltungsblöcke auf. Dazu gehörten die hier besprochene »Automatic Clubbing«-Darbietung, wie auch das »European Tele-Plateaus« sowie der »VIPA-Kongress«. Schlussendlich sei noch angemerkt, dass das Team um Thomas Dumke, Dresden seit nunmehr 13 Jahren eine visionäre Kunstoffensive der Pluralität beschert, die ebenso wie unser barockes Anlitz, in Deutschland ihresgleichen sucht. Autor: RD, Fotos: TMA Hellerau



Melt! Klub
am 10. Oktober erstmals in Dresden. Mit der Umbennung des Festivals der zeitgenössischen Musik fand in Hellerau zugleich eine Öffnung statt. Das Festival »Tonlagen« versprach, neben durchdachten Avantgarde-Experimenten, auch Elemente populärer Technokultur einzubinden. Und das Versprechen wurde gehalten. Während am 9. Oktober die »Microscope Session« mit einer, wohlgemerkt typisch mysteriösen Inszenierung aufwartete, die man als Reminiszenz an die Ursprünge elektronischer Musik etwa an »Kraftwerk« verstehen konnte, setzte der »Melt! Klub« eben dort ein, wo es am Freitag leider schon viel zu früh endete. Gerade als »Dopplereffekt« die minimalistische Auslotung des Raumes in Beats überführte, die den Körper zum Tanzen antrieben, war der Abend vorbei. Am nächsten Tag setzte man genau dort an und trieb es weiter in die Breite. Während »Three Trapped Tiggers« einen brachialen Crossover boten, der Drum'n'Bass-Elemente mit exzessiven Gitarrenriffs à la »Tool« verband, ging es bei Yames Yuill eher um ein experimentelle Anordnung, die Techno der 90er Jahre mit folkloristischen Elementen konfrontierte, was bisweilen kitschig und zu gewollt wirkte. Souverän gestalteten indes Apparat und Modeselektor den Abschluss des Abend. Gegen drei Uhr gingen dann plötzlich die Lichter an, was bei vielen lichtempfindlichen Nachtschwärmern ein Unbehagen verursachte. Viel zu früh war die Party zu Ende, was aber daran lag, dass am nächsten Tag um 10 Uhr der Saal wieder hergerichtet sein musste. Dadurch wurde aber bewusst, wer der große Gewinner des Abends war: der Raum des Festsaals war in beeindruckender Weise durch Licht- und Tontechnik ausgemessen und gestaltet wurden. Seien es Lichtspiele hinter Milchglas, die Visuals und Animationen oder die einnehmende Soundatmosphäre, der Festsaal im Festspielhaus erschien dadurch in einem Licht vielfältiger Sinnstimulation als räumliches Gesamtkunstwerk, das zu betanzen und zu bestaunen man nicht umhin kam. Kai-Uwe Reinhold/ Fotos: Europ. Zentrum der Künste Hellerau



Reentko Dirks & Daniel Wirtz
holten am 20. Oktober im ausverkauften Societaetstheater ein Stück Lateinamerika nach Dresden. Mit Tango Nuevo, Falmenco, Musette-Walzer, Klassikern lateinamerikanischer Musik und Pop überzeugte der Akustik-Gitarren-Sound der beiden Vollblutmusiker auch Gitarren-Duo-Skeptiker. Ihr Dialog war durchaus virtuos und auch der mit dem Publikum überaus charmant, machen die smarten Herren an der Gitarre doch rundum eine gute Figur, weshalb es ihnen auch gelang, gerade die Damenwelt optisch zu verzücken. Dirks und Wirtz sind begeisternd professionell und vielseitig. Sie zelebrierten klassische Rhythmen und Eigenkompositionen aus dem ff und versprühten leise Melancholie genauso wie südamerikanisches Temperament. Das anspruchsvolle Publikum zeigte sich begeistert und dankte mit reichlich Applaus. AS



