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Prismatischer Ohrenputzer: »Karl May, Raum der Wahrheit« von Manos Tsangaris in der semper 2
Während die Semperoper auf der großen Bühne vor kurzem noch einen berühmten Jubilar feierte und mit gehörigem Tamtam am gängigen Markenzeichen herumpolierte, liefen auf der kleinen Bühne, gewissermaßen im Schatten der Großveranstaltung, die letzten Vorbereitungen zur einer alternativen, wiewohl um vieles mutigeren und künstlerisch aufregenderen Vorstellung: die Uraufführung von Manos Tsangaris' neuem Musiktheaterstück »Karl May, Raum der Wahrheit« mit einem Libretto von Marcel Beyer.
Karl May gibt dabei als Figur, gerade für Dresden, ein dankbares Bühnen-Sujet, immerhin ist der Radebeuler Großschriftsteller ein anschauliches Beispiel dafür, wie man, freilich mit einiger Anstrengung und ungewissem Ausgang, ein Wunsch- und Traumbild seiner Selbst gegenüber der leidigen und störenden Realität durchficht. Ist Karl May selbst in seinen Büchern als ein eher gemütvoller Erzähler bekannt, der alles hübsch nacheinander erzählt und dabei mehr auf das Was als aufs Wie des Erzählten achtet, so ist Marcel Beyer dies in seinem Libretto über Karl May gerade nicht. Die Zeiten- und Erlebnisebenen geraten gründlich durcheinander, überlagern sich, Karl May tritt zugleich als junge und alte Figur, als Tenor, Bariton und Sprecher auf, er agiert, erleidet, räsoniert und träumt in wechselnden Konstellationen. Die Szene gleicht dadurch mehr einem assoziations- und andeutungsreichen, und mitunter recht kryptischen Prisma, das vieles zeigt, bei dem der Zusammenhang nicht zwingend ist. Das Schöne daran ist, dass gerade darin ein beträchtlicher ästhetischer Genuss liegt, endlich einmal nicht alles fertig und vor-verstanden serviert zu bekommen. Das klingt anstrengender als es ist - harte Kopfarbeit ist hier nicht gefragt, Träumen ausdrücklich erlaubt. Verständnishungrigen empfiehlt sich die Lektüre des Programmheftes vor der Aufführung.

Die Musik von Manos Tsangaris scheint im Vergleich zu seinen kleineren Stücken glatter, etwas weniger experimentell – eine überaus interessante und gelungene Anverwandlung der musikalischen Avantgarde an die große und traditionsreiche Form der Oper. Trotz aller stilistischen Konsistenz klingt die Musik ungemein überraschend und frisch, man meint es knistern zu hören, vor musikalischer Echtzeit. Sehr schön nebenbei auch die Führung der Vokalstimmen und die sängerfreundliche Behandlung des Kammerorchesters, das zum Teil mit ungewöhnlichem Instrumentarium spielen darf, und unter der Leitung von Erik Nielsen einen gut aufgefächerten, fluffigen und wach agierenden Klangraum schafft. Bühne und Regie von Okarina Peter und Manfred Weiß nehmen die Offenheit der Vorlage ernst, anstelle des Guckkastens vollzieht sich die Bühnenhandlung auf einem quadratischen Steg, der um das in der Mitte des Raums platzierte Orchester herumführt. Beleuchtung und Bühnenbild in warmen Gelb- und Brauntönen lassen am ehesten noch Reminiszenzen an Wildwestromantik aufkommen, und tauchen den Raum in eine weichgezeichnete Sepia-Fotografie, auf der sich Old Shatterhands Lederjacke ungemein harmonisch ausnimmt. Neben der Sängerriege hinterlässt Julian Mehne als Sprecher des Karl May den größten Eindruck auf der Bühne, erscheint er in der Darstellung dieser diffusen Mischung aus Unsicherheit und Anmaßung, Ungeschicklichkeit und Raffinement als eine glaubhafte Reinkarnation seiner Figur.
Der Semperoper ist mit dieser Produktion zum Ausklang der Saison und im Schatten des gefeierten Jubiläums noch ein heimlicher Höhepunkt gelungen. Hoffentlich wird es dort solch aufregende Initiativen auch in Zukunft geben.
Aron Koban/ Fotos: Matthias Creutziger

Weitere Vorstellungen: 26./28./30.6., 4./5.7.2014, jew. 19 Uhr.



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