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Die Heizer der Hölle – Szenische Lesung »Das Totenschiff« im Projekttheater Wer hinter dem Autor B. Traven steckt, ist auch heute noch genauso unklar, wie der volle Name des amerikanischen Seemanns in seinem Roman »Das Totenschiff«. Was zunächst wie ein nautisches Abenteuer mit Gruselelementen klingt, entpuppt sich als epische Kritik an den Zuständen einer zu Grunde gehenden Gesellschaft, die den Begriff »Humankapital« sehr wörtlich nimmt. Thomas Kressmann und Clemens Deindl ergänzen sich als abwechselndes Ich-Erzähler-Duo, das sich Travens sarkastische Dia- und Monologe mit Stimmenvielfalt um die Ohren haut.
Ein arbeitsloser Seemann landet auf einem Boot ohne Gewissen. Die »Yorrike« ist nämlich das, was der gemeine Seefahrer ein Totenschiff nennt, also ein Schiff auf dem keine Seele mehr wert ist, als die Versicherungsprämie des dem Untergang geweihten Wracks. Nachdem er kräftig vom Skipper beim »Anmustern« über den Tisch gezogen wurde, erlebt der frisch angeheuerte Heizer Pippip (Deindl) auch schnell, woher der Dampfer seinen Ruf hat. Von Früh bis spät heißt es mit seinem Heizkumpel Stanislaw (Kressmann) entweder Wache schieben oder Asche ziehen. Im rot glühenden Kesselraum will die alte Dame ständig mit Kohle versorgt werden und wehe, man verliert ein Rost, dann heizt die Yorrike auch mal mit Blut.
Dem Kapitän ist das herzlich egal, denn menschliches Heizmaterial findet er in jedem größeren Hafen und eine ehrliche Ausbezahlung von Ausmusterern kann man auch mit einer Kammer voller gefräßiger Ratten umgehen. Die szenische Lesung nimmt Travens Gesellschaftskritik an einen Kapitalismus, der über Leichen geht, überzeugend auf und flechtet auch Wellengang für die Ohren hinein. Derb dahin geschmetterte Seemannslieder, begleitet von wubberndem Bassgitarrenspiel der »Eiszeitklub«-Dame Steffi Krieger und eine wirklich schön anzuschauende Schrubber-Tanzperformance geben der ziemlich langen Inszenierung eine musikalischen Anstrich, der sich hervorragend mit der bissigen literarischen Vorlage deckt. Martin Krönert
Nächste Termine: 28.1./ 25.2., jew. 21 Uhr, 29.1./ 26.2., jew. 20 Uhr. |
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»Der letzte Raucher« im wechselbad der Gefühle. Ein Klappstuhl, ein Zitronenbäumchen und zwölf Weinflaschen. Diese Dinge bilden eine solide Grundlage für Burki (Dietmar Burkhard), der sich plötzlich ausgesperrt auf dem Balkon wiederfindet. Das wichtigste darf aber nicht fehlen: 28 Zigaretten, mit denen er den Abend überstehen wird.
Der Schauspieler ist zum Abendessen bei seinem Kumpel und Ex-Raucher Dirk eingeladen. Burki vermutet hinter dieser Einladung jedoch nur eine Schikane und glaubt Dirk wolle ihn vor den anderen - als einzigen Raucher - in ein schlechtes Licht rücken. Um seinem Unmut Luft zu machen und seinem Verlangen nach Tabak zu folgen, befindet er sich die meiste Zeit allein und rauchend auf dem Balkon. Während er von den Ereignissen des Abends berichtet und den Gastgeber diffamiert, wird er buchstäblich vergessen und die Balkontür hinter ihm verschlossen. Allerdings sieht er in der Situation auch Vorteile: Nun kann er über die Schwierigkeiten als Raucher sinnieren, sich Gedanken über die Berufsoptionen als Raucher machen und seinen Plan nach Rumänien auszuwandern - weil dort das Rauchen überall erlaubt ist - vertiefen.
Dietmar Burkhard überzeugt als Mittvierziger, der dem Glimmstängel schon seit frühester Jugend verfallen ist. Besonders unterhaltsam sind die kleinen Intermezzi, in denen er an seine vergangenen Jahre als Schauspieler zurückdenkt und sich in seine einstigen Rollen einspielt: Durch die Darstellung von Mephisto, Faust, Hamlet sowie dem knorrigen Theaterregisseur oder der betagten Sekretärin der Schauspielschule stellt Burkhard sein schauspielerisches Vermögen unter Beweis.
Die Komik der Burki-Figur liegt in der abstrusen Vorstellungskraft und der skeptischen Weltanschauung: Er will sich als rauchender rumänischer Taxifahrer an Dirk rächen, kann sich vorstellen für ein Zigaretten-Telefon-Sex-Unternehmen zu arbeiten und prophezeit, dass Raucher bald als Straftäter gelten.
Regisseur Holger Böhme vereint tragikomische Elemente eines Raucherschicksals und die rhetorischen Fertigkeiten eines Schauspielers zu einer fantasievollen One-Man-Show, die definitiv auch für Nichtraucher geeignet ist. Carolin Herrig
Nächste Vorstellungen: 20./27.1.2012, 11./24.2.2012, 19./30.4.2012 |
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»Wählt Wehner – Freimachen vom Untertanengemüt« mit der Gruppe »theatrale subversion« im Projekttheater Es beginnt mit einer einfachen Frage: »Kennen Sie Herbert Wehner?« Aus den dokumentarisch eingesammelten Antworten ergibt sich ein ernüchterndes Bild über die Kurzlebigkeit des politischen Tagesgeschäfts und die Undankbarkeit der Geschichte. Bestenfalls ältere Jahrgänge konnten mit dem Namen noch etwas verbinden, der – grob gesagt – für eine der prägendsten und markantesten Politikerpersönlichkeiten der »Bonner Republik« und der nachkriegsdeutschen Sozialdemokratie steht. Aufklärung tut also Not, und so hat die Theatergruppe »theatrale subversion« mit Unterstützung des Herbert-Wehner-Bildungswerks ein Spielformat entwickelt, das sich zwischen Geschichtsvermittlung, Doku-Drama und Unterhaltungsshow der Person Herbert Wehners nähert und zugleich versucht, einen historischen Spiegel des 20. Jahrhunderts zu entwerfen.
»Freimachen vom Untertanengemüt« ist Wehners erster Lebenshälfte vom Ende des Ersten Weltkriegs 1918 bis zur Gründung der Bundesrepublik 1949 gewidmet.
Mit sparsamen Mitteln – drei Darsteller-Erzähler, zwei Dia-Projektoren, Simultan-Videoübertragungen, O-Ton-Einspielungen – gelingt es der Gruppe, nicht nur gut zu informieren, sondern auch den Zuschauer geschickt bei der Stange zu halten und mithilfe von Tanz und Pantomime ein bewegtes, spannendes Bild einer offenbar noch gar nicht so lang vergangenen Zeit zu entwerfen, zumal aus einer Perspektive, die heute in der Öffentlichkeit gern marginalisiert wird.
Am interessantesten ist die Produktion, die teilweise bedenklich nah am didaktischen Agitationsstück für politische Bildung vorbeischrammt, allerdings dann, wenn der geschichtliche und dokumentarische Bezug verlassen wird und die Darsteller in einem heftigen, wiewohl kalkulierten Ausbruch über die heutigen Möglichkeiten politischer Betätigung in Zeiten der »Occupy-Bewegung« oder den autoritären Charakter unserer repräsentativen Demokratie reflektieren.
Denkanstöße gibt es also durchaus, und auf die Frage »Kennen Sie Herbert Wehner?« wüsste der Zuschauer danach sicher einiges zu sagen. Aron Syrbe
Nächste Termine: 22./23.2.2012, 20 Uhr, 24.2.2012, 21 Uhr. |
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Die »Reise nach Ugri-la-Brek« im Puppentheater des tjg. Lebensende? Was ist denn das und wohin geht man danach? Im Puppentheater des tjg. theater junge generation suchen zwei Geschwister nach dem verschwundenen Opa und machen eine »Reise nach Ugri-la-Brek«.
Eimer und Ameise, zwei Kinder auf Zack, sind verwirrt. Plötzlich taucht ein Opa auf, der nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. Mama druckst herum und Papa wirkt eher genervt vom bettlegerischen Dauergast. Kaum haben sich die Kinder an Opas Kuchen, Sudoku und Schallplatten gewöhnt, da ist er in den Ferien auf einmal weg. Aber Eimer und Ameise sind pfiffig. Die Eltern zu fragen hat keinen Sinn, denn Mama heult und Papa hat keine Zeit. Ausgerüstet mit Dosenöffner, Schlitten und ihrem riesigen Hund namens Quatsch begeben sie sich im Winterwald auf Spurensuche. Mutig, entschlossen und nur ein ganz klein wenig unsicher wollen sie Opa finden, auch wenn »die Welt millionenmal größer ist als Dresden«.
