Lost in digital Space

Eine scripted reality farce zeigt die (Un-)Möglichkeiten künstlerischer Produktion in Zeiten von Corona

Das kollektive Chaos bei Kollektiv Jetzt

Sicherlich, der eine oder andere hat die letzten Wochen auch mal als kreative Pause gestaltet, den Kleiderschrank ausgemistet, Fenster geputzt. Aber nicht jeder hat die Hände in den Schoß gelegt. So beispielsweise das Theatertruppe Kollektiv Jetzt, ein loser Zusammenschluss freischaffender Künstler im Dresdner Raum.

Gemeinsam mit dem Ensemble La Vie e.V. haben sich die Kreativen am Kopf gekratzt und beschlossen, die aktuell gegebenen Möglichkeiten künstlerisch zu befragen. Herausgekommen ist eine mehrteilige über Zoom produzierte Serie, in der Darsteller, Dramaturgen und alle anderen, die eigentlich an der Inszenierung von Shakespeares »Des Widerspenstigen Zähmung« persönlich zusammenkommen wollten, getrennt voneinander aus dem heimischen Büro heraus versuchen, die Sache irgendwie digital zu stemmen. Geht das? Die Antwort darauf gibt es ab dem 28. Mai zu erleben, wenn um 20.30 Uhr die erste Folge mit dem Titel »Jetzt geht’s los!« online gehen wird.

Jeden Donnerstag gibt es um jeweils 20.30 Uhr eine weitere 15-minütige Folge zu erleben. Wir werden hier auf dieser Seite jede aktuelle Folge verlinken. So könnt ihr später auch vergangene Folgen (noch einmal) anklicken.

Hier gibt’s schon mal den Trailer zu »Jetzt!«:

Heute, am 28. Mai 2020, startet um 20.30 Uhr die 1. Folge: „Jetzt geht’s los!“

www.ensemble-lavie.de

Kultur ist kein Luxus

Ein Zwischenruf von Heinz K.

Hygiene-Regeln, Sicherheitsabstand, Homeoffice – Seit dem Lockdown am 13. März ist nichts mehr wie es war. Und an die neuen Begrifflichkeiten müssen wir uns wohl auch erst gewöhnen, die uns im Zuge der ergriffenen Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus begleiten.

Aktion Stumme Künstler am 13.5.2020 am Dresdner Elbufer, Foto: meeco Communication Services

Seit nunmehr acht Wochen steht das gesellschaftliche Leben still, und auch nach den ersten Lockerungen vom 4. Mai ist nicht an eine unbeschwerte Neuauflage zu denken. Was bedeutet das für eine Kunst- und Kulturstadt? Mindestens bis 31. August sind Großveranstaltungen untersagt, die beiden Dresdner Staatstheater und weitere Theater wie jenes in Bautzen haben ihre Saison bereits vorfristig beenden müssen. Die Politik hangelt sich im zweiwöchigen Rhythmus von Verfügung zu Verfügung. Wirklich planbar ist so eigentlich nichts, denn solange es Kontaktbeschränkungen gibt, ist an normale Veranstaltungen, die ja auch immer ein Gemeinschaftserlebnis sind, nicht zu denken. Es ist kaum vorstellbar, eine Party oder ein Konzert im Clubrahmen mit Mundschutz im gebührenden Sicherheitsabstand zu feiern und für jedes Getränk vor die Tür gehen. Das würde so nicht funktionieren. Die Theater können zudem auch nicht von jetzt auf gleich hochgefahren werden. Sie brauchen Vorlaufzeit und einen neuen Spielplan. Vor allem fehlt die Planungssicherheit, die einen Zeithorizont eröffnet, in dem Veranstaltungen, unter welchen konkreten Bedingungen auch immer, wieder möglich sind. Das ist eine Notwendigkeit, die uns in den dutzenden Interviews, die wir in den letzten Tagen und Wochen geführt haben und weiterhin führen werden, bei allen Gesprächspartnern aus dem Kunst- und Kulturbereich begegnet ist.

Eines ist jetzt schon klar: Digitale Angebote, so gut sie auch sein mögen, können das physische Erlebnis nicht ersetzen. Je länger nun aber das kulturelle Leben brachliegt, umso größer wird der Hilfsbedarf und die Sorge, dass danach, wenn alles wieder hochgefahren werden kann, einigen Kulturträgern – ob privatwirtschaftlich orientiert oder öffentlich gefördert – die Puste ausgegangen ist. So fordern etwa die maßgeblichen Verbände der Musikwirtschaft ein bundesweites Soforthilfepaket von 582,17 Mio. Euro, um wenigstens 10 Prozent des riesigen Schadens, der in der Branche bislang entstanden ist, ersetzt zu bekommen und nicht Insolvenz anmelden zu müssen. Auch die freien Träger haben sich mit einem Hilferuf an die sächsische Landesregierung gewandt und fordern einen Schutzschirm für freie Kulturträger in allen Sparten und für deren Vermittlungspartner von 20 Mio Euro.

