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»Manneglich nutzlich zu lesen«: Der abentheurliche Simplicissimus Teutsch im Kleinen Haus
Grimmelshausens Abenteuerroman über den Lebensweg von Melchior Sternfels von Fuchshaim (Simplicius), dem das Schicksal gewahr wurde, den größten Teil seines Lebens im 30-jährigen Krieg zu verbringen, erlebt unter der Leitung von Simon Solberg ein aktuelles Bravourstück auf dem Dresdner Parkett. Die Aufführung lässt das umfassende und chaotische Leben des Protagonisten Simplicius wie eine Bombe auf der Bühne explodieren. Eine üppige Mixtur aus Kulissen, die kaum still stehen, Videoprojektionen und rasenden Akteuren, die nach gefühlten fünf Minuten Rolle und Kostüm wechseln.

Die Bühnencollage entfaltet sich, nachdem sie anfangs von den Schauspielern mit Gasmasken und Detektoren ausgekundschaftet und als sicher empfunden wird. Danach schaffen sie die Welt des Simplicius (Sebastian Wendelin) und die eigentliche Geschichte beginnt, der kleine Knirps wird geboren. Dieser wächst unter der Fürsorge eines Einsiedlers auf, wird durch die Wirren des Krieges schließlich in die Welt geschickt, gerät auf etliche Seiten und wird schlussendlich wieder zum Einsiedler. Anfangs noch die Kraft im Glauben suchend, weicht er immer mehr von ihm ab und gerät in eine Spirale der Schicksalsschläge, Gier und Überheblichkeit. Zwischendrin immer wieder Blut und Rauch. Doch hier ist nichts trist und grau, die Figuren sind bunt und frisch vom Klischeeteller serviert. Ihre Charaktere sind Metaphern von Personen des Zeitgeschehens: sächselnde Steuerfahnder, kuttentragende Rocker und andere bekannte Gesichter aus Politik und Zeitgeschehen. Daneben werden die Sinne von aktuellen TV-Ausschnitten, zwischenzeitlich pushender Rockmusik und der ein oder anderen Rauchwolke vernebelt. Außerdem fliegt viel Konfetti und die ein oder andere aufreizende Mode(sünde) kommt zum Vorschein. Die Schauspieler wechseln zwischen Emotionen und Rollen ebenso gekonnt wie die etlichen Orte, die Simplicius aufsucht.

Der Witz ergibt sich aus dem einfachen Denken von, der Name ist Programm, Simpl und der kommunikationserfahrenen kultivierten Welt. Diese beiden Phänomene treffen sich und prallen immer wieder aufeinander, so dass das Chaos perfekt ist. Natürlich sollte man nicht vergessen, dass sich alles vor dem Hintergrund eines Krieges abspielt, der wohl über die Hälfte der damaligen Einwohner Deutschlands vernichtete, auch dafür findet Solberg neben dem ganzen Trubel Platz. Am Schluss kann der Zuschauer die Chance nutzen und die Kulissen aus nächster Nähe betrachten: Es wird ein »Exit through the Büchlein« angeboten. Das sollte man sich nicht entgehen lassen! Jenny Mehlhorn/ Fotos: Matthias Horn

Nächste Vorstellungen: 26.4./12.5./4.6.2014



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