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We are fucking free people – Patti Smith in der Garde.
Keine aufwändige Deko oder Light Show, weder aufdringliche Sponsorenwerbung noch Merchandise – Nur ein schlichtes Konzert ohne technischen Schnickschnack und Show-Effekte bot sich dem Publikum am 8. August 2015 beim Auftritt von Patti Smith und Band in der Jungen Garde. Auf dem Programm standen hauptsächlich die Songs und Balladen des vor 40 Jahren erschienenen Debütalbums »Horses«, allen voran »Gloria«. Und jenes lautstarke Buchstabieren der Beschwörungsformel dschie-el-oh-ar-ei-eh sollte sich wie ein roter Faden durch den Abend ziehen.

Die Stimmung unter den geschätzt 5.000 (in der Mehrzahl jenseits von 40, darunter viele Grauköpfe und einige Freaks, keine Hipster aus der YouTube-Generation) war von Anfang an locker und gelöst. Vor dem Konzert und in ruhigen Momenten blieb Zeit für Besinnung und (Wieder-)Begegnungen. Ein Bekannter drückte mir leihweise sein Fernglas in die Hand, das sofort bei den Umstehenden größtes Interesse hervorrief. Ich traf weitere Bekannte, die ich lange nicht gesehen hatte. Einer davon war neun Jahre in Thailand, so erklärt sich einiges. Anderen erging es wohl ähnlich in dieser familiären Atmosphäre. Dresden ist doch ein Dorf, in das irgendwann alle, die fortgingen, wieder zurückkehren, auch wenn es nur für kurze Zeit oder eben diesen einen Abend sein sollte. Dieser war in der Tat denkwürdig, denn so puristisch wie die Band aufspielte, so hätte das gleiche Konzert doch auch vor 40 Jahren stattfinden können. Allerdings nicht an diesem Ort. Denn dann hätten die Allermeisten keine Chance gehabt, die Ikone des frühen amerikanischen New Wave, die sich damals im CBGB's mit den Ramones-Brüdern, Iggy Pop oder Joe Strummer & The Clash die Klinke in die Hand gab, live zu erleben. Patti Smith erinnert daran, dass Freiheit keine Selbstverständlichkeit ist.

Dieser Abend war in der Tat ein historischer Exkurs, der Niemanden ungerührt ließ, denn Patti Smith gedachte den einstigen Weggefährten, die das Zeitliche gesegnet haben, wie etwa ihren langjährigen Freunden und Wegbegleitern Fred Sonic Smith und Robert Mapplethorpe, und sie gedachte viel zu früh verstorbener Hippie-Ikonen wie Janis Joplin und Jimi Hendrix, in dessen »Electric Lady«-Studio ja bekanntlich ihr Debütalbum entstand. Nach verhaltenem Beginn, erwachte das andächtig lauschende Publikum dann endlich beim stakkatohaft deklamierten, atemlos treibenden Titeltrack »Horses« aus seiner Versunkenheit. Das Tempo zog merklich an und die Reaktionen wurden euphorisch, als sie dann den Dresdnern ihre Referenz erwies: »Johnny went through the streets of Dresden, look at your ancestors, your grandfathers, your fathers and mothers who built up this city again…« Und euphorisch blieb es bis zum Schluss. Daher war der Abschied schon auch ein wenig wehmütig.

Bewundernswert, wie diese Frau von 68 Jahren, diese große Künstlerin, das Publikum mitzureißen vermag. »Use your voice, you are free people, you can change the world!« – Woher nimmt sie nur ihre Energie und diese Zuversicht? »Jesus died for somebody's sins, not mine« – Das ist wahrlich eine Unabhängigkeitserklärung, die am Ende alle verstanden haben. Heinz K./ Fotos: André Hennig




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