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Ich! Ich! Ich! Ich! Ich! - Alexander Ekmans »Cow« katapultiert das Ballett der Semperoper ins Jahr 2016

13. März 2016 – Endlich! Es ist geschafft. Die jahrelange Arbeit hat sich ausgezahlt. Nachdem die technische Raffinesse des Ballettensembles der Semperoper schrittweise äußerst erfolgreich aufgebaut worden ist, spielt das Ensemble seit gestern Abend auch in Sachen Choreographie und Sujet ganz vorn mit. Nachdem Alexander Ekmans Arbeit »Cacti« bereits an der Semperoper lief, waren die Erwartungen an seine Uraufführung »Cow« entsprechend hoch. Da er allerdings bereits mehrfach bewiesen hat, dass er durchaus in der Lage ist, abendfüllende Arbeiten von unbeschreiblicher Kraft abzuliefern, bestand im Grunde genommen kein Zweifel am Gelingen dieser Arbeit. Das Ergebnis ist Ballett des 21. Jahrhunderts in besonderer Qualität.


Es hat sich bewährt, Ekman einfach machen zu lassen und auf seine Kreativität zu vertrauen. Mit ihm hat jetzt die Generation youtube Einzug in die Semperoper gehalten. Das ist rotzfrech, vergnügt, albern, komplex und eine Verbeugung vor der Geschichte des Tanzes und allen seinen Ausdrucksmitteln. Zu Beginn tappt Christian Bauch auf allen Vieren über die Bühne und schaut entspannt ins Publikum. Er ist die Kuh schlechthin. Das ist lächerlich, aber nicht nur. Die Kuh reift im Lauf des Abends zu einem Sinnbild der inneren Gelassenheit, die ihr eine Aura der Erleuchtung aufsetzt und sie damit evolutionär irgendwie über den Menschen zu stellen scheint. Das entrückt die Kuh aber genau so wenig, wie hier auch kein abgespacetes Hirngespinst umherflirrt.


Christian Bauch spricht einige Sätze. Er bittet, man möge sich vorstellen, man wäre noch nie in einem Theater gewesen. Es geht hierbei aber nicht um einen state of mind im Sinn von tabula rasa. Die Sache hat ihren doppelten Boden. Neben dem vermeintlichen Neuentdecken theatralischer Möglichkeiten unterliegt dem auch eine Spitzfindigkeit: In Bauchs Sakko klingelt ein Handy. Er hält es kommentarlos hoch und schmettert es in die Ecke. Alles klar? Gut. Geht los.


Was folgt, ist eine Form des Tanzes, die sich freizügig bei den Mitteln des Theaters bedient, sich weit aus dem Fenster lehnt und dabei kein einziges Mal wackelt. Ganz klar: Diese junge Generation, Ekman ist Jahrgang 1984, kennt keinen Zweifel. Selbstbewusstsein ist hier die Devise. Und auch ein ganz kleines bisschen Egozentrik. Oder ganz viel davon. So einfach kann man das nicht festlegen.


In einer feinen Symbiose aus Musik (Mikael Karlsson), den überbordenden und gleichzeitig reduzierten Kostümen von Henrik Vibskov und den klugen Videos von T.M. Rives zeigt sich der Tanz auch von hinten und wird von allen Seiten hinterfragt. An sich ist das nichts Neues, aber die Mittel, die dabei zum Einsatz kommen, schaffen eine heutige Wirkung. Da wird ein Video gefühlt respektlos auf den Schmuckvorhang projiziert: »Gefällt Dir das?«. Gleichzeitig tanzen Julian Amir Lacey und István Simon ein Stück ohne Musik. Einfach so. Schön und ohne weitere Bedeutung. Kein dramatischer Ballast. Und trotzdem kein Quatsch, sondern beste Qualität.


Der Abend ist ohne Handlung; Bild reiht sich an Bild (und schöne sind es noch obendrein), und trotzdem ergibt sich ein organisches Ganzes. Die einzelnen Szenen stehen klar abgegrenzt nebeneinander, ergänzen sich aber ohne Mühe. Eine Szene besteht nur aus einem Video, in dem Bauch die Komplexität des Arbeitsprozesses reflektiert. Es ist nicht einfach, eine Kuh zu sein. Zwischendurch tanzt das Ensemble über die Brühlsche Terrasse. Das ist leichtfüßig. Das ist Entertainment. Das ist erfrischend. Mit dieser Bereicherung des Repertoires erreicht die Semperoper ein neues, deutlich junges Publikum. Deshalb hat Alexander Ekman zum Schlussapplaus der Uraufführung auch einen Kasten Radeberger auf die Bühne gestellt. Product Placement hin oder her: Prost!

Rico Stehfest / Fotos: T.M. Rives

Nächste Vorstellungen: 14., 16., 17. und 28. März



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