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Romantik in Slow Motion - Mit „Caspar David Friedrich. in betrachtung des mondes“ fordert das tjg sein Publikum heraus
Die Künstler der Romantik propagierten ihrer Zeit einen radikalen Bruch mit den bestehenden Darstellungskonventionen. Statt Ratio, Vernunft und ästhetischer Geschlossenheit standen nun Gefühl, Intuition und das Fragmentarische, zuweilen kalkuliert Unverständliche im Mittelpunkt. Diese Leitgedanken nahm sich auch Regisseur Jo Fabian bei seiner dritten Inszenierung am tjg zu Herzen. Dieses Stück will nicht verstanden werden. Vielmehr geht es darum, zur eigenen romantischen Imagination anzuregen, was dem Zuschauer allerdings viel guten Willen abverlangt.


Idee und Konzept erscheinen durchaus schlüssig. Die von der Romantik geäußerte Kritik an der Einseitigkeit von Schrift und Sprache führt in der Konsequenz dazu, dass in diesem Stück nicht gesprochen wird. Der viel beklagten Beschleunigung der modernen Welt wird damit entgegengewirkt, dass jegliche Aktionen in Zeitlupe ablaufen. Eine geschlossene Handlung gibt es nicht. Geschehnisse und Interaktionen zwischen den insgesamt acht Charakteren werden nur angedeutet. Es entstehen Szenen, die im durch Kostüme und Dekorationen authentisch eingefangenen Flair des 19. Jahrhunderts durchaus Stimmung entfalten, allerdings zusammenhanglos sind. Der Bühnenraum wird so selbst zum Gemälde, während in seinem Zentrum auf einer großen Leinwand die Bilder Friedrichs entstehen und in den Fenstern als Ausblick dienen. Die Musik und aus dem Off eingespielte Texte mit romantischen Erlebnisschilderungen unterstützen die Atmosphäre. Die Schauspielerinnen und Schauspieler vermögen es dabei durchaus, echte Emotionen auszudrücken.


Doch reicht dies aus, um den Zuschauer 60 Minuten lang zu fesseln? In den besten Momenten scheint man einige Sekunden den Geist des romantischen Augenblicks zu spüren, der Caspar David Friedrich zu seinen Gemälden inspirierte. Über weite Strecken ertappt man sich allerdings dabei, die Gedanken schweifen zu lassen und dem Geschehen auf der Bühne keine Beachtung mehr zu schenken. Harte Zäsuren und deplatziert wirkenden Tanzeinlagen lassen das Publikum zudem lediglich mit einem großen Fragezeichen zurück. Spannungsbögen und Aha-Effekte sucht man vergeblich. Eigenwillig und rätselhaft wirkt dieser Versuch, sich der romantischen Weltsicht anzunähern. Durch die dichte Atmosphäre und einzelne wirklich gelungene Impressionen könnte das Stück für aufgeschlossene Freunde der Romantik dennoch interessant sein. Für alle anderen besteht leider die Gefahr, das Theater nach der Vorstellung recht unbefriedigt zu verlassen. Willi Barthold / Fotos: Dorit Günter

Nächste Vorstellungen: 22., 24. & 25.9., 8.-10.10.2014



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