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The Show must go on: Peeping Tom gastieren erneut in Hellerau
Bereits zum dritten Mal erfreut die belgische Kompanie Peeping Tom mit ihrem verstörenden Tanztheater Dresden. Ihre außergewöhnliche Handschrift hat sich inzwischen herumgesprochen. Das Festspielhaus platzte am Freitag wieder aus allen Nähten.
Die neue Produktion »Vader« gleicht erneut einem Traum, einem skurrilen Traum, frei von Logik, nah an der Grenze zum Alp. In einer Art Veranstaltungssaal eines Altenheimes schwirren Figuren umher, von denen keiner ist, der er ist. Ein Putzgeschwader entpuppt sich als Gruppe von Bewohnern. Pflegekräfte sind plötzlich Sohn und Tochter eines Bewohners, der zuvor selbst seinen alten »Vader« aufs Abstellgleis bugsiert hatte. Selbst die eigene Stimme gehört einem nicht.
Es ist Prinzip, dass Peeping Tom keinen roten Faden spinnen. Immer wieder schaffen sie in realistischen Kulissen filmhafte Sequenzen, die teils unergründlich wirken. Immer wieder arbeiten sie auch mit Statisten. Hier werden die älteren Herrschaften auch als Musiker eingesetzt, die gewollt dilettantisch und falsch ihre Instrumente zu eingespielter Musik bedienen. Diese peinliche Falschheit erzeugt eine Atmosphäre der Verzweiflung, der Trostlosigkeit. Und trotzdem dreht sich alles immer weiter. Eine Tänzerin in der Blüte ihrer Jugend schrumpft vor den Augen des Publikums in sich zusammen, wird fahrig in den Gesten, bis ihre Stimme ins Komische kippt und sie schließlich als Alte mit knochigem Kiefer und starren Fingern im Rollstuhl landet. Sie krächzt gerade noch »I don't want to sleep.« Doch das Pflegepersonal weiß es besser. Diese Verwandlung, gänzlich ohne Kostümwechsel oder Maske, ist schlichtweg unbeschreibbar.

Wie gewohnt verbiegen sich die Tänzer in scheinbar anatomisch unmöglicher Weise und rollen als Bündel über den Boden. Da kommt es schon mal vor, dass so ein Knäuel einfach unter den Tisch gekehrt wird. Der choreografische Ansatz erscheint dieses Mal weniger differenziert. Die Tanzsequenzen motivieren sich zwar jeweils aus der Situation heraus, sind aber neben dem restlichen Geschehen geradezu herausgestellt. Nicht zuletzt dadurch entsteht eine Art der Dramaturgie, bei der das Murmeltier täglich grüßt. Und genau das ist es: Man schaut diesem Treiben zu in der Sicherheit, dass dieser Zauberberg nie ein Ende finden wird, weil es einfach kein Ende geben kann. Ein bisschen Hölle, ohne Ausgang. Man richtet sich darin ein, zwangsläufig. Bis plötzlich doch das Licht ausgeht. Rico Stehfest

nächste Vorstellung: 21.6.2014, 20 Uhr im Festspielhaus Hellerau.



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