»Tomorrow, in a year«
am 8. und 9. Oktober im Festspielhaus Hellerau. Die Darwin-Elektro-Oper wurde von der Künstlergruppe »Hotel Pro Forma« und »The Knife« ins Leben gerufen. Es ist ein Projekt, dessen Idee allein schon neugierig machte. Die Anverwandlung von Darwins Theorie, die maßgeblich das Denken letzten 150 Jahre prägte, hätte allein schon Anlass genug sein müssen, um in die Veranstaltung zu investieren. Die natürliche Selektion als poetologischen Ausgangspunkt zu nehmen, versprach einen nicht wenig komplexen Auftritt, denn es gibt keine zielgerichtete Linearität, aber dafür viele Interdependenzen. Eben die Verflechtung Kontingenz und mannigfaltiger Beziehungen gab es zu sehen, zu hören und zu fühlen. Die performative Umsetzung von theoretischen Elementen, die eindringliche stimmlichen Erzählungen, die ideenreichen Licht- und Bildspiele und nicht zuletzt die nahegehende Komposition von »The Knife«, die alles miteinander verwob, ergaben eine Allegorie des Lebens, die zu verstehen man irgendwann aufgeben musste, um sich vielmehr der Wechselwirkung von Abstraktion und Empathie hinzugeben. Ehrfürchtiges Schauen war mithin die Haltung, die es einzunehmen galt, um die Vielfältigkeit, Verschachtelung und Schönheit einer Inszenierung wahrzunehmen, die nicht vielerorts zu sehen sein wird. Kai-Uwe Reinhold/ Fotos: Europ. Zentrum der Künste Hellerau



Festival frei improvisierter Musik
am 19. September in der Blauen Fabrik. Schon zum 12. Mal fand das Festival Frei Improvisierter Musik statt, leider war es nur spärlich besucht und konnte so nur schwer den Eindruck erwecken, eines der wichtigsten Festivals dieser Art in Europa zu sein. In sehr gemütlicher und zwangsläufig familiärer Athmosphäre waren dennoch sehr versierte und spannende Improvisationskünstler zu bewundern, so vor allem der Österreicher Julean Simon an einem außergewöhnlichen elektronischen Blasinstrument namens Wax und der Schlagzeuger Ernst Bier, die zusammen einen fabelhaft konfusen Klangteppich erzeugten und sich am Ende dafür bedankten, dass man das nun ausgehalten hat. Etwas weniger kraftvoll war das vorangegangene Trio Improfon, das durch die quirlige Vokalimprovisation von Agnes Ponzil allerdings zu einem sehenswerten Stück improvisierter Musik wird. MP/ Foto: Burkhard Schade



Whitest Boy Alive
am 17. August im Alten Schlachthof. Nachdem ein absolut grandioser Christian Mayer a.k.a. Erobique die zunächst skeptischen Dresdner mit Keyboard, Sequencer und Sampler zum Lachen und Tanzen gebracht hatte, betraten Erlend Øye und seine Männer die Bühne, um mit »Keep A Secret« vom neuen Album »Rules« zu eröffnen und der tanzenden Menge für drei weitere Songs keine Verschnaufpause zu lassen. Der Band war ihre Spielfreude deutlich anzumerken und so schaukelten sich Hörer wie Musiker gegenseitig zu Höchstleistungen. Frontmann Erlend wirkte angesichts des unbändig tobenden Applauses schon fast verlegen und ließ in den wenigen Pausen immer wieder seinen markanten Humor durchblitzen. Ein Song geht nahtlos in den andern über, der eingängig pumpende Beat versetzt den Körper unwillkürlich in Bewegung und spätestens bei »Courage« erklangen einhellige Chorgesänge. Selbst nach dem ausufernden »Island« als Zugabe wollten die Jubelschreie nicht verstummen und so ließen sich die Whitest Boys Alive noch mal auf die Bühne locken, um mit einem furiosen Finale ein schwitzendes wie glückliches Dresdner-Publikum in die Nacht zu entlassen. Sebastian M.



Nomeansno
weilten am 21. Juli in der Groove Station. Im Namen aller Konzertbesucher möchte ich mich zunächst für den Tinitus bedanken, den die drei alten Genialos sicherlich allen verpasst haben, die nicht vorher beim Gehörschutzversand bestellt haben. Das ist aber wohl bei allen Konzerten von Nomeansno der Fall, daher gewollt, daher Teil der großen Anarcho-Rock'n'Roll-Kunst, die diese Herren mit Leib, Seele und Handwerk bis ins Detail beherrschen. Abgefahrener, authentischer, dreckiger und viehischer Underground. Da ist es auch okay, wenn Tom Holliston ein Fanshirt von seiner eigenen Band trägt (bei Leuten wie den Arctic Monkeys ist das arrogant, hier ist es cool). Am Ende roch es etwas nach Elektrobrand. Allergrößtes Kino! MP



