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Cuba libre mit Buschmesser: Hans Werner Henzes »El Cimarrón« in der Semper 2
El Cimarrón – so wurden im vorrevolutionären Kuba entlaufene Sklaven genannt, die, wenn sie nicht wieder eingefangen wurden, oft jahrelang in den Bergen und im Wald versteckt lebten. Hans Werner Henze hat während seines Kuba-Aufenthalts in den späten 1960ern den biographischen Bericht eines solchen Cimarrón, in der ungemein plastischen und griffigen Texteinrichtung von Hans Magnus Enzensberger, vertont. Der Cimarrón Esteban Montejo, den Henze selbst noch in quasi biblischem Alter kennengelernt hat, erzählt im Stück anschaulich und konkret von seinem Leben, und beleuchtet damit zugleich schlaglichtartig – und immer ganz subjektiv – die Geschichte des vorrevolutionären Kuba: von der Verschleppung der Sklaven, vom unmenschlichen Leben und auf den Zuckerrohrplantagen, von seiner Flucht, dem Leben im Urwald, davon, wie die Sklavenbefreiung nur Schloss und Riegel beseitigte, die Arbeit unter den Aufsehern aber dieselbe blieb, vom befreiten Kuba, das nur neue Herren – aus den USA – ins Land holte, die sich keineswegs als die besseren herausstellten... Am Ende steht der Cimarrón vor dem Zuschauer wie eine vom Leben gezeichnete, charaktervolle Figur: illusionslos aber nicht resigniert, voll Lebenslust und ein bißchen Wehmut – und mit seinem riesigen Erntemesser, für alle Fälle.
Henze hat das halbszenische Stück für vier Musiker konzipiert, bestehend aus Erzähler-Bariton, Gitarrist, Flötist und Schlagzeuger, die nebenbei noch eine ganze Legion selten gehörter Instrumente bedienen, wie Maultrommel oder Triola. Was für Klänge es dabei zu entdecken gibt, ist sensationell, etwa wenn die Abgeschiedenheit im Urwald merkwürdig gläsern und zugleich vielschichtig musikalisch evoziert wird. Die vier Musiker des Ensembles El Cimarrón musizieren bei der zum Teil äußerst vertrackten Rhythmik sehr sicher und lebendig. Besonders der als wirkliches Faktotum agierende Percussionist Ivan Mancinelli bleibt nachhaltig im Gedächtnis; und auch der Bariton Robert Koller, der seinen Bericht mehr melodramatisch als sängerisch auffasst, dabei aber die exorbitanten stimmlichen Herausforderungen – unterschiedliche Mischungen zwischen Sprechen und Singen in mehreren Registern und Oktavlagen – glänzend bewältigt. Und auch darstellerisch gelingt Koller unter der Regie von Michael Kerstan mit wenigen Mitteln eine äußerst packende und evokative Zeichnung der Figur. Ein selten aufgeführtes Stück und ein musikalischer Höhepunkt der Spielzeit, den man auf keinen Fall verpassen sollte! Aron Koban

Weiterer Termin: 30.9.2012, 20 Uhr.



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