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Die zerrissene Welt der Gutmenschen: „Benefiz – Jeder rettet einen Afrikaner“ von Spielbrett im Rudi


Der Zeitpunkt ist gut gewählt. Pünktlich zu Weihnachtszeit besinnt man sich in der wohlhabenden nördlichen Hemisphäre auf das Elend der sogenannten Länder, die noch der „Entwicklung“ bedürfen und möchte Wohltätigkeit üben.

„Benefiz“ von Ingrid Lausund ist ein Kammerspiel, in dem fünf Gutmenschen einen Benefiz-Abend für den Bau einer Schule in Guinea-Bissau zu organisieren versuchen mit dem Ziel, den Anwesenden möglichst viel Geld aus der Tasche zu ziehen. In der Inszenierung von Uli Schwarz gelingt es, die Unfähigkeit der Menschen aufzuzeigen, die in der westlichen Welt leben und nicht in der Lage sind, ihre eigenen Befindlichkeiten, und sei es nur für einen Abend, beiseite zu legen. Nachdem die Teilnahme einer leibhaftigen Afrikanerin aus rassistischen Gründen abgewählt wird, erleben wir einen Reigen der Eitelkeiten, in dem das Engagement für ein soziales Projekt dazu dienen muss, um doch wieder nur um sich selbst zu kreisen.

Jeder auf seine Art: Da sind also die profilneurotische Karrierefrau, die die Gestaltung des Abends an sich reißt, pseudohysterische Auftritte inklusive. Susanne Fuchs schafft es, die Rolle gleichermaßen zu überzeichnen, aber dennoch nicht in überkandidelte Unglaubwürdigkeit abzugleiten. Auf Dauerhysterie wiederum gebürstet hat Regisseur Uli Schwarz die Rolle der naiven Weltverbesserin, der es nicht gelingt, ihre überbordenden Gefühligkeiten durch ständiges Essen im Zaum zu halten, ihren Mitstreitern mit der Empathie der Blauäugigen böse unter die Gürtellinie schlägt und sich somit fein an den im Programmheft ausgedruckten Sinnspruch von Kurt Tucholsky hält: „Das Gegenteil von Gut ist nicht Böse, sondern gut gemeint“. Sarah Schlootz nimmt sich in dieser Rolle als Person fein zurück und präsentiert uns die musterhafte Vorlage des Klischees einer Person, die jeder von uns im Bekanntenkreis hat.
Die Männerrollen sind ein wenig eindimensionaler. Da hätten wir den Pastor, die moralische Instanz qua Beruf, der sich auf Höheres berufen muss, aber sich dennoch nicht entscheiden kann, ob er nun die Patenschaft für einen obdachlosen Jungen, ein Mädchen ohne Arme oder eine 14-jährige Prostituierte übernehmen mag. Am stärksten präsent ist die Rolle desjenigen, den es eigentlich zufällig in die Gruppe verschlagen hat. Der ehrliche Biker brüllt aus dem Bauch seinen Unmut über die Verlogenheit seiner Mitstreiter heraus; er ist die eigentliche moralische Instanz, gleichwohl auch er ohne Möglichkeit, dem Dilemma der doppelbödigen Moral zu entkommen, da helfen auch verklemmte Witzchen nichts. Undefiniert bleibt die Rolle von jenem, der eigentlich nur Spaß haben will, alles locker sieht, einen Karnevalsschlager zu afrikanischer Folklore umrubelt und für seine fehlende Ernsthaftigkeit folgerichtig abgestraft wird, indem seine Wortbeiträge an dem Abend gekürzt werden. Aber er hat zumindest die Begrüßung (im Stück) und die Verabschiedung und den Spendenaufruf (in echt). Spielbrett hat sich nämlich entscheiden, das Theaterstück mit einem Bewässerungsprojekt in Ostafrika zu verknüpfen, an dem die Dresdner Hilfsorganisation Arche Nova beteiligt ist. Und als sich dann keiner, entgegen der sonstigen Gewohnheit, traut, auf das anschließende Buffet zur Premierenfeier hinzuweisen, ist das Stück ganz im Hier angekommen. J.Betscher

weitere Vorstellung: 7.12.2014 im Theaterhaus Rudi



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