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Im Einklang mit dem Tierschutz
Die Sächsische Akademie der Künste lud am 30. Oktober 2013 zum Binationalen Gesprächskonzert in den Kleinen Saal der Dresdner Musikhochschule ein. Dieses Ausweichquartier ist immer noch eine Folge des letzten Hochwassers. Mit den Gästen des Abends wurde aus einem binationalen beinah ein internationales Konzert: Neben dem polnischen Komponisten Tadeusz Wielecki vertrat Annette Schlünz Deutschland und ihre Wahlheimat Frankreich. Das Programm des Abends wurde von beiden Komponisten zu gleichen Teilen gestaltet, Ausführende waren Musiker des Ensembles European Workshop for Contemporary Music, die sehr konzentriert die sechs anspruchsvollen Werke interpretierten.

Die Gründung des Ensembles geht zurück auf das Festival »Warschauer Herbst«, bei dem Tadeusz Wielecki die Funktion des künstlerischen Leiters innehat. Auch an diesem Abend stand Wielecki in einer Doppelfunktion als »kontrabassierender Komponist«, wie Moderator Prof. Dr. Jörn Peter Hiekel in seiner Konzerteinführung erklärte. Das Konzert sollte dem Programm zufolge eigentlich mit einem Werk für Kontrabass solo und Ensemble beginnen und in derselben Besetzung auch ausklingen. Dieser dramaturgische Bogen wurde aber durch eine Programmänderung gebrochen, jedoch mit gutem Grund.
Eröffnet wurde der Abend nämlich mit dem Stück »Fliegen, fliegen?« von Annette Schlünz aus dem Jahr 2003. Als die drei Bildschirme der Video-Installation aufflimmerten, ging ein Raunen durch den Raum. Zu sehen waren in einer Liveübertragung per Videokamera unzählige kleine weiße Maden, die sich in einer Petrischale wanden. Dazu erklangen von einem Bläsertrio bestehend Flöte, Oboe und Klarinette lange Haltetöne in sehr hoher Lage. Wovon dem Hörer zuerst unangenehm die Ohren klingelten, ließ die Maden unbeeindruckt. Diese Töne entwickelten sich nach und nach zu einer fast meditativen Schönheit, man konnte sogar Interferenzen und Obertöne wahrnehmen. Eine besondere Herausforderung für die Musiker war die Bewegung auf der Bühne, während der sie die schwierige Intonation der hohen Töne absolut perfekt halten mussten.

Der zweite Programmpunkt des Abends, »Szmer półtonów«, übersetzt »Das Flüstern der Halbtöne«, für Kontrabass solo und Ensemble, komponierte Wielecki im Jahr 2004. Wielecki selbst stellte sich der hohen technischen Herausforderung des Werkes, das mit Halbtonbewegungen in extrem hoher Lage auf dem Solo-Kontrabass begann. Dirigent Lennart Dohms führte das Ensemble sicher durch die Halbton-Wellen. »Traumkraut« bezeichnete Annette Schlünz selbst als ihr Lieblingswerk. Im Verlauf des Stückes werden alle denkbaren klangverändernden Spielweisen durchdekliniert. Außer der normalen Spielweise von Streichinstrumenten erklingt so ziemlich alles, was man mit dem Instrument machen kann: pizzicato auf dem Griffbrett, unterhalb des Stegs, statt mit dem Bogen auf den Saiten streicht man auf der Korpusrückseite des Instruments, staccato mit der Bogenschraube und mehr. Bei dieser Vielfalt an Spieltechniken erscheint es fast schon erwartbar und gewöhnlich, dass die Interpreten ihre Instrumente während des Spielens verstimmen, was besonders bei Pauke und Kontrabass faszinierende Effekte hatte. Am Ende verliert sich Traumkraut in absoluter Stille.
Statt einer Pause gab es zur Halbzeit des Konzertes ein Gespräch, in dem die Komponisten ihre Werke, ihre Einflüsse und ihre Kompositionsstile erläuterten. Gerade in den Werken von Annette Schlünz findet man eine große kompositorische Vielfalt, die die Komponistin mit der selbstauferlegten Prämisse erklärt, dass sie bei jedem Stück von Null anfange: jede neue Komposition sei ein leeres Blatt, bei dem sie eine neue Herausforderung sucht. Für Tadeusz Wielecki ist Musik ein Mittel, Dinge zu erklären, die man normalerweise nicht bis zum Ende erklären könnte. Das Konzert fand in einer recht kleinen Runde statt; es waren viele Bekannte der Komponisten und der Musiker anwesend, unter anderem auch Annette Schlünz' Kompositionslehrer Paul-Heinz Dittrich, bei dem sie noch zu DDR-Zeiten in Dresden studierte. Dadurch entstand besonders im Gespräch eine intime Atmosphäre.
Das nächste hochwasserbedingte Ausweichquartier für ein Konzert der Sächsischen Akademie der Künste steht schon fest. Es ist in besonderer Weise mit dem Thema der Soirée verbunden: Der Dialog zwischen alter und neue Musik über die Glogauer Lieder findet am 3. Dezember um 19 Uhr im Dresdner Schloss statt. Meike Theis




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