Immerhin haben Museen und Galerien wieder geöffnet, und die Not macht erfinderisch. Selbst totgeglaubte Formate wie das Autokino erleben derzeit eine Wiedergeburt. Kultur ist durchaus systemrelevant, »denn Kultur ist kein Luxus, den wir uns leisten oder auch streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere eigentliche innere Überlebensfähigkeit sichert.« (Richard von Weizsäcker, 1991). Hoffen wir, dass der Ruf der Kultur nicht ungehört verhallt.

Unter Meinungskultur versammeln wir auf dieser Seite eine ganze Reihe an Stimmen aus der Kunst- und Kulturszene der Stadt. Die Interview-Reihe wird fortgesetzt.

»Da wird kein kulturelles, gemeinschaftliches Erlebnis zugelassen und wirtschaftlich betrachtet ist das Unsinn.«

Rodney Aust, Geschäftsführer Aust Konzerte – befragt von Heinz K.

Rodney Aust

Wie fühlt es sich denn für dich an als Veranstalter, der nicht veranstalten kann?

Flexibles Arbeiten, schnelle Reaktionen und Ideen entwickeln – das alles ist im Moment schwer. Du kannst ja nichts planen, weil du keinen Zeitplan hast, wann wieder etwas passieren könnte. Das fühlt sich momentan etwas pomadig und steif an.

Großveranstaltungen ab tausend Besuchern sind bis 31. August ausgesetzt. Das ist ja nun aber gerade dein Brotjob – Ob im Alten Schlachthof, im Kulturpalast, in der Jungen Garde oder beim Stadtfest. Wie kommst du denn mit Aust Konzerte über den Sommer?

Die Einnahmen sind weggebrochen, seit Mitte März gleich null. Wir versuchen gemeinsam mit den Tournee-Produktionen alle Konzerte stattfinden zu lassen – ob es nun im Herbst oder im nächsten Jahr passiert, das fügt sich jetzt gerade. Mit jedem neuen Beschluss, muss man neu reagieren. Am Anfang haben wir gedacht, vielleicht können wir den Sommer ja noch retten, aber das bleibt uns nun verwehrt. Die Künstler wollen natürlich spielen und alle stehen bereit und scharren mit den Hufen. Eine Ausnahmesituation, wie man es sich hätte nicht vorstellen können. Es bleibt uns nichts anderes übrig als zu überlegen, wie schaffen wir es, durch die Krise zu kommen mit unserer Struktur. Uns ist schon wichtig, genauso weitermachen zu können wie vorher.

Wie viele Leute sind denn an einer großen Konzertproduktion beteiligt – etwa bei Udo Lindenberg, der ja am 6. Juni im Rudolf-Harbig-Stadion aufgetreten wäre?

Im Büro bereiten wir das zu sechst vor und dann brauchen wir eine Anzahl von Helfern und Dienstleistern. Im Stadion kommt eine Crew von drei bis vier Technikern dazu und vor Ort sind es 80 bis 100 Aufbauhelfer für Produktion und Bühne. Für Security und Einlass werden etwa 250 bis 300 Personen benötigt. An solch einer Produktion arbeiten also in Summe schon etwa 500 Leute mit.

Habt ihr für den Sommer einen Plan B entwickelt oder lasst ihr es dann lieber ganz sein?

Aktuell ist nichts planbar. Da muss man abwarten, was die nächste Verordnung besagt. Ein Mensch auf vier Quadratmetern, in anderen Bundesländern ist von einer Person auf zehn Quadratmetern die Rede – das sind für mich Regelungen, die an den Haaren herbeigezogen sind. Da wird kein kulturelles, gemeinschaftliches Erlebnis zugelassen und wirtschaftlich betrachtet ist das Unsinn. Wir können ja nicht für eine Udo-Lindenberg-Karte 700 Euro verlangen und nur 5.000 Leute ins Stadion lassen. Ich glaube, da braucht es noch Zeit, um Konzepte zu entwickeln, die tragfähig sind. Die Situation muss man akzeptieren, aber man sollte sie auch nicht schön reden, indem man die Besucherzahlen drittelt. Denn dann werden Erlebnisse in dieser Form nicht mehr stattfinden können. Aus jeder Krise sollte man gestärkt hervorgehen. Sicherlich auch mit Dingen, die sich erst entwickeln müssen wie ein Hygiene-Konzept (für mich jetzt schon das Wort des Jahres).