Zu Beginn der heiteren Inszenierung mit melancholischen Nuancen für Kinder ab 8 Jahre flitzen Eimer (Christian Pfütze) und Ameise (Ivana Sajević) zunächst über die Leinwand. Frech setzt Regisseur Moritz Sostmann die handgeführten Ganzkörperpuppen youtube-artig in Szene: Sie fahren mit der Bahn durch Dresden, spielen an der Elbe oder sitzen vor leckeren Eisbechern. Danach kommen sie mit ihrem überlebensgroßen Hund in den Saal. Nun entspinnt sich die Geschichte abwechselnd auf der Bühne und im Film. Auch die Ankunft Opas (als dritte Puppe) und der Eltern in Menschengestalt läuft als Video. Jetzt schnipst die Leinwand zur Decke, um dem Zauber des Puppenspiels Platz zu machen. Den quirligen Kinderpuppen ist der brummelige Opa (Klaus Frenzel) wunderbar gegenübergestellt. Da bedauern es alle, dass er plötzlich auf seinem Bett verstummt. Gespannt verfolgt das Publikum Schneetreiben im Bettlaken-Winterwald und staunt bald über die gespenstische Akustik in Ugri-La-Brek. Zum Glück verteilt dort Opa Saft und Lebensphilosophie. Am Ende dieser feinfühligen Inszenierung gehören die großen Herzen der kleinen Zuschauer dem schwitzenden Mann im Hundekostüm (Patrick Borck), denn Quatschs Name ist Programm. Sebastian Thiele
Nächste Vorstellungen: 12./13./15.1.2012 |
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Das Ende vom Anfang der Revolution bei »Café Umberto« im Theaterhaus Rudi Moritz Rinkes Ich-AG-Drama erinnert zuallererst an eine soziologische Studie aus den frühen 30er Jahren. »Die Arbeitslosen von Marienthal« eröffnete erstmalig einen dezidierten Blick auf den Tagesverlauf von Personen, die ihre Existenz ohne eine Berufung fristen müssen.
Schon damals fiel den Forschern um Paul Lazersfeld anhand von Beobachtungen und Gesprächen mit Langzeitarbeitslosen und Menschen in ihrem Umfeld auf, was Moritz Rinke in seinen Arbeitsamt-Szenen anhand von drei Paar-Schicksalen thematisiert: Arbeitslosigkeit verändert einen Menschen, verkorkst seine Zeitplanung und nagt mit jedem Tag am Hoffnungsglauben. Jule und Jaro sind die Kreativen auf dem Amt mit den hässlichen rosa Klappstühlen. Dort wo sie zu Beginn mit unterschiedlichen Emotionen von ihre großen Träumen erzählen, verlieren sie im Laufe des Stückes ihre Ziele aus den Augen. Immer wieder treffen sie sich im Warteraum und mit jedem Besuch, entwickelt sich ihre Beziehung entgegengesetzt zu ihren Existenzplänen. Lukas hingegen hat bereits eine Beziehung und droht diese durch mangelndes Selbstwertgefühl zu verlieren. Der arbeitslose Akademiker wirkt zwar von außen unnahbar und sicher, hat jedoch schon lange den Blick für seine eigene Lage verloren und ertränkt seinen Frust in den, von seiner Stargattin bezahlten, andalusischen Espressi des stummen Ich-AGlers Umberto. Der alte Spanier ist quasi der Sozialforscher dieser »Studie«. Er agiert zwar mit den Existenzlosen, vermag aber nichts mehr dazu zu sagen sondern bietet seine soziale Unterstützung in Form eines Cafés im Wartesaal an.
Man könnte denken, wenn Menschen sich an den Rand ihrer Existenz gedrückt fühlen, sind sie bereit alles für eine Rückkehr in die Gesellschaft zu tun aber Rinkes Stück gibt auch dort wieder, was schon Lazersfeld et al herausfanden. Der revolutionäre Gedanke weicht einer depressiven Resignation. Bis auf ein paar Stühle fliegt bei Rita Schallers Inszenierung nichts durch den Saal und so kann der zynische Amtsdirektor auch diese Anstalt ohne Skrupel mit automatisierten Jobvermittlern ausstatten, weil »sowieso kein Mensch das Gejammer noch ertragen kann«.
Café Umberto ist eine spannungsarme, und manchmal schwer nachvollziehbare Produktion des H.O. Theaters. Trotzdem gelingt es Schaller auf bemerkenswert subtile Art, das Tun und Lassen in ihrer Beziehungsstudie menschlich und berührend darzustellen. Vielleicht nichts für Jeden aber sicher ein Stück, das uns wieder mal über die Arbeitslosendebatte grübeln lässt. Martin Krönert
Nächste Vorstellungen: 14.1./15.1.2012 |
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»Zangezi« im Labortheater der HfBK Der russische Dichter Welemir Chlebnikow schuf zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Figur Zangezi als Heilsbringer oder Propheten, der eine Besinnung des Menschen auf seine schöpferischen Möglichkeiten und die Umkehr im Zeichen des »UM« predigt. Mit futuristischem Pathos aufgeladen, und zugleich ironisch distanziert werden in Chlebnikows Text die Wörter in Laute atomisiert, die Sprache dadurch selbst ins Bewusstsein gebracht.
Die Darsteller und Sänger treffen die nötige Balance zwischen pathetischem Ernst und spielerischer Ironie, die bis hin zum skurrilen Klamauk, dicht an der Nonsense-Grenze reicht, unterschiedlich souverän. Man hätte sich hier eine größere Leitung durch die Regie gewünscht, die den stimmlich überzeugenden Sängern der Stimmen 1–3 das erlernte Gestenrepertoire à la »große Oper« und »Verdi« durchgehen ließ.
Die jungen Komponisten aus der Kompositionsklasse von Manos Tsangaris haben in ihrem stilistisch recht vielseitigen Gemeinschaftswerk vieles probiert und auf Tragweite und Prägnanz hin getestet. Dabei ist der Text mit seinem ironisch gebrochenen Pathos eine dankbare Vorlage, an der sich, fernab von verbindlicher Syntax, trefflich entlanghangeln und nach musikalischer Unterfütterung suchen lässt. Die Ergebnisse dabei lassen durchaus aufhorchen, und reichen von ausgeprägt schönen Kantilenen, über Chor-Glissandi, einer ausgeprägten Zitat-Montage, von reduzierter minimalistischer Ein-Ton-Repetition des Horns, bis zu vielstimmigen informellen Musterbildungen der mit Bläsern und diversem Schlagzeug besetzten »Kapelle«. Am interessantesten wird die Musik allerdings dann, wenn das gewohnte Klangrepertoire und Instrumentenarsenal weiter geöffnet und das Rascheln von Papier und Alu-Folie, oder das Klackern von Tischtennisbällen zu Musik wird.
Das Labortheater der HfBK ist für solch erfrischende und wohltuende Theater- und Opernexperimente ein denkbar schöner Spielort. Und das Publikum erweitert den musikalischen Rahmen auch ungefragt um eine weitere Dimension: als knarrende Menge auf regelmäßig verteilten Papphockern, die ganz beiläufig einen aufgelockerten Spielraum schaffen. Aron Syrbe
Nächste Vorstellungen: 14./16./20.1.2012 |
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»Wir hauen die natur entzwei« – szenische Lesung von Daniil Charms in der bühne Manchmal will es scheinen, als sei Daniil Charms hierzulande immer noch ein Geheimtipp. Dabei gehören die Texte des 1942 in psychiatrischer Haft unter ungeklärten Umständen gestorbenen russischen Dichters - äußerst knappe und groteske Prosaminiaturen, Kindergedichte und kleine Szenen - zum Eindrücklichsten, was die Literatur des Absurden bis heute hervorgebracht hat. Alles fängt meist ganz alltäglich an, doch dann kippt das Geschehen durch eine minimale Verschiebung, und mit oft bestechender logischer Konsequenz in eine groteske Zerstörungsspirale, wie eine falsch gepolte aus dem Ruder laufende Maschine. Schlaglichtartig wird in den prägnanten mit skurrilen Pointen dicht gespickten Texten, die heute an Kurzfilme erinnern können, eine verdeckte, untergründige, verdruckste Brutalität des Alltäglichen sichtbar, die infolge einer kleinen Verrückung als Verrücktheit grell hervortritt.
