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Wie fließend Wasser – José Gonzalez am 4. November im Alten Schlachthof
José Gonzalez’ aktuelles Album „Vestiges & Claws“ fasst ein preisgekröntes Online-Musikportal so zusammen: „Seine unaufgeregte Musik passt einfach sehr gut zum Leben der meisten Menschen.“ Es lohnt sich, kurz still zu sitzen und sich diesen Satz – nach dem Konzert – auf der Zunge zergehen zu lassen. Ja, denkt man dann, vielleicht ist das ja eine Erklärung für den Hype. Aber irgendwie ist diese These auch ziemlich unbefriedigend. Gerade weil nicht jeden Tag ein Wirbelsturm durchs Leben zieht, wäre doch wenigstens beim Musikkonsum ein wenig Aufregung manchmal ganz hübsch. Oder? Des Latino-Schweden traumschöne Melodien hingegen sind wie die Oberfläche der Substanz im Honigtopf, kein noch so strammes Lüftchen vermag die auch nur zu kräuseln. Weiter nach Erleuchtung suchend googelt man dann noch ein bisschen und stößt irgendwann auf diesen Satz, diesmal im Musikexpress: „Klänge sind das, die wir in Zeiten digitaler Reizüberflutung so nötig haben wie fließend Wasser.“ Uff.


Vorm inneren Auge erscheint eine flauschige, beigefarbene Kuscheldecke, eine Bausparkasse und auf der Zunge perlt imaginär ein sehr milder Chai latte. Der Rezensent, leicht sediert von perfekt performten schläfrigen Singsang wippt verhalten mit. Umringt von einer Meute getarnter mutmaßlicher Bausparer, die ihre Kuscheldecken heute zu Hause gelassen und das Teeglas gegen Bier im Plastikbecher getauscht haben. Menschen planschen vergnügt im zitierten fließend Wasser oder schwelgen in schlecht choreographierten Paarungstänzen. Sex, Drugs and Rock'n'Roll, das war gestern. Die Gedanken des Rezensenten schweifen ab. Nur weil man keinen Spinat mag, wäre es doch ungerecht, Spinat-Bashing zu betreiben, denkt er und überlegt: Was zur Hölle lässt sich darüber sagen?


Kurz vor Ende der Sause passiert dann doch noch etwas. Das mit dem Meister fünfköpfige Gonzalez-Orchester zelebriert einen der 2008er Remixe mit analogen Mitteln, dann „Teardrop“ von Massive Attack. Plötzlich zeigen sich Risse in der Gefälligkeit, die Perkussion spielt sich aus den bislang netten, wenn auch technisch perfekten Arrangements nach vorn, Drumsticks klackern einen puristischen Beat nur noch auf die Ränder von Snare und Congas. Plötzlich bekommt die Sache Rhythmus, plötzlich ist da mehr als der Soundtrack zu einem unaufgeregten Leben.

Bei den ersten beiden Zugaben dann steht Gonzalez allein auf der Bühne, nur mit Gitarre. Statt der für ihn typischen monotonen Melodieführung gibt es nun Modulationen. Die Musik ist nicht mehr nur Balsam für die reizüberflutete Seele, sondern bekommt fast so etwas wie Temperament! Klar, das ist klassischer Singer/Songwriter-Kram, hat aber Charisma. José Gonzalez kann es. Vielleicht ist es einfach nur zu kalt und zu nett in Schweden. André Hennig / Fotos: Katharina Rudolf




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