Ein Konzerterlebnis mit Sicherheitsabstand ist schwer vorstellbar …

Vielleicht müssen wir das ja auch erst lernen. Die Leute müssten lernen, mehr Geld für ein Ticket auszugeben. Alle anderen Beteiligten, Künstler wie Dienstleister, müssten lernen, mit geringerer finanzieller Beteiligung auszukommen. Viele Dienstleister wiederum haben finanzielle Verpflichtungen, etwa gegenüber ihren PA- und Lichtverleihern. Das kann man nicht einfach innerhalb von drei Monaten zurückdrehen. Die Erträge, die erwirtschaftet würden, wären dann trotz höherer Eintrittspreise geringer. Fans, die sich die Karten dann nicht mehr leisten können, würden ausgeschlossen und dass die Leute in der Dienstleistungsbranche dann nur noch für die Hälfte des Geldes arbeiten, geht allein schon vom Mindestlohn her nicht. Das wird ein schwieriger Prozess. Deshalb scheue ich mich, ganz schnell etwas zu entwickeln.

Wie könnte es denn weitergehen?

Es wäre natürlich schön, wenn eine Planbarkeit möglich ist. Den 31. August nehmen wir als gesetzt. Das heißt, wir konzentrieren uns auf den Herbst, das nächste Frühjahr und den nächsten Sommer zuerst einmal mit sinnvollen Verlegungen. Also, dass man möglichst in der gleichen Spielstätte bleibt und den Leuten das Gefühl gibt – egal welche Entscheidungen noch getroffen werden – dass ihre Karten nicht an Wert verlieren. Die meisten Leute zeigen ja auch Verständnis und bestehen nicht auf Rückzahlung. Wer eine Karte gekauft hat, will den Künstler in der Regel ja nun auch sehen. Ich würde mir etwas mehr Rücksichtnahme wünschen, in dem Sinne, dass man sich nicht krank auf ein Konzert quält, sondern aus Rücksicht auf die anderen Besucher verantwortlich zeigt und dann lieber darauf verzichtet.

Ich glaube, es ist überall angekommen, dass man den kleineren und mittleren Unternehmen unter die Arme greifen muss. Das hat man auch getan. Ich denke aber, dass es für die Kultur- und Musikwirtschaft weitere Hilfsmaßnahmen geben muss, weil die Umsatz-Einbrüche riesig sind. Bereits Ende April haben die maßgeblichen Verbände und Verwertungsgesellschaften der Musikwirtschaft den Hilfsbedarf mit über einer halben Milliarde Euro beziffert.

»Gerade jetzt würden Mikroprojekte helfen, die Kultur- und Kunstszene wieder in Gang zu bringen.«

Conny Köckritz, Kuratorin Künstlervereinigung Blaue Fabrik – befragt von Karsten Hoffmann

Wie sieht denn aktuell die Situation in der Galerie parablau der Künstlervereinigung Blaue Fabrik aus?

Von der letzten regulären Doppeleröffnungs-Ausstellung am 28. Februar., der Satellitausstellung des Portraits Hellerau Photography Award »#naked« und »Akt 2020«, die bis Ende März geplant war, hängen die Bilder immer noch an den Wänden. Die darauf folgende »Wundertüte« von Philipp Hille, der von Kunstschaffenden Laien bis Profis samt musikalischen Newcomern und Geheimtipps die freie Kunstszene zusammenführt und eine Bühne bietet, sollte im April starten. Diese vielfältigen informellen Möglichkeiten der Kunst- und Kulturszene sind mit einem Schlag weggefallen und zwangen uns aktive Ausstellungsmacher zum Nichtstun.

Welche Probleme gehen damit nun für euch einher und was wäre euer Wunsch in dieser Ausnahmesituation?

Im Zuge der Haushaltssperre der Stadt Dresden, sind die Gelder für sogenannte Mikroprojekte weggefallen, die vor allem Projekte mit Stadtteilbezug förderten und von den Ortsbeiräten in Eigenverantwortung beschlossen werden konnten. Gerade jetzt würden solche Mikroprojekte helfen, die Kultur – und Kunstszene wieder in Gang zu bringen. Ich wünsche mir die Bereitstellung solcher Finanzen, die direkt durch den Ortsbeirat an die lokale stadtteilbezogene Kunst – und Kulturszene vergeben werden können. So können Arbeits – und Erwerbsmöglichkeiten geschaffen werden, die letztlich allen Stadtteilbewohnern zu Gute kommen.

Welche Ideen habt ihr im Kopf?

Gar nichts tun konnten