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Unmenschliches Monster – »Die Passagierin« in der Semperoper
25. Juni 2017 – Wir sind es manchmal leid, unsere deutsche »Schuld« nach über 70 Jahren nicht endlich vergessen zu dürfen. Das liegt vielleicht daran, dass schwarzweiße Bilder in verstaubten Büchern nur sehr leise und trüb zu Generationen sprechen, die nichts als Frieden kennen. Manch einer mag es, sich im Kino von den neuesten psychotischen Hass-Phantasien aus Hollywood berauschen zu lassen. Doch nicht jede Geschichte, die von der wahnsinnigen Gewalt des menschlichen Geistes zeugt, ist nur ein Film.


Lebend verlies Zofia Posmysz das Lager. Jahre später hörte sie eine deutsche Stimme, die sie erschauern ließ. Sie dachte, es sei die Aufseherin Lisa Franz, doch war sie es nicht. Dieser Moment war der Auslöser für ein Hörspiel, den Roman, einen Film und schließlich ein Gesangswerk, das nun auch in Dresden seine Premiere fand.


Mieczyslaw Weinberg baute in seiner Oper ein Klangreich, das Persönlichkeit in die Geschichte legt. Wüst und trommelnd leitet sich eine Frau ein, die in die Luft schreibt, dass ich lebe, dass du lebst, dass sie lebt. Eine schöne Dame in einem mintfarbenen Kleid erscheint mit ihrem Mann auf einem Schiff Richtung Brasilien. Sie sind hell und strahlend. Ihr Glück scheint perfekt. Nun taucht Marta auf. Sie war Insassin. Aber Marta war doch tot. Sie kann es nicht sein. Quälend lässt die Ungewissheit die schöne Anna Lisa Franz vor ihrem Mann gestehen: Sie war damals eine Aufseherin im KZ Auschwitz, sie war bei der SS, und sie hat nur ihre Pflicht getan. Die Ehe schwankt, so wie auch die Bühne. Erinnerungen erwachen in einer Drehung zum Leben. Kahle Gestalten in Lumpen stehen aufgereiht in ergrautem Licht der großen Halle eines Lagers. Man geht näher ans Bild, verlässt die Aufseherin Franz und hört die singenden Stimmen der einzelnen Schicksale. Es sind nicht Nummern von Tausenden, die einfach anonym verstarben. Gesichter sind es mit Namen und Worten, die jede Sprache sprechen und die ein gemeinsames Schicksal erfahren, das sie doch nicht verstehen. Recht zart wird die Musik, wenn zum Tod Geweihte unter sich sind. Sprachen spielen dabei keine Rolle. Sie singen von der Schönheit des Meeres in der Heimat, von Freiheit, von dem Leben, das sie sich noch wünschen, von Gott, Hoffnung und dem Tod. »Sag mir doch: Warum ist unser Wunsch zu leben so groß?« – »Weil wir Menschen sind, Marta, zum Leben geboren.«


Mit viel Dramatik aber auch intimer Sachlichkeit gestaltet die Inszenierung die gefühlvollen Szenen der Leidenden. Schreie, die Schläge und das Blut sieht und hört man nicht. Man liest es dumpf von den Wänden ab. Umso brutaler wirken die wenigen Gespräche zwischen Wärter und »Bewertetem«. Anna Lisa schlug nie mit dem Stock, doch mit dem Wort. Den Walzer, gespielt von ihrem Liebsten Tadeusz, sollte Marta vor ihrem Gang in den Todesblock noch hören – ein »Geschenk« von Aufseherin Franz. Marta hatte mit ihrer Sturheit provoziert. Dies war nun die Rache einer Frau, die am Spiel mit der emotionalen Zerbrechlichkeit einer Person ihren Gefallen fand. Und immer wieder zeigt sich das Paar auf dem Schiff. Leuchtende, schwingende Kleider und Tanzmusik sollen eine Zeit bestimmen, die den Krieg vergessen will. Nun wünscht sich die ungewisse Passagierin einen Walzer. Diesen sollte auch Tadeusz damals spielen. War es doch Marta? Die Oper lässt zuletzt Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen. Ein wuchtiger Eindruck entlässt den Betrachter und der Appell bleibt zurückhaltend, denn zuletzt leiden beide. Macht und Stolz, Liebe und Mitgefühl vereinen sich, doch auch Schrecken und Angst wohnen an diesem Ort. Ein großartiges Opernwerk eint die Mannigfaltigkeit menschlicher Emotionalität und lässt zugleich erschauern vor dem Monster, das zu Unmenschlichem fähig war und ist.
Luisa Pfannstiel / Fotos: Jochen Quast

nächste Vorstellungen: 30. Juni, 5. und 9. Juli



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