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»Die Welt ist arm, der Mensch ist schlecht«: Die Dreigroschenoper im Schauspielhaus
Der durchtriebene Geschäftsmann Jonathan Jeremias Peachum baut sich in London eine regelrechte Bettelmafia auf. Ausgerüstet mit Kostümen und Bein- sowie Armstümpfen sollen seine Angestellten jedem Passanten das Geld aus der Tasche ziehen. Während das Ehepaar Peachum die dubiosen Geschäfte besorgt, verführt der Räuber Macheath deren Tochter Polly. Gemeinsam feiern die beiden heimlich Hochzeit, auf der die Mitglieder von Mackies ruchloser Banditenbande die einzigen Gäste sind. Im Zorn über den Verlust seiner Tochter, die vor allem eine wichtige Arbeitskraft ist, schaltet Peachum Londons Polizeichef Tiger Brown ein. Allerdings sind Tiger und Mackie alte Freunde, die sich schon Jahre gegenseitig zum Erfolg verhelfen. Dem Rat Browns folgend flieht Macheath und übergibt die Führung der Räuberbande kurzerhand seiner Frau Polly. Die Flucht führt den letzten Gentleman Londons zu den Huren, um seiner alten Gewohnheit zu frönen. Dort wird er von Jenny, einer ehemaligen Geliebten, verraten und landet im Gefängnis. Zum Glück ist schon die nächste Geliebte, Lucy, die Tochter Browns, zur Stelle, um den Ganoven freizulassen. Nach erneuter Flucht und wiederholtem Besuch der Huren wird Macheath abermals festgenommen und soll nun mit großem Brimborium gehängt werden. »Die Dreigroschenoper« eröffnet opulent mit dem allseits bekannten Ohrwurm »Die Moritat von Mackie Messer«, in dem jedes Ensemblemitglied unter Begleitung des direkt auf der Bühne platzierten Orchesters eine Strophe singt. Das Leuchtspektakel der drei Bühnengerüste, welche passend zur Musik blinken, der geschmeidig wehende weiße Vorhang sowie die eleganten mit Pailletten verzierten Kostüme erwecken zunächst den Eindruck einer glamourösen Revue-Show. Doch der Schein trügt – ein Ausspruch, der zum Motto des Abends werden sollte.
Mit viel Liebe zum skurrilen Detail setzt Friederike Heller die zahlreichen Facetten und Ambiguitäten des Kultstücks in Szene. So taucht immer wieder ein vermummter Graffitisprayer auf, der mit einzelnen Kritzeleien und Parolen wie »Fuck Reality« das Geschehen auf der Bühne kommentiert. Die fiesen Banditen aus Mackies Gang entpuppen sich, im wahrsten Sinne des Wortes, als alberne und obszöne Figuren aus der Muppet Show. Ständig werden Perücken auf- und wieder abgesetzt, Zombi-Masken gewechselt und sogar Geschlechter getauscht. Dabei finden auch Burleske- und Slapstick-Elemente ihren Weg in die Inszenierung. Am Ende bleibt das Leben nur eine einzige Maskerade, ein absurdes Kinderspiel ohne jegliche Moral. Jeder Mensch ist im Grunde schlecht und nur darauf aus, sich im Glitterregen des Geldes zu räkeln. Nun zumindest scheint ein solches Charakterprofil noch für eine Bankierskarriere zu reichen. Zwar wurde der eine oder andere Gag überzogen, dennoch bildet »Die Dreigroschenoper« vor allem auch wegen des überzeugenden Ensembles einen gelungenen Auftakt der neuen Spielsaison. Nicole Scheffel

Nächste Vorstellungen: 20./28.9.2012



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