Secret Wars Germany Finale.
Wäre es am 27. Juni allein nach den mehr als 500 Zuschauern in der Scheune gegangen, hieße der Gewinner des Secret Wars-Finals Caparso. Doch am Ende zählten eben auch die Stimmen der vierköpfigen Fachjury und die entschied sich mit 3:1 Stimmen für Kosmos Oliver. Dass jedoch beide Bilder – und damit beide Künstler – vom Publikum gleichermaßen geschätzt wurden, ließ sich wohl auch an den Auktionsgeboten erkennen. Erstmals wurden die Werke nach Wettkampfende dem Publikum meistbietend angeboten. Bei beiden Versteigerungen hieß es letztlich: »Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten: Verkauft für 260 Euro«. Für die musikalische Untermalung während und nach dem Battle sorgte das Hallenser DJ-Team um Mike Okay von What!What!Records. Alles in allem war es ein spannendes Finale mit einem gelungenen Rahmenprogramm und einem überraschten, aber glücklichem Sieger, dem nicht nur Ruhm und Ehre gebührten, sondern der darüber hinaus jetzt stolzer Besitzer eines MacBookPro ist. Streetart-Liebhaber werden nach der finalen Secret Wars-Veranstaltung weiterhin auf ihre Kosten kommen und die edding-schwingenden Künstler bei dem einen oder anderen Event, wie beispielsweise der Ostrale zu Gesicht bekommen. Eileen Prades



Weiße Festung am Zwingerteich.
Derevo rief Mitte Juni zu einer Open-Air-Performance und die Jünger pilgerten. Trotz ausgesprochen ungemütlicher Temperaturen wurde die Wiese um den Zwingerteich zahlreich belagert und stoisch ausgeharrt. Die Vorbereitungen für »Weiße Festung« waren durch Wetterkapriolen und Obama-Besuch behindert worden. An den drei aufeinander folgenden Tagen der Performances meinte es der Wettergott allerdings insofern gnädig, als dass es wenigstens nicht während der Vorstellungen regnete. Auch wenn bereits in der ersten Vorstellung eines der Flöße kenterte und dessen Aufbau zerbrach, kann man trotzdem nicht leugnen, dass auch dieses Mal wieder viele berauschende Ideen wie die lebende Eidechse und »das letzte Boot« dabei waren. Wie gewohnt morbid, lyrisch und originell. Bleibt nur zu hoffen, dass sich keiner der Darsteller im kalten Wasser einen Schnupfen geholt hat. Rico



Secret Wars Germany.
Die letzte Halbfinalrunde des Künstlerwettbewerbs Secret Wars Germany stand am 4. Juni im Zeichen Barack Obamas. Doch weder die Aufregung um den Besuch des amerikanischen Präsidenten noch die kurzfristige Umdisponierung vom Fahrenheit 100 in die Lounge der Scheune hielt circa 150 Streetartbegeisterte davon ab, dabei zu sein, wenn der zweite Teilnehmer für das Finale am 27. Juni auserkoren wird. Am Ende siegte erdenklich knapp Caparso über Nico Müller und trifft somit in der Endrunde auf Kosmos Oliver. Bewaffnet mit eddings werden die beiden, diesmal im Main Room der Scheune, um die Gunst des Publikums und der Jury malen. Eileen Prades



Der »Tanz der Vampire«
begann am 18. April mit der Preisverleihung des 21. Filmfestes. Der Auftakt in der Martin-Luther-Kirche war denn auch recht glamourös: Projektionen und vieles mehr ergänzten die recht lockere Moderation von Heinz Eggert. Nachdem die Preisträger bekannt waren, gab es noch einen Preis für das »Lebenswerk« von Robin Malik, der Dresden in Richtung Indien verlässt. Standing Ovations brandeten auf. Seine Nachfolgerin Annegret Richter wurde im selben Zuge vorgestellt. Soweit zum Filmfest, der Ball sollte folgen. Das Ambiente des Orpheums war umwerfend. Passend dazu blieb die Musik im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts. Nur die Tanzlust ließ auf sich warten. Ähnlich die Situation in der Scheune: witzige Ausstattung und sehr fotogener DJ, allein das zahlreiche und durchaus kurios kostümierte Publikum stand rum. Es gebrach dem Event leider etwas an Pep. Der Menschen waren genug unterwegs, auch hatten die Lokalitäten gewissen Charme, aber es mangelte bis nach Mitternacht an wahren Höhepunkten. Viel Volk war auf jeden Fall in der Neustadt unterwegs, immer auf der Suche nach dem ultimativen Gig. Das Konzept war insofern spannend, weil der Besucher sich im Fall der Fälle einreden konnte, zur falschen Zeit genau am falschen Ort gewesen zu sein. Höhepunkt war dann zweifellos die Prozession der Vampire vom Orpheum zur Scheune, wo unter großem Tamtam Rituale stattfanden. R.H.



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