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Audience on Fire – In Hellerau kochte beim Battle of Styles der Saal

1. Februar 2015. Die Reaktionen im Vorfeld waren einstimmig. Man könne sich gar nicht vorstellen, was einen da erwarte. Das klinge ja alles unheimlich spannend. Folglich war das Festspielhaus am Samstagabend ausverkauft; das gesamte Haus glich vor Beginn der Vorstellung einem Bienenstock. Vom 6-Jährigen bis zum rüstigen Rentnerpaar wollte keiner die erste Ausgabe eines Tänzerwettstreits zwischen Breakdancern, Vertretern des Contemporary Dance und Ensemblemitgliedern des Balletts der Semperoper verpassen.


Courtney Richardson, Solistin des Semperoperballetts, und Martin »Ludi Rockoon« Ludenia, seines Zeichens Breakdancer, führten charmant durch den Abend und ließen nichts unversucht, das Publikum immer wieder anzuheizen. Im Prinzip hätte es das aber nicht gebraucht. Die frischen Tracks von DJ Kid Cut waren so überraschend wie herausfordernd für jeden einzelnen Tänzer. Wer meint, bei klassischem Ballett auf Spitze gähnen zu müssen, hat das ganze noch nicht mit Techno erlebt.


Durch drei Runden hindurch traten insgesamt 16 Tänzer gegeneinander an, von denen am Ende ein Team von fünf den Sieg einheimste. Wie genau das abgelaufen ist, spielt allerdings überhaupt keine Rolle. Das einzige, was zählte, war der Spaß. Einen Verlierer gab es so also nicht. Jeder einzelne im Publikum wollte die Tänzer einfach nur aufeinander losgelassen sehen. Und das war der Kern dieses Abends: Hier hat sich gezeigt, wer eine echte Rampensau ist. Falsche Bescheidenheit hat nichts genützt. Und wer denkt, dass die Coolness eines Breakdancers die klassische Strenge eines Ballettsolisten automatisch ausstechen müsse, liegt völlig daneben. Die Individualität in den Ausdrucksfähigkeiten und der Wille zur Herausforderung haben einen Kampf entstehen lassen, der immer wieder Momente brachte, in denen die unterschiedlichen Stile miteinander verschmolzen. Der Spaß dabei stand den Tänzern nicht nur ins Gesicht geschrieben, sondern garantierte von der ersten Sekunde an brodelnde Stimmung im Publikum. Wann hat man als Tänzer, egal welchen Stils, schon mal die Gelegenheit, auf der Bühne einfach mal die Sau raus zu lassen? Genau das war es, was das Publikum sehen wollte und was zum Applaus jeden Einzelnen vom Sitz riss.


Man kann sich fragen, ob Martin »Ludi Rockoon« Ludenia sich eigentlich der Aktualität seiner Geste bewusst war, wenn er jede Runde mit einem »Drei, zwei, eins!«-Countdown in jeweils einer anderen Sprache einzuläuten versuchte. Und er fand im Publikum tatsächlich ein Mädchen von vielleicht sechs Jahren, das das Ganze auf Arabisch umsetzen konnte. Dadurch bekam der Abend ganz nebenbei noch eine andere Note, die über den reinen Spaß des Miteinanders hinaus ging. Und am Ende, als der Tanzboden wieder leer war, konnte man dort aus dem Wirrwarr der vielen unterschiedlichen Fußspuren deutlich eins herauslesen: FUCK PEGIDA!

Vor allem diejenigen, die diese erste Ausgabe des »Floor on Fire« verpasst haben, sollten sich den 25. April dick und fett im Kalender markieren. Dann folgt nämlich der nächste Battle.
Rico Stehfest / Fotos: Christoph Seidler (1,2), Peter Fiebig (3)




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