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Forschung am lebenden Subjekt – Die Dresden Frankfurt Dance Company betrachtet im Festspielhaus Hellerau die Artenvielfalt


25. Mai 2015 – Das Programmheft formuliert es unmissverständlich: »Vor dem Raum kommt immer der Körper«. Mit dieser Prämisse verweist Luisa Sancho Escanero, Künstlerische Koordinatorin der Dresden Frankfurt Dance Company, fast schon auf einen programmatischen Ansatz. Auch in der neuen Arbeit »Extinction of a Minor Species« brechen die Tänzer aus, in den Raum hinein, der so erst durch ihre Anwesenheit entsteht. Klingt komplizierter, als es ist.


In einer Zusammenarbeit mit der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung ist ein Konzept entstanden, das die Relation Raum vs. Körper gleich zu Beginn in Frage stellt. Im Dalcroze-Saal stehen mehrere von innen beleuchtete Vitrinen. Deren milchglasähnlich wirkende Kunststoffwände lassen nur erahnen, was sie so eher verbergen. In den Vitrinen sind fast nackte Tänzer eben gerade nicht »ausgestellt«, sondern kaum im Detail auszumachen. Jede Art, jede Pflanze, jedes Tier, betrachtet man bei einer solchen Gelegenheit mit Interesse aus nächster Nähe. Nur diese eine Art, den Menschen, eben gerade nicht. Augenblicklich wäre man sich seiner Rolle als Betrachter bewusst, wodurch jegliche Distanz zum betrachteten Objekt unmöglich gemacht würde. Objekt wäre plötzlich Subjekt. Und Menschen gehören in keine Vitrine. Lebende schon gar nicht. Oder? Wieso dann aber der von einer Nadel durchbohrte Schmetterling?


Drei Teile zeigt die daran angeschlossene Choreographie, die nicht diskret voneinander getrennt sind, zu abstrakt ist das Geschehen auf der Bühne. Alles beginnt mit Blitz und Donner. Dieser Urknall setzt eine Geburt in Gang. Mehrere Tänzer schälen sich langsam aus Plastikfolien. Das ist aber keine Stunde Null der Evolution. Ein satyrhaftes Wesen überwacht diese ersten Bewegungen, beständig umflattert von einem unruhigen, insektenhaften Etwas.


Die Titel der drei Teile, »A Minor Extinction«, »Premonitions of a Larger Plan« und »Postgenomena« verknüpfen laut Programmheft Forschung mit Kunst. Facts vs. fiction? Die hautfarbenen Kostüme der Tänzer lassen keine Individualität zu, sodass die bei Godani bekanntlich stets äußerst kraftvoll ausfallenden Ensembleszenen in manchen Momenten keinen Schluss zulassen, wie viele Wesen da gerade beobachtet werden können.


In dieses Peter-Pan-Land tritt unvermittelt ein Besucher. Ein Tänzer in Motorradkombi erscheint in seiner Rüstung wie ein Fremdkörper. Als solcher verhält er sich auch: Er zeigt sich unvertraut mit dem, was er sieht. Als der Satyr wie von einem Schuss getroffen leblos zu Boden sinkt, wird er ausgerechnet von genau diesem Fremdling sanft aufgefangen. Das Ergebnis ist eine friedliche Pieta.


Der choreografische Ansatz Jacopo Godanis erscheint in dieser Arbeit als weniger artistisch, vergleicht man ihn mit seinen bisherigen Arbeiten. Die aus den ausgestellten Ellenbogen heraus motivierten, exaltierten Armbewegungen und die geschmeidigen Bewegungen der Wirbelsäule fehlen nicht. Auch findet sich wie immer der Tanz auf der Spitze. Das aber alles etwas zurückgenommen zugunsten des inhaltlichen Konzeptes. Wenn eine Reihe Tänzerinnen auf Spitze auf die Bühne trippeln, unterstreicht das Geräusch ihrer Ballettschuhe ihren insektenhaften Auftritt.


Die ganze Arbeit fällt klar aus und überzeugt in ihrer Stringenz. Und ganz am Ende, wenn nach einem langen Duett ein Tänzer und eine Tänzerin wie tot am Boden liegen, sich dann aber doch wieder langsam in außermenschliche Positionen hineinkrümmen, muss man feststellen, dass dieser Reigen zwar voller Leben, aber erstaunlicherweise ganz ohne Emotionen auszukommen scheint.

Rico Stehfest / Fotos: Dominik Mentzos

Nächste Vorstellungen: 25.-28., 31. Mai und 1.-5. Juni im Festspielhaus Hellerau



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