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Das sanft entstellte Wesen: the guts company mit „Monsterbox“ im Societaetstheater
Die choreografische Verantwortung für diese Arbeit hat Johanna Roggan übernommen, die neben Hermann Heisig zu den Preisträgern der 1. Sächsischen Tanzplattform im vergangenen Jahr gehört. Was sie hier in Zusammenarbeit mit den Tänzern liefert, ist ein gleichzeitig ein Genuss des Abgrunds wie ein Abgrund des Genusses. Das Monster als Wiedergänger des Menschen, manchmal als Revers der menschlichen Existenz angesehen, ist in der Kunst keine Seltenheit, auch speziell im Tanz nicht. Erst Anfang des Monats gastierte die Forsythe Company wieder mit ihrem „Angoloscuro“ im Festspielhaus Hellerau, in dem aus der dunklen Ecke (ital. „angolo oscuro“) die Alpträume krochen. Hier stehen die vier Wesen zu Beginn an den Wänden der black box, reglos.
Die Kostüme, halb Zitate aus hunderten von Jahren der Modegeschichte mit Stationen irgendwo zwischen mittelalterlich strenger Haube und verspielten Rokokorüschchen, halb sich in sinnlicher Grenzenlosigkeit verlierenden Fetischanwandlungen, machen die vier Tänzer zu voneinander scharf abgegrenzten Individuen. Erotik war schon immer ein grundlegender Einfluss auf Kleidung und Mode. Auch die Individualität des jeweils eigenen Ausdrucks in den Bewegungen, gekonnt gestützt durch die auffälligen Kostüme, bewirkt eine kraftvolle Heterogenität auf der Bühne. Diese vier Wesen finden nur langsam zu einem diffusen Miteinander zusammen. Der gesamte Ablauf ist introvertiert gestaltet, abgewandt vom Publikum, ganz für sich. Es ist keine Aus-Stellung. Erst nach geraumer Zeit stellen sich die Tänzer in einer Reihe auf, ganz vorn, direkt vor der ersten Reihe, mit ausdruckslosem Blick ins Publikum. Einige Ticks in den Gesichtern, dann erfolgt wieder die Flucht zurück in die Sicherheit des Bühnenraumes. Und man fragt sich, wo der Mensch aufhört, Mensch zu sein. Die Vokabel Monster liegt dabei aber fern. Zu genussvoll ist die Sünde, die nicht enden wollende gegenseitige Qual. Man assoziiert ganz unweigerlich Sartres „Geschlossene Gesellschaft“. Auch in dieser Form einer gefühlten Vorhölle meint man, das Schlimmste stünde noch bevor.

Diese Arbeit ist so innerlich, dass sie kein Publikum zu brauchen scheint. Unklar scheint immer wieder die Antwort auf die Frage, ob die Tänzer gegeneinander oder miteinander agieren. Wenn einzelne Szenen einem Kampf gleichen, wird weder ein Motiv deutlich, noch geht am Ende ein Sieger daraus hervor. Irgendwann steht die Tänzerin Lisanne Goodhue ganz im Hintergrund, das Gesicht zur Wand, hörbar ist nur ihr Schluckauf. Was für ein schöner Schluss. Wenn es denn einer wäre. Das kreative Potential will sich hier aber noch nicht als erschöpft ergeben. Die Personenkette reißt, aber auch dann findet diese Arbeit nicht zum Ende. Ein dritter Teil besteht nur aus Text, eingespielt aus dem Off. Auch dann ist es noch nicht vorbei. Diese Arbeit ist dramaturgisch betrachtet mit fast 90 Minuten entschieden zu lang. Die einzelne Zustandsbeschreibung trägt nicht über diesen langen Zeitraum. Entstanden sind dabei aber nicht unbedingt Längen, sondern ein Übermaß an Szenen, die den Kern der Aussage nur wiederholen. Eine Straffung würde hier Wunder wirken. Am Ende steht nur noch das Wort „satisfaction“, vielfach stimmlich variiert. Ein Attribut, das sich nicht mit der empfundenen Erschöpfung des Publikums in Einklang bringen lässt.
„Monsterbox“ ist für den Tanzpreis Sachsen nominiert, der im kommenden Jahr erstmals verliehen wird. Und trotz aller Längen muss man sagen, dass die Chancen für diese Arbeit gut stehen, denn ihre Innovationskraft steht außer Frage. Rico Stehfest/ Fotos: Benjamin Spindler

Nächste Vorstellungen: 28.6.2014 im Societaetstheater, 3./4.10.2014 im Festspielhaus Hellerau



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