Die Produktion der bühne präsentiert in ihrer szenischen Lesung einen spannenden und äußerst kurzweiligen Reigen von Charms´ Geschichten und Theaterszenen. Dabei ist der Regisseurin Theresa Hetzold der Spagat zwischen Lesung und szenischem Spiel wunderbar gelungen. Das Bühnengeschehen zeigt keine überflüssige Illustration des Textes, sondern ist eine eigenständiges, rhythmisch sehr schön akzentuiertes Sichtbarmachen der miniaturistisch verengten Weltausschnitte der Charms-Texte. Die vier Darsteller repräsentieren immer wiederkehrende Typen, und fünf Stühle, eine Papierkrone, ein Tuch und ein Bilderrahmen sind für die Regisseurin vollkommen ausreichend, um eine ganze absurde Welt zu evozieren. Aron Syrbe
Weiterer Termin: 11.1.2012, um 20:15 an der bühne zusammen mit einem Gastspiel aus Teutleben - Titel: Das ist eigentlich schon alles – szenische Küchenlesung mit Jazzkommentar. |
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»Arbeit ist ein Fluch!« – den Beweis dafür erhält man in »Arbeit hat frei« im projekttheater Die ersten Frauen, scheinbar alles Arbeitskolleginnen, rücken ins Theater ein. Jede von ihnen hält ein Gläschen, wahlweise Wein oder Bier in der Hand. Sie scheinen aufgeregt zu sein, schließlich ist das ein Ausflug mit der ganzen Firma, eine ausgelagerte Weihnachtsfeier sozusagen. Das Stück, welches sie sehen werden, hat zwar mit Weihnachten nichts zu tun, betrifft aber prinzipiell jede von ihnen und wahrscheinlich auch jeden der anderen Zuschauer.
Es beginnt mit zwei Pennern (Michael Tumbrinck und Stani) auf der Parkbank, die sich zum Frühstück das erste Bierchen gönnen und darüber philosophieren, wie schön es wäre mal wieder ein »Frisch-Gezapftes« genießen zu können. Schnell wird klar, dass die beiden Parkbankbewohner keine Jobs haben. Dennoch sind die offensichtlich Alkoholabhängigen, desillusionierten Vagabunden sympathisch: Ein bisschen trottelig, betrunken und vor allem streitsüchtig überlegen sie, wie man am ehesten zu Geld kommt und behaupten, dass Arbeit dafür der falsche Weg sei.
Im zweiten Teil eröffnet der Moderator (Stani) seine Jobshow und interviewt dafür den Arbeitslosen Michael. Nachdem im Publikum hoffnungslos nach einem Job für Michael gesucht wurde, schämt sich dieser umso mehr, da Arbeitslosigkeit immer noch als Tabuthema unter den Tisch gekehrt wird.
Das Duo kommt im letzten Teil auf die Parkbank zurück und zelebriert die neue Arbeitsstelle Stanis als Pfandflaschensammler. Dabei wird nebenbei auch noch eine kurze Einführung in die IKEA-Beutel-Ideologie gegeben und erklärt, wieso es in dieser Gesellschaft unmöglich ist, dem Suff zu entkommen.
Michael Tumbrinck und Stani schaffen eine stimmige Mischung aus Für- und Gegenargumenten in Bezug auf die Frage, ob es sich wirklich lohnt, arbeiten zu gehen. Nebenbei entwickeln sie ihr eigenes Konzept zur Arbeitsleistungssteigerung, das so vielfältig interpretierbar ist, dass man möglicherweise als Arbeitsloser doch besser dran ist. Das Stück der beiden Satiriker, die 2007 den Reinheimer Satirelöwen gewannen, gestaltet sich als ein Ritt durch das Schicksal eines Jedermann sowie die westliche Kulturgeschichte und Medienwelt. Am Ende tobt das Publikum, es lacht und weint vor Lachen. Mit Sicherheit ist dieses Gelächter nicht nur dem Alkohol geschuldet! Als krönender Abschluss erklingt die Hymne der Parkbänker, die das Publikum zu Standing Ovation animiert. Carolin Herrig
Nächste Vorstellung: 9.12.2011 |
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Echtzeit im projekttheater Ein Stück, tausend Fragen. Aber auch tausend Antworten? Sind wir wir selbst? Wissen wir überhaupt wer wir sind? Sind wir so, wie die Gesellschaft uns haben will? Und wahren wir deshalb eine äußerliche Fassade?
Die genreübergreifende Inszenierung Echtzeit (von Odette Lacasa) erzählt von dem Innerlichen und Äußerlichen des Menschen. In einer Collage aus Musik, Film, Tanz- und Bewegungsrhythmiken wird die Frage nach dem wahren Wesen auf die Bühne gebracht.
Eine Wand aus Kartons, dahinter eine Tänzerin (Marita Matzk). Sie versucht die pappene Wand zu durchbrechen. Immer wieder schiebt sie die einzelnen Kartonelemente auseinander, befühlt mit Händen und Füßen die Kanten. Sie bemüht sich, den eigenen Körper durch kleine Lücken zu zwängen. Ohne Erfolg, bis sie die Kartons niederschmettert. Doch kaum hat sie sich überwunden, diesen Schritt zu tun, geht sie emsig daran, mit aller Kraft ihres Körpers das Zerstörte wieder aufzubauen. Erst als der zweite hintergründige und unscheinbare Protagonist (Andrew) ihr die Kartons aus dem Weg räumt, scheint sie befreit. Fast unbeschwert tanzt sie über die Bühne.
Während sich die Tänzerin in ihrem ergreifenden Spiel mit den Kartons befindet, ist der Zuschauer in einem emotionalen Chaos aus Trauer, Mitleid und Unbehagen gefangen. Wieder und wieder wird ein dichtes Netz aus sich überschlagenden Stimmen eingespielt. Man kann Fetzen wie Geld, Kapitalismus oder Radioaktivität verstehen. Das Gefühl des Verlorenseins und der Überforderung bricht über einem zusammen.
Echtzeit führt dem Zuschauer eine tragische Metapher des Kampfes mit sich selbst und seiner Fassade, inmitten einer aufreibenden Gesellschaft, vor Augen. Besonders gelungen ist der Aspekt, dass man nicht in eine interpretative Passform gezwungen wird, sondern das Stück individuell, seiner eigenen Geschichte entsprechend, wahrnimmt. Und am Ende bleibt die Frage für jeden einzelnen: Habe auch ich eine Fassade und wie schaffe ich es, diese zu durchbrechen? Sarah Wessel
Nächste Termine: 18./19./20.11.2011 |
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Heiner Müller lässt Heinrich von Kleist Michael Kohlhaas spielen. Die etwas nüchterne Abfuhr, die Agnes Ponizil, Marta Maria Marangoni und Jan F. Kurth gestern Abend bei der Premiere von »Heinrich von Kleist spielt Michael Kohlhaas« im Societaetstheater erhielten, war unverdient. War das Publikum von der Dramaturgie doch derart überrumpelt worden und selbst die bis dahin hervorragenden Darsteller wirkten so, als sei nach kurzweiligen 60 Minuten das Ende völlig unvermittelt über sie gekommen. Gerade erst hatte man begonnen, die Handlung einzusaugen. Der Plot erschloss sich – dann endete das Stück mit dem Ende Kleists, am gefühlten Beginn. Ist das jetzt die Stelle für den Schlussapplaus? Die Rosen an Regisseurin Annette Jahns, Dramaturgin Klaudia Ruschkowski und Kostümbildnerin Gisela Pestalozza waren überreicht worden, doch das Publikum verließ nur zögerlich den Saal. Man wollte mehr sehen.
Gespielt wurde nicht der Klassiker Kohlhaas, sondern die Auseinandersetzung Kleist mit seiner Figur. Eine Geschichte, die gleichsam Licht auf die Lebenstragödie und die Verankerung des Dichters in der Geschichte warf. In der Verarbeitung von Fragmenten aus Heiner Müllers Werk »Leben Gundlings Friedrich von Preussen Lessing Schlaf Traum Schrei« fand in zwölf Szenen ein Abschied vom Leben statt. Müllers Text in Bewegung und Gesang übersetzend, wechselten die Darsteller unaufhörlich die Rollen – für Kleist, wie für Müller ein zentrales, immer wieder kehrendes Element. Die historischen Kostüme mit den markanten Tierköpfen brachten Michael Kohlhaas, Kleists Geliebte Henriette Vogel, mit der er sich 1811 das Leben nahm, und Kleist selbst ins Spiel. Und so entspann sich aus den Variationen über Heiner Müllers Text ein packend inszeniertes, grausiges Geschehen.
Eigenkompositionen des Duos Experimental (Agnes Ponizil und Jan F. Kurth) und klassische Musikzitate spannten den musikalischen Bogen von der Zeit Kleists zum Zeitgenössischen. AS
Nächste Termine: 19./20./21.11.2011 im Societaetstheater |
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Bodecker & Neander verzaubern mit »Stille Macht« im Societaetstheater Würde es sich nicht ohnehin um Pantomime handeln, man wäre versucht zu sagen, Bodecker und Neander seien Meister der leisen Töne. Meister der kleinen Details sind sie auf jeden Fall.
Als regelmäßige Gäste im Societaetstheater sind die Schüler Marcel Marceaus noch bis Sonntag wieder mit ihrer Mischung aus klassischer Pantomime und Schwarzem Theater zu erleben. Im Gepäck haben sie zehn Episoden, die wie immer mit kleinen überraschenden Zaubertricks angereichert sind.
Dass das urkomisch sein kann, zeigt sich beispielsweise im »Zauberlehrling«. Die beiden Mimen treffen aber auch exakt die leisen Töne, wie in »Der Lehrer«, wenn der einfache Papierflieger eines ungehorsamen Schülers Erinnerungen an den Krieg hervorruft. Und der Pantomimen-Klassiker der Rolltreppe fehlt, Gott sei Dank, auch nicht… Ist es möglich, die Schöpfungsgeschichte pantomimisch durch einen einzigen Darsteller auf die Bühne zu bringen? Alexander Neander zeigt, wie scheinbar mühelos das geht. Und trotz Rausschmiss aus dem Paradies ist da am Ende ein Vogel. Vielleicht eine Taube als Symbol der Hoffnung.
Das Besondere an den Arbeiten von Bodecker und Neander ist die eigentliche Abwesenheit der Dinge. Die Bühne ist von einem Hocker abgesehen oft komplett leer. Den Rest kann jeder einzelne Zuschauer durch seine eigene Vorstellungskraft ergänzen. Oder besser: Er muss es tun. Denn auf der Bühne gibt es nur die Vorlage. Der Rest findet im Kopf statt. Und wer sich die Mühe macht, die eigene Phantasie zu nutzen erfährt ganz am Schluss, was die Wichtel in Vorbereitung auf den Heiligen Abend tatsächlich so alles verzapfen. Wenn das mal gut geht… S.R.
Nächste Termine: 2.-4.12.2011 |
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Mottenkiste auf! Wagners Lohengrin in der Semperoper. Es muss wirklich mal ein richtiger Renner gewesen sein, dieser Lohengrin an der Semperoper. Anders lässt es sich wohl kaum erklären, weshalb diese Produktion, die anno 1983 (!) ihre Premiere feierte, und damit älter als der Semper-Neubau ist, nun nochmal und zum über 100. Stelldichein aus der Kiste geholt wurde.
Und es ist wirklich spannend zu sehen, wie sich in einem Blick mehrere historische Tiefenstaffelungen übereinanderschichten. Man kann auf diese Weise wunderbar beobachten, was im späteren 20. Jahrhundert mit einer romantisch verklärenden Opernadaption des 19. Jahrhunderts gemacht wurde, die den alten Lohengrin-Stoff aus der Zeit der mittelalterlichen Graalsritter aufnimmt.
Anno 1983 war das moderne Regietheater auf der Opernbühne offenbar noch ferne Zukunfsmusik. Und so will die Inszenierung, fernab von dringend erforderlichen Neuinterpretationen dieses sicherlich schon damals hoffnungslos abgehalfterten Textbuches, vor allem eine solide und unauffällige Bühne für die Musik schaffen. Einem Teil des Publikums dürfte damit freilich gut gedient sein. Allerdings ist in dieser Lohengrin-Musik auf raffinierte Weise Lyrisches mit Dramatischem verwoben, und mit der Staatskapelle, die sich klanglich allerbestens auf dieses Idiom versteht, wirkt die Musik stellenweise wirklich betörend.
Die mehr als solide besetzte Sängerschar tut auch ohne besondere Leitung durch die Regie das ihre, besonders Georg Zeppenfeld beeindruckt mit seinem wunderbaren Bass als Heinrich der Vogler, und Hans-Joachim Ketelsen überzeugt als Bösewicht Telramund. Und natürlich fehlt auch das wichtigste Requisit nicht: der Schwan, auf dem Lohengrin angefahren kommt (»Mein lieber Schwan...«), als eines der Glanzstücke im Kuriositätenkabinett der Operngeschichte. Aron Syrbe
Nächster Termin: 16.11.2011 |
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Ohne Worte. Die Eröffnung des 29. Internationalen Pantomimenfestivals an der Mimenbühne. Im heutigen Informationszeitalter ist es unvorstellbar, auf den sprachlichen Austausch und somit die Kommunikation zu verzichten. Bei der gestrigen Eröffnung des Pantomimefestivals wurde das Gegenteil verdeutlicht. Durch die Reduktion auf die Körpersprache, die ohne Worte auskommt, können sehr wohl Nachrichten, Informationen und v.a. Emotionen übermittelt werden.
Der Eröffnungsabend startete mit der Präsentation der Arbeitsergebnisse an Mozarts »Die Zauberflöte«. Unter der Leitung von Ralf Herzog, einem Urgestein der Pantomimekunst in Dresden, bewiesen die Akteure der Mimenbühne ihr Können. Die Musik der Oper erklingt und die Bühne verwandelt sich in einen Wald. Ein Erzähler beschreibt kurz den Handlungsverlauf und gibt im Anschluss die Bühne für die verschiedenen Charaktere der Oper frei. Neben dem witzigen Papageno, der schelmisch tänzelnd auf seiner Zauberflöte spielt, erscheinen der jünglinghafte Tamino sowie die Königin der Nacht im Teufelskostüm als die charismatischsten Figuren. Die Pantomimeoper ist besonders denjenigen zu empfehlen, die »Die Zauberflöte« noch nicht gesehen haben: Durch die Verstärkung der Mimik und Gestik und die minimale Kostümgestaltung ist es möglich, sich völlig auf die Figuren und ihr Schauspiel einzulassen. Das Pantomimespiel orientiert sich zwar an der Musik, rückt jedoch den darstellerischen Aspekt in den Vordergrund.
Der zweite Teil des Abends bescherte einen klassischen Einblick in die Komik und Tragik des Pantomimespiels. Das Maskenrepertoire von Thomas Heinecke (Kutz Maskentheater) ließ ihn in verschiedene Rollen schlüpfen, die dem Zuschauer als Identifikationsfigur dienten. Anhand der unterschiedlichen Gesichter, der Haltung und Bewegung suggerierte Heinecke das Interesse der einzelnen Charaktere an einem Kunstobjekt und das damit einhergehende Verhalten im Museum. Am besten gelungen war die Figur des gewitzten Diebes, der man ihr Vorhaben schon an der geheimnisvollen Gangart ansehen konnte.
Eine bunte Mischung aus dem Pantomimeprogramm erwartet den Zuschauer noch bis Sonntagabend. Darsteller aus der Schweiz, Spanien und Russland gestalten die weiteren Abendprogramme. Zudem werden tagsüber diverse Pantomime-Workshops angeboten, die einen Blick in die spannende Arbeit der tragikomischen Akteure erlauben. Carolin Herrig
Nächste Termine: 11./12./13.11.2011 in der Mimenbühne Dresden |
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IAMX am 4. November 2011 im Beatpol. Mit Vorbands ist es immer so eine Sache. Oft müssen sie sich vor ein Publikum stellen, das allein wegen des Hauptacts gekommen ist und vor Ungeduld platzt. Und manchmal lässt ihre Qualität einfach zu wünschen übrig. Bei Noblesse Oblige ist alles anders. Kaum betreten Valerie Renay und Sebastian Lee Philipp die Bühne, vibriert die Luft. Das liegt vor allem an der enormen Bühnenpräsenz der Dame. Mit ihrer sexy Ausstrahlung hat die Französin nicht nur das männliche Publikum im Griff. In musikalischer Hinsicht ist bei dem Duo Abwechslung angesagt. Der elektronisch dominierte Mix aus Disko, Punk, Chanson und Akustikgitarrenklängen kommt an. Selbst Salsa-Rhythmen honoriert das Publikum tanzend und applaudierend. Als sich Madame Renay auf der Bühne ihrer Korsage entledigt, eine flokatiartige Obertrikotage anlegt und so ekstatisch in das Publikum springt, ist die Stimmung bestens angeheizt für die Dresdner IAMX-Premiere.
IAMX ist Chris Corner, seines Zeichens Ex-Sneaker-Pimps-Frontmann. Live gilt dies jedoch nicht. Neben dem schillernd-geheimnisvollen Bandkopf, der sein Gesicht fast das gesamte Konzert über unter einem Mützenschirm halb verdeckt hält, stehen noch drei weitere Musiker auf der Bühne. Das ist auch gut so, schließlich machen sie allesamt musikalisch und optisch etwas her. Caroline Weber (»mit Dresden-Bezug« – was leider nicht näher erklärt wurde) etwa trommelt mit einer Power, wie man sie einem zarten weiblichen Wesen fast nicht zutraut.
Apropos Trommeln: Spektakuläre Drum- und Percussion-Sounds spielen live bei IAMX eine wichtige Rolle. Alle vier Bandmitglieder schlagen zwischenzeitlich wie die Berserker auf Becken, Trommeln und ein Fass ein. Die Fitnesseinheit wäre damit abgehakt. Auch wenn die aktuelle Veröffentlichung »Volatile Times« etwas schwermütiger daherkommt, sind die meisten Stücke im Konzert tanzbar, lassen sich als Elektro-Alternative im besten Sinne verkaufen. Nach 90 Minuten schlendern hunderte glücklich aussehende Menschen zum Ausgang. In ihren Gesichtern steht geschrieben: »Chris, komm bald wieder!« Stefan Bast / Fotos: Cordelia Grebler
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Händels »Alcina« in der Semperoper Nachdem die Oper »Alcina« zuletzt auf mehreren deutschen Bühnen Einzug gehalten hat, bringt nun auch die Semperoper dieses großartige Spätwerk Händels in einer eigenen, fulminanten Inszenierung auf die Bühne. Die Geschichte der Zauberin Alcina, der die Männer scharenweise verfallen und die in ihrem Zauberreich als willfährige Affen festgehalten werden, scheint dauerhaft eine dankbare Folie für mögliche Aktualisierungen zu bieten.
Regisseur Jan Philipp Gloger gelingt es in seiner zweiten Opernregie auf überzeugende Weise, die alten barocken, vermeintlich stereotypen Figuren der Opera Seria zu beleben und dem Zuschauer nahe zu bringen. Die Tragödie wird aufgebrochen, die Tragik und Komik der Figuren eng zusammengebracht, indem immer auch ihre humorvolle, liebenswürdige oder verletzliche Seite gezeigt wird. Wie fantasiereich und treffend Gloger die Freiräume der Partitur auszufüllen versteht, wie er den Reigen von Da-Capo-Arien, in denen die Handlung stillsteht, mal mit ganzen dramatischen Szenen, mal auch ironisch unterfüttert und belebt, und in besonders bewegenden Momenten den Figuren einfach nur viel Raum zum Singen gibt, ist wirklich phänomenal.
Musikalisch gut hörbar in der ausschließlich mit Ensemblemitgliedern besetzten Produktion ist Amanda Majeski als Alcina und Nadja Mchantaf als quirlige Morgana. Und auch die Staatskapelle, weißgott kein Spezialistenensemble für Alte Musik, schlägt sich unter der Leitung von Rainer Mühlbach auch ohne historische Instrumente achtbar durch die Finessen der barocken Artikulation. Aber hören Sie selbst. Es lohnt sich. Aron Syrbe
Nächste Termine: 1./4./10.11.2011 |
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»Es ist nicht leicht ein Gott zu sein« beim Festival Politik im Freien Theater Realismus muss sein: kalt war es am 3. November im Hangar des Dresdner Flughafens, die bereitliegenden Decken kratzten und hinterließen auf der Kleidung lästige Fussel. Die Bühne auf dem Truck war spannend und verstärkte Erwartungen.
Damit war man schon fast drin im schmutzigen Spiel von Menschenhandel, Frauenunterdrückung und politischem Extremismus. Diese Themen zumindest hatte der Autor und Regisseur im Visier seiner Inszenierung, wie dem Programm zu entnehmen war. Angerührt oder gar aufgerüttelt hat er mich und sicher auch einige der anderen Besucher nicht; manch einer verließ den Ort des Geschehens lange vor der Zeit. Zu plakativ und schreiend kamen die Szenen daher: zu viel unnötige nackte Haut, zu viel Kunstblut, zu viel Splatter wurde eingesetzt. Daran änderten die zwischendurch gesungenen Schnulzen auch nichts, befremdeten noch mehr.
Das Anliegen hätte mit subtileren Mitteln wesentlich eindringlicher gestaltet werden können. Unabhängig von der Tatsache, dass ich die Fähigkeit zur Nacktheit bei der Kälte durchaus bestaunt habe, blieb ein fader Nachgeschmack: denn die Fragestellung des Stückes sollte berühren, zum Nachdenken anregen – allein es blieb eine kühle Distanz und der Wunsch, es möge bald ein Ende haben.
P.S.: Dem Gespräch mit dem Schöpfer des Stückes musste ich fernbleiben, da ich ob der leichten Unterkühlung dringend eines sehr warmen Raumklimas inklusive Fußbades bedurfte. Vielleicht hätte ja die Diskussion meinen Horizont erweitert. Helene
nächster Termin: 4.11., Flughafen Dresden, 20.30 Uhr, im Anschluss Publikumsgespräch |
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»Der Dybbuk – Zwischen zwei Welten« im Societaetstheater. Passend zu Halloween erfüllen vor Vorstellungsbeginn gespenstische Musik und geisterhaftes Heulen den Theatersaal. Als die Darsteller mit ihren bleich geschminkten, zur Maske verzerrten Gesichtern vorsichtig den Saal betreten, verharrt der Zuschauer in Erwartung eines mystischen Schauspiels. Doch das Stück sollte zahlreiche Wendungen und Überraschungen bereithalten.
Der Inhalt des Schauspiels basiert auf Salomon An-Skis Tragödie »Der Dibuk«. Die Protagonisten Leah und Hannan sind seit ihrer Geburt einander versprochen. Als Leahs Vater das Heiratsversprechen bricht, verstirbt Hannan. Seine rastlose Seele fährt als Dybbuk in Leahs Körper. Daraufhin versucht Rabbi Azriel ihr die Besessenheit mit allen Mitteln auszutreiben.
Unter der Regie von Shmuel Shohat holt das Ensemble alle möglichen Facetten aus dem traditionellen Theaterstück heraus. Die Aufführung ist ein Wechselbad aus gruslig-grotesken Szenen, in denen der Dybbuk einen ekstatischen Tanz mit Leah vollführt; clowneske Gesten gepaart mit Dialogen, die von Wortspielen geprägt sind. Dabei werden jüdische Glaubenstraditionen parodiert sowie das Sein selbst infrage gestellt. Besonders gelungen ist das Zusammenspiel von Darstellern und Puppen. Zwischenzeitlich entsteht der Eindruck, als würden die Puppen tatsächlich zum Leben erwachen. Im dramatischen Finale, untermalt vom Soundtrack von »Requiem for a Dream«, wird subtil mit zahlreichen amerikanischen Blockbustern abgerechnet, die oft in einem epischen Kampf um Leben und Tod enden. »Der Dybbuk« begeistert in vielerlei Hinsicht, vor allem aber in der schieren Unvorhersehbarkeit des Geschehens. Nicole Scheffel
Nächste Vorstellung: 30.10.2011 (Hebräisch mit deutschen Übertiteln). |
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Via Intolleranza oder ein Ritual für Christoph Schlingensief. Schlingensief muss man nicht mögen. Er ist anstrengend, politisch unkorrekt, verstörend und tut weh. Trotzdem oder gerade deshalb seine Stücke anzuschauen lohnt immer, besonders auch dieses.
So provokant und irrwitzig inszeniert kein Anderer interkulturelle Abgrnde. Bildgewaltig erzählt er in seinem letzten Stck von seiner Utopie eines Operndorfes in Bukina Faso, von all den gegenseitigen Vorurteilen und Missverständnissen. Und zwischen Lachen und Betroffenheit entlarvt er die Gesellschaft die im Allgemeinen, die schwarze und weiße Community und auch mich mit meinen (Vor)-Urteilen und meiner Intoleranz. Weil Schlingensief sich nicht ausnimmt und mit erhobenem Zeigefinger doziert, sondern von sich selbst erzählt, seine Erfahrungen, Gedanken und Vorurteilen in diesem Projekt und bei der Zusammenarbeit mit den afrikanischen KünstlerInnen reflektiert, trifft er und bringt zum Nachdenken.
Das ist kein Theaterstck im herkömmlichen Sinne, das ist ein buntes, wildes und manchmal auch absurdes Spektakel, es wirkt, als würden die Szenen eben in diesem Moment entstehen, als sei man Gast bei einer Probe oder einem skurrilen Fest. Kunst definiert sich durch die Unwahrscheinlichkeit ihres Zustandekommens sagt Schlingensief, aber genau dieses Unwahrscheinliche passiert, das ist Magie.
Neben der Thematik des europäisch verklärten oder auch abwertenden Blicks auf Afrika und den umgekehrt übergroßen Erwartungen klingt immer wieder auch die Auseinandersetzung Schlingensiefs mit seiner Krankheit und dem Sterben und seine Verzweiflung darüber an. »Ich bin nicht der geworden, der ich sein wollte, weil ich nie wusste, wer ich sein könnte.« Das ist ein bitteres Fazit. Und in dieser Verzweiflung findet sich am Ende noch eine menschliche, versöhnliche Geste. Jeder Andere würde damit aufhören, aber es wäre nicht Schlingensief, wenn er nicht auch diese noch bricht.
Das Operndorf in Bukina Faso wird inzwischen gebaut, vor kurzem wurde die Schule eröffnet, eine Krankenstation und dann das eigentliche Festspielhaus werden folgen. Spendensammeln? Nach diesem Abend bin ich nicht mehr sicher... »Vielen Dank für ihr geheucheltes Interesse.« Anne Jung
Nächste Vorstellung: 2.11.2011, 19 Uhr im Schauspielhaus. |
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Gruppe MTS vertonte ihre »Mitleidskrise« bei Breschke & Schuch Wenn ein Bandmitglied ausfällt, kann das ein Grund dafür sein, dass das, was da am 30. Oktober 2011 auf der Bühne passiert, nicht so ganz passt. Vielleicht hätte MTS nach dem Tod ihres Gitarristen Herbert Treichel eine Pause gut getan. Wären doch die Aufforderungen an das Publikum, lautstarkes Mitleid zu bekunden, weniger peinlich gewesen und das neue Programm hätte weniger lieblos und unvorbereitet gewirkt.
MTS sind, was sie waren: Sie spielen Musikkabarett mit Schenkelklopfer-Garantie und zelebrieren ihr Steckenpferd, den schwarzhumorigen Limerick. Was diesmal völlig fehlte, war ein Roter Faden, dafür gab´s um so mehr Stammtischfrivolitäten und ein wie loses Stückwerk wirkendes Programm. Was immer noch zieht, sind Stimme und Witz von Bandkopf Thomas Schmitt. Er überzeugt und ringt dem geduldigen Publikum Lacher ab.
Das »Männliche, Temperamentvolle und Schnucklige« ist bei MTS, die nun schon, man glaubt es kaum, 38 Jahre auf der Bühne stehen, in den Hintergrund geraten. Das Publikum dankte aber wie erwartet bei den noch immer funktionierenden Gassenhauern wie »Tamara« oder der »Ballade in Blech«, die noch jenseits der trüben Thematiken ums Älterwerden und rund gewordene Körperformen Spaß bedeuten, mit reichlich Applaus. MTS sind nun mal für die meisten im Saal (es gab reichlich Publikum in den Dreißigern) die Helden der Jugend und auf die möchte man nichts kommen lassen. So bleibt die Hoffnung, dass im nächsten Jahr aus »Mäßig, Trübsinnig und Sentimental« wieder etwas mehr »Mut, Tantendrang und Schönheit« entspringt. AS
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»Obsession« im Projekttheater. Mit »Obsession« bringt das Ensemble La Vie ein neues Stück auf die Bühne, das sich unseren (Sehn)Süchten, Zwangsvorstellungen und anderweitigen Besessenheiten zuwendet. Dabei gelingt es dem Ensemble, dem von Werbung und Konsumindustrie weithin positiv konnotierten Begriff, der Spannung, Abenteuer und eine kleine Portion Verruchtheit verspricht, ein weitaus weniger schmeichelhaftes Bild an die Seite zu stellen. In einem recht diversen Kaleidoskop, das sich unterschiedlicher Mittel und Materialien bedient, von Videoinstallation, Ballettpantomime, Puppenspiel bis zu Barockoper-Absackern, werden so schlaglichtartig verschiedene Aspekte unseres Begehrens beleuchtet.
Vieles bleibt, einmal visuell ins Bild übersetzt, nur angedeutet, unverbunden und wird kaum weiterverfolgt. Es soll offenbar bei Anregungen zur eigenständigen Weiterbeschäftigung bleiben. Die eingestreuten Doku-Interviews geben weniger zu denken, als dass sie Gemeinplätze und die wohleingehegte Stereotypie unserer Anschauungen treffend illustrieren (»Was ist schön? - Ein romantischer Sonnenuntergang.«). Jenseits von festen Figurenkonstellationen, irgendwie dramatischer Handlung und ohne Kommentar entlässt das Stück den Zuschauer aus dem mit morbidem Edelkitsch ausstaffierten Theater-Schlauch durchaus unbefriedigt. Sollte die Intention des Ensembles damit aufgegangen sein? Aron Syrbe
Nächste Vorstellungen: 28.-30.11.2011 |
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Mit »Versus« gehen Rodrigo Garcia & seine Company an die Grenzen. Gestern abend war es soweit: das 8. Festival Politik im Freien Theater wurde im Festspielhaus Hellerau eröffnet. Und wie bei Eröffnungen üblich, hatte das Protokoll Politikerreden an den Anfang gesetzt.
Aber dann ging es nach einigen staatstragenden Reden von eher mehr als minder zweifelhafter rhetorischer Qualität endlich los. Die spanische Theatergruppe La Carniceria Teatro unter Leitung des Argentiniers Rodrigo Garcia gilt als extrem körperbetont, sprach- und bildgewalt(tät)ig. Und so wurde dem Publikum die ganze Widerwärtigkeit des menschlichen Daseins von Anfang (Ultraschallvideo eines Embryos) bis zum Ende (aufgebahrte Leiche, drei Kränze mit den Buchstaben F I N) um die Ohren gehauen und vor Augen geführt.
Kein gängiges Tabu, keine Provokation, keine sexuelle Spielart wurde ausgelassen. Angefangen bei der Beschreibung des ignoranten Essverhaltens der Kinder dieser Welt, für die man nur Ausdrücke des anderen Endes der Nahrungsaufnahme fand, über brutale Zufügungen, Verletzungen und Penetrationen physischer und psychischer Natur bis zu letztlich Mord und dem Kaninchen in der Mikrowelle.
Was da mit ungemeiner Wucht, unterstützt von Video, Gesang und ohrenbetäubendem Post-Punk, losging, brachte rasant alle Sinne an die Grenzen der Reizbarkeit und darüber hinaus. Nimmt man das Theaterstück als Allegorie auf eine Militärdiktatur und deren Zumutungen für Geist, Körper und Seele des Menschen (immerhin wurde es anlässlich der Feierlichkeiten der 200-jährigen Unabhängigkeit Argentiniens geschrieben und zu Anfang war per Video das ETA-Bombenattentat auf einen Franco-General zu sehen), so geht dieses Experiment auf. Jana Betscher
Nächste Vorstellung: 28.10. in Hellerau, Europ. Zentrum der Künste; in span. Sprache mit deutschen Übertiteln. |
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Karl Amadeus Hartmanns Simplicius Simplicissimus an der Semper 2 »Raus aus dem Plüsch!« hieß es unlängst in einer größeren deutschen Wochenzeitung, und gemeint war damit die Gemütlichkeit und Behäbigkeit des gängigen klassischen Konzertbetriebs. Und seit diesem Jahr bespielt auch die Staatsoper mit der Semper 2 eine alternative, sichtlich spartanische Bühne, bei der man nicht leicht in den Verdacht gerät, des Hauses und der Pausenpromenade wegen in die Oper zu gehen. Karl Amadeus Hartmanns Kammeroper »Simplicius Simplicissimus« aus den 1930ern passt mit ihren Ecken und Kanten ganz ausgezeichnet in dieses Konzept.
Auf die Opernbühne gelangen bei Hartmann aus dem großen bunten und unglaublich saftigen Barockroman des Johann Jakob Christoffel von Grimmelshausen jedoch nur drei Szenen aus der Jugend des Simplicissimus, und es wird augenscheinlich, wie stark diese Oper den Blick auf den Roman geprägt und durchaus auch verengt hat: Aus der prallen, sinnlichen barocken Vorlage des Romans ist ein ausgedünntes, durchgeistigtes, expressionistisches Antikriegsdrama geworden.
Während des Dreißigjährigen Krieges sieht ein kleiner Bauernbub, wie marodierende Landsknechte Haus und Hof zerstören. Er flieht als einziger Überlebender in den Wald, wo er auf einen Einsiedler trifft. Dieser nennt ihn wegen seiner unglaublichen Unwissenheit Simplicius Simplicissimus, den Allereinfältigsten, und lehrt ihn das Einmaleins der christlichen Zivilisation. Als der Einsiedler stirbt, wird Simplicissimus von Söldnern aufgegriffen und spielt vor dem verhurten und schlemmenden Gouverneur die Rolle des weisen Narren. Ein Überfall von Bauern macht der sauberen Gesellschaft unverhofft ein schnelles Ende, nur Simplicissimus entkommt.
Als besonders sinnfällig in der Inszenierung von Manfred Weiß zeigt sich bei dem episodenhaften Stationendrama das Aufbrechen der frontalen Guckkastenbühne: Der Zuschauer findet sich in der Mitte des Raumes auf Sperrholzhockern wieder, die nebenbei eine allseitig offene Kommunikationssituation erzeugen; die Bühne zieht sich als langes Band an den äußeren Rändern entlang. Die Requisite scheint jedoch leider ein besonderes Wort mitgesprochen zu haben: So bringt die Inszenierung einen ganzen Haufen an naturalistischem Gerassel aus dem Magazin auf die Bühne: Bierhumpen, Musketen, Blechhelme und -Schwerter, Bäume mit schönen Blättern usw., die Kostüme scheinen zum Teil direkt aus der Zeit der Handlung gerettet zu sein. Sehr viel besser übertragen ist dagegen die Szene beim Gouverneur, die ästhetisch deutliche Bezüge zur morbiden und aggressiven Bildwelt eines Otto Dix oder George Grosz herstellt.
Die Musik Hartmanns ist jedoch eine Attraktion: So sprechend und an das dramatische Geschehen angepasst, oft auf einfache wiederkehrende Formen reduziert, reicht sie von starker rhythmischer Pointierung und expressionistisch geschärfter Geste, über weitgestreckte Kantilenen, bis hin zum Choral und zum schmerzlichen Lamento über das Leid und die Zerstörungen des Krieges. Das Orchester ist durchweg sehr kammermusikalisch behandelt, was für Transparenz und leichte Verständlichkeit sorgt. Unter den Sängern ist besonders Valda Wilson für ihre eindringliche Darstellung des Simplicissimus und Matthias Henneberg für seine prägnante Sprachbehandlung als brutal polternder Hauptmann hervorzuheben. Es wäre zu wünschen, dass die Staatsoper öfter den Mut zu solch interessanten Wiederentdeckungen aufbringt, die so bereichernd für den nur zu breit ausgetretenen Repertoirebetrieb sind. Aron Syrbe
Nächste Termine: 1., 3.11.2011 |
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Herman Dune war am 27. September 2011 im Beatpol. Hinter dem Namen steckt ein französisches Folkpopduo, das beim Gastspiel im Dresdner Beatpol mit Bassist Ben Pleng sogar zum Trio angewachsen war. Die Combo ist seit mehr als einer Dekade aktiv und war eine der erklärten Lieblingsformationen von UK-DJ John Peel. Während David-Ivar »Yaya« Herman Dune und »Cosmic« Neman in Frankreich schon mal vor tausenden Menschen spielen, scheinen sie hierzulande nach wie vor ein Geheimtipp zu sein. Die etwa 100 Menschen, die dem Gig im Beatpol beiwohnen, haben alles richtig gemacht, erlebten sie doch eine extrem sympathische und auch spielfreudige Band. Zu Beginn des Auftritts noch etwas verhalten und distanziert wirkend, ist das Eis schnell gebrochen. Sänger Yaya lässt sich schon nach wenigen Stücken zu der Bemerkung hinreißen, dass sich die Musiker den Dresdner Fans sehr nah fühlen – »auch wenn wir hier oben auf der Bühne relativ weit weg sind.«
Auf der aktuellen Tour präsentieren Herman Dune ihr neues, mittlerweile zehntes Album »Strange Moosic«. Die Platte ist nach einer längeren Auszeit erschienen und trägt denselben Namen wie das im vergangenen Jahr gegründete bandeigene Label. In ihrer Mischung aus Indierock, Folk und Pop versprühen die Songs live noch mehr Feel-Good-Stimmung als sie es zu Hause vor den Boxen ohnehin schon tun. Allen voran der Ohrwurm »Tell Me Something I Don´t Know«. Der Bart und Hut tragende Yaya und seine Kollegen scheinen sich in Dresden richtig wohl zu fühlen, was der Sänger nicht nur mehrfach erwähnt, sondern auch durch kleine Gitarren-Tanzeinlagen unterstreicht. Obwohl er zunächst etwas irritiert gewesen sei, als es hieß, man spiele dieses Mal im Beatpol. Bei Ankunft am Veranstaltungsort war dann aber sofort klar, dass alles bestens ist, denn der altbekannte Starclub hat seit ihrem letzten Auftritt nur seinen Namen gewechselt. Beim nächsten Dresden-Gastspiel könnte es aber möglicherweise tatsächlich zu Irritationen kommen – dann nämlich, wenn die Größe des Beatpol nicht mehr ausreicht für all die Besucher, die zu den Franzosen wollen. Bands wie The Kooks und Arcade Fire, die Herman Dune bereits supportete, können davon ein Lied singen. Stefan Bast
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Mono und Red Sparowes am 19. Juli 2011 im Beatpol. Musik sagt mehr als tausend Worte. Eine gern benutzte Redensart, die an diesem Abend im Beatpol so sehr gestimmt hat wie selten zuvor. Das Programm eröffneten Red Sparowes, die – obgleich als erste Band auf der Bühne – überhaupt nicht als Vorgruppe gelten konnten. Ganz im Gegenteil, formen doch Mitglieder der Bands Isis, Angel Hair und Neurosis dieses Musikerkollektiv. So war der Saal bereits frühzeitig gut gefüllt. Die Amerikaner machten sofort und unmissverständlich klar: Dies wird der Abend für alle Kopfkinoliebhaber. Hypnotische Stücke, die immer wieder in exzessiven Gitarrenorgien kulminierten. Das oft schleppende Schlagzeug, der Bass und auch Keyboard-Klänge machten den Soundtrack rund. Dazu gab‘s bewegte Bilder auf der Leinwand, die zwar nicht neu waren, aber den Songs von Red Sparowes die passende visuelle Komponente gaben. Eine gute Stunde dauerte die Klangreise. Danach wurde zügig umgebaut und der Sound gecheckt, und zwar von den Mono-Musikern höchstpersönlich.
Nach fast zehnminütigem Synthie- und Arien-Intro setzte mit den ersten Live-Tönen auch schon die Sogwirkung ein, die von Mono-Stücken ausgeht. Die Japaner sind seit über einem Jahrzehnt aktiv und haben ihren Postrock perfektioniert. Im Beatpol spielte sich das Quartett schnell in einen Rausch. Meist wurden zunächst ganz zart die Songstrukturen aufgebaut, um schlussendlich in einer exzessiven Soundwand ihren Höhepunkt zu finden. Faszinierend dabei: Die beiden Gitarristen Takaakira Goto und Yoda spielten lange Zeit ausschließlich im Sitzen. Erst als irgendwann die Emotionen wohl nicht mehr unter Kontrolle zu halten waren, gaben sie ihre Sitzposition auf. Ein nicht unerheblicher Teil der Mono-Wirkung geht von der Bühnenpräsenz der Musiker aus. Wie sie förmlich in ihre Instrumente hineinkriechen und Ungeahntes herausholen – das ist eine Augenweide für sich. Visuals würden da nur ablenken. Die knapp 90 Konzertminuten endeten mit angedeuteten Dankesverneigungen. Und ohne Zugabe. Es war einfach alles gesagt. Auch ohne ein Wort. Stefan Bast/ Fotos: André Hennig
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Iron & Wine am 14. Juli 2011 im Beatpol. Wer sagt eigentlich, dass Vorband und Hauptact in irgendeiner Weise zusammenpassen müssen? Da das offenbar niemand tut, trieb man erst einmal die Altbarden von Eleventh Dream Day in die Arena. Deren gut abgehangener 90´s Chicago-Rock hatte nun auch gar nichts zu tun mit dem, was folgen sollte: der singende Filmwissenschaftler Sam Beam und sein achtköpfiger Begleitzirkus, besser bekannt als Iron & Wine. Ohne großes Vorgeplänkel nahm man auf dem fliegenden Klangteppich Platz und hob ab. Mit so illustren Archetypen wie Jethrow Tull, Supertramp, Devendra Banhart und – fast schon physisch anwesend – Fleetwood Mac im musikalischen Kollektivgedächtnis begab sich das Ensemble auf die Reise in diverse euphonische Himmelsrichtungen, um anschließend noch eine Runde um den Ashram in Rishikesh zu drehen. Ausflüge in funkige und (free)jazzige Gefilde blieben dabei ebenso wenig außen vor wie deftige straightforward Nummern. Und mit sieben exzellenten Musikern sorgten Iron & Wine für so viel epische Klanggewalt, dass oben beschriebene Melange nie peinlich wirkte, ganz im Gegenteil.
Nun fragt sich natürlich der aufmerksame Leser, wieso Mr. Beam und seine achtköpfige Truppe plötzlich auf sieben reduziert sind. Es handelt sich dabei um kein mathematisches Paradoxon, sondern um die Entbehrlichkeit der beiden Background-Elfen, die über ein etwas inflationäres »uuuhuaaahuuu« selten hinauskamen. Dafür entschädigte am Ende die Erkenntnis, dass sich selbst unter Einsatz eines Banjos hervorragende Musik machen lässt. André Hennig/ Fotos: Stefan Bast
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The Pains of Being Pure at Heart am 4. Juli 2011 in der Groove Station. Der Name der New Yorker Combo ist nicht unbedingt das, was man als eingängig bezeichnet. Das kann man von der Musik, die The Pains of Being Pure at Heart kreieren, allerdings durchaus behaupten. Die vier Anfang- bis Mitt-Zwanziger lieferten eine professionelle Performance, was nicht wirklich verwunderte, schließlich sind sie bereits seit vier Jahren und zwei Alben im Geschäft. Was als Spaßprojekt für eine Geburtstagsfeier von Keyboarderin Peggy Wang (ein Augenschmaus auf der Bühne) startete, entwickelte sich kurzerhand zu einer echten Band. Zunächst erspielte sie sich eine lokale und später (v.a. via Web) eine internationale Fangemeinde. Auch in Dresden. Viele der Konzertbesucher waren im Alter der Protagonisten und ziemlich textsicher. Die indie-poppigen Klänge, angereichert mit einer Prise Rockappeal, luden von Beginn an zum Mitwippen ein. Was sich jedoch bereits auf den Alben und nun auch live zeigte, waren die der Musik fehlenden Ecken und Kanten. Leider nur ganz selten hat das Quintett die Saiten mal richtig malträtiert. Das waren die spannendsten Momente. Insgesamt blieben die Stücke, die an Bands wie The Smith, The Cure und Belle and Sebastian erinnerten, zu austauschbar. Und dass nach nur 60 Minuten Feierabend ist, scheint inzwischen gerade bei jüngeren Musikkollektiven Usus zu sein. Eine spontane Zugabe wäre auch schwierig gewesen, da der Mann am Mixer sich in seinem Zweitjob um den Merchandise-Stand zu kümmern hatte. Und viele der Dresdner Fans wollten einfach nicht ohne ein Mitbringsel ihrer Lieblinge nach Hause gehen. Stefan Bast/ Fotos: André Hennig
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[pi !] luden zur Record-Release ihres Debütalbums am 1. Juli 2011 ins Kleine Haus. Und es wurde ein denkwürdiger Tag. Alf Ator gab im Vorfeld das »Geheimnis seiner Schönheit« preis und besetzte unter tatkräftiger Mithilfe der in den ersten Reihen lauernden willigen Opfer seine »Band« mit immer neuen Dilettanten und spielte so, ganz Profi wie er nun mal ist, die Rolle des Anheizers. Danach erklommen Max, Rany, Kreide und West alias [pi !] die Bühne und boten eine emotional bewegende Vorstellung. Klar, dass die Songs des Debütalbums im Zentrum standen, und die allermeisten davon funktionieren auch auf der Bühne bestens, doch brauchte es seine Zeit, bis sich der Rock-Vierer warmgespielt hatte. Mit »Loathe & Fear« und dem sich darauf eindringlich ins Ohr bohrenden »Shave Your Legs« und unter Zuhilfenahme von Gastsängerin Enna und einem zweitem Gitarristen brach das Eis. Gitarrist Max bekam mehr Raum zur Entfaltung, Rany wurde zur Rampensau und das zahlreich anwesende Publikum ging begeistert mit. Es hielt eh nicht allzu viele auf ihren Sitzen. Auch wenn das ein oder andere an die Wand projizierte Video nicht so recht passen wollte – Hier verließ wirklich keiner vorzeitig den Saal! Ein perfekter Start für [pi !] Heinz K.
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BRN 2011. Schlendern, Schlemmen und Feiern mit Plan – Wie jedes Jahr, war auch diesmal die entscheidende Frage auf der BRN, die nach einem Plan. Der hätte durchaus hilfreich sein können, schließlich hatte das traditionsreiche Dresdner Stadtteilfest wieder einiges zu bieten. Besondere musikalische Highlights gab es dieses Jahr auf der Aluna- und der Merkwürden-Bühne im Alaunpark. Während man vor der Aluna im Herzen der BRN ausgiebig feiern konnte, so kam im Alaunpark richtiges Festival-Gefühl auf. Der Lustgarten war auch dieses Jahr wieder eine tolle Location als Chill Out Area mit Hinterhof-Flair und am Martin Luther-Platz konnte wieder exotisch geschlemmt werden. Für die Kinder bot die Talstraße ein buntes und alternatives Programm und auch wenn der BRN Beliebigkeit vorgeworfen und der Kommerz kritisiert wird, sollte Dresden froh und stolz sein, ein so beliebtes Stadtteilfest zu haben, zu dem begeisterte Besucher aus ganz Deutschland und Europa anreisen, um mit den Dresdnern zu feiern. Sara Oslislo/ Fotos: Georg Wicher, Moritz Bartl, Damir Latte
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Ra Ra Riot am 26. Mai im Beatpol. Obwohl keine ganz Unbekannten mehr, konnten die sechs Amerikaner von Ra Ra Riot nur ein paar Dutzend Zuhörer – hauptsächlich recht junge – vor die Bühne locken. Vielleicht lag es am Sommerwetter, das eher nach Vor-der-Tür-Aktivitäten schrie. Die Instrumentierung der New Yorker war eine der interessanteren, die man in den letzten Jahren im Beatpol zu sehen bekam: klassische Rockbesetzung plus Streicherinnen (Violine, Cello). Letztere dürften insbesondere den Herren im Publikum gefallen haben, denn die beiden Damen verstanden sich nicht nur auf ihre Instrumente, sondern auch auf attraktive Bühnenkleidung. Ra Ra Riot ließen ansatzweise Erinnerungen an energetische Rockshows à la New Model Army & Co. wachwerden. Leider nur ansatzweise, denn die Twentysomethings musizierten mit angezogener Handbremse. Der Wille zu musikalischer Euphorie war vorhanden, allein er blitzte zu selten auf. In den flotteren Passagen war auf der Bühne ordentlich was los. Der Bass mühte sich, neben seinen zwei anderen vierseitigen Geschwistern, reichlich. Auf das Publikum wollte der Funke allerdings nicht so recht überspringen. Die dargebotenen Songs waren solide, aber ohne das nötige Feuer gespielt. Angesiedelt zwischen Indie-Pop, Rock und Kammermusik wurden die Möglichkeiten nicht ausgeschöpft. Gerade von den beiden Streichinstrumenten haben sich Viele sicher mehr erhofft. Sie wurden jedoch vom Mann am Mischpult eher »untergebügelt«. Echte Ohrwürmer waren Fehlanzeige, das Dargebotene schlichtweg zu nivelliert. Ihr Potential war an diesem Abend spürbar. Wünschen wir der Band, dass sie ihre Möglichkeiten künftig besser nutzen kann, dann kommt es auf der Bühne irgendwann auch zu einem echten »Riot«. Tom Ehrlich/ Fotos: Stefan Bast
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Laurie Anderson in Hellerau. Mit solch einem Ansturm hatten die Veranstalter wohl dann doch nicht gerechnet. Dutzende kamen am Abend des 24. Mai 2011 ans Festspielhaus in der Hoffnung, vielleicht doch noch ein Rest-Ticket zu ergattern – und wurden enttäuscht. Das Schauspielhaus wäre für diese hohe Nachfrage wohl die Alternative gewesen. Die 400, die das Glück hatten, ein Ticket für den ersten Auftritt der New Yorker Ikone der Performance Art, Laurie Anderson, in Dresden zu ergattern, wurden zwei Stunden lang verzaubert. Ohne sich mit einer Begrüßung aufzuhalten, zog Laurie Anderson das aufmerksame Publikum unmittelbar mit ihrem Erscheinen in einen Strudel aus persönlichen Erinnerungen, skurrilen Anekdoten und melancholischen Selbstbetrachtungen, die sie in eine Klang-Bild-Collage (mit deutschen Obertiteln) aus perfekt aufeinander abgestimmten, ineinanderfließenden starken Bildern und elektronisch verfremdetem Geigensound kleidete. Der Tod ihrer Mutter, ein Besuch auf Island, Beobachtungen am Wegesrand und wieder der Tod und die Vergänglichkeit allen Mühens – Laurie Anderson präsentierte sich an diesem Abend als großartige Erzählerin und als Gesamtkunstwerk; intellektuell, ja unbedingt, aber nicht abgehoben über den Dingen stehend. Mit tief dröhnender Anchorman-Stimme philosophierte sie über den amerikanischen Traum und die Grundfragen des Lebens und wob so die Puzzleteile meditativ zu einem homogenen Ganzen. So brauchte es seine Zeit, bis das Publikum aus dem dunklen Traum erwachte und mit Ovationen dankte. Sie bedankte sich mit einer Geigenzugabe und den kühlen Worten »Thank you«. Heinz K.
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sound of dresden band slam 2011. Am 5. März gaben sich in der Scheune die sechs auserwählten Bands die Ehre und alle Mühe, das zahlreich erschienene Publikum von ihren Qualitäten zu überzeugen. Nellis Elefant kam dabei der recht undankbare Part des Openers zu, doch ihre akustisch mit Gitarre, Geige und Stimme vorgetragenen Songs wussten das aufmerksame Publikum zu fesseln. Die dynamisch-druckvolle Performance der Live-Drum´n´Bass/ Dancehall/ Dub-Spezialisten von Jamkaboom stellte einen ersten Höhepunkt dar. Die beiden Akustik-Gitarristen von Raw Acoustic hatten es danach schwer, haben sich es sich aber mit einem wenig originellen Auftritt selbst zuzuschreiben, dass ihre Rocksongs und Balladen nur mäßig Anklang fanden. Pretty Mery K um Sängerin Meryem Kilic konnten den Ausfall ihres Bassisten durch konzentriertes Spiel und packende Indiepop-Songs auf akustischer Basis kompensieren. Die Folkrocker Schimmelreiter, deren offensichtlich missgestimmter Frontmann nicht einmal ein Lächeln zustande brachte, setzten den Schlussakkord – doch den Auftritt der sechsköpfigen Action-Rap-Bande Harry Bush konnten sie alle nicht toppen. Die Live-Performance der Jungs um die beiden Front-MCs im Feinrippunterhemd war so beeindruckend, witzig und dynamisch, dass es auch noch die Letzten vom Barhocker riss. Die Entscheidung des Publikums fiel dann zwischen Jamkaboom und Harry Bushh denkbar knapp aus: Per Applausometer vom souveränen Moderator Christian Meyer ermittelt und verkündet, dürfen sich Harry Bushh zurecht auf die Goldene Schallplatte, den dazugehörigen Titel »Newcomer des Jahres 2011« und die Teilnahme an einem Workshop der Scheune-Akademie sowie den Jurypreis (zwei Tage im HipGun-Studio) freuen. Das gab´s noch nie, dass der Sieger beide Preise einheimsen konnte! Fazit: Das Niveau einer Record-Release-Party zum Sampler »sound of dresden« war noch nie so hoch wie in diesem Jahrgang. Das lässt auf 2012 hoffen! Frog/ Fotos: Regine Hempel
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