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Die an der Hoffnung zerren: Christa Wolfs Roman »Der geteilte Himmel«
als Uraufführung im Schauspielhaus. Eine alte Dame, die Lehrerin Rita, denkt noch einmal zurück, was 1961 geschah, nachdem sie den Chemiker Manfred kennenlernte. Über ihr: ein tief hängender, grauer Stoffhimmel, an dem aufprojizierte Wolken langsam vorbeiziehen. Rita (Hannelore Koch) beginnt zu erzählen, wie es begann, während eine panische Rita im mittleren Alter (Annika Schilling) schon mit den Folgen zu kämpfen hat bis ein Arzt ihr Beruhigungsspritzen verabreicht. Dann erhebt sich der Himmel, und wir werden Zeuge des ersten Zusammentreffens von der dritten und jüngsten Rita (Lea Ruckpaul) und ihrem Manfred, dem Liebespaar, das Christa Wolf 1963 mit ihrer Erzählung »Der geteilte Himmel« zur bedeutendsten Literatin der DDR machen sollte.
Am 19. Januar 2013, 50 Jahre nach dem Erscheinen des Romans, feierte nun das Staatsschauspiel die Uraufführung seiner Bühnenadaption. Wer dabei eine kolorierte Fassung des gleichnamigen DEFA-Films auf der Bühne erwartet, hat leider Pech, denn in seinem Stück bekennt Regisseur Tilman Köhler bis auf ein paar bunte Luftballons inszenatorisch nur wenig Farbe. Viel mehr als das auf und ab fahrende, multifunktionelle Himmelstuch, ein klappriges Fahrrad und eine weitere Stoffbahn, die ein ziemlich spannendes Bühnengeheimnis verhüllt, gibt er seinen sieben Schauspielern dann auch nicht in die Hand, um die Geschichte der zwei Liebenden kurz vor dem Mauerbau lebendig zu gestalten. Doch was sich daraus alles machen lässt, ist vor allem bis zu Manfreds Flucht in den Westen wirklich schön von Bühnengestalter Karoly Risz anzusehen. Die Schauspielstudientin Ruckpaul gibt sich als Mädchen Rita besonders sportlich und klettert mal in einem der berührendsten Momente auf ihren geliebten Manfred (Matthias Reichwald) um den Himmel als erfühlbare Hoffnung ganz sachte zu berühren oder zerrt daran bis sie sich einwickelt und nach hoch oben gezogen wird; aus Frust und Angst, die junge Liebe könnte einzig an politischen Geschehnissen zerbrechen. Solche Metaphern sind wunderbar eingesetzt und zeichnen Köhlers sehr physische Inszenerierung als etwas Besonderes aus.
Die drei Darstellerinnen charakterlich zu einer Person zusammenzufassen, um Ritas Entwicklung nachzuvollziehen, ist dagegen schwieriger. Dafür ist Ruckpaul von Schilling und Koch einfach schon optisch und spielerisch zu verschieden und eine zusätzliche Rollenbesetzung der letzteren Beiden als Mutter oder Betriebsgenossin trägt vor allem für Nichtkenner der Vorlage nicht weniger zur Entwirrung bei. Viel stärker und über alles andere hinaus wirkt dann aber der letzte Kniff, wenn die Bühne kippt und man sich mit einer betongrauen Wand konfrontiert sieht. Es wird jedem bewusst, was soeben geschehen ist, jedoch kann dieser Überraschungseffekt leider weniger emotional als viel mehr optisch überzeugen Über den Film wurde einst gesagt, er sei ein »Mauerfilm, in dem das Bauwerk nicht vorkommt und doch ins Unendliche ragt«, Das Stück geht allein aus Mangel an Möglichkeiten nicht so subtil vor und verliert dadurch etwas von seiner ansonsten durchaus positiven Wirkung auf den aktuellen Zeitgeist einer Generation, die gern vergisst und sich schon bald nur noch durch eben solche Kultur mit der Teilungsproblematik beschäftigen kann. Martin Krönert

Weitere Termine: 21./30.1.; 13.2.; 2./10.3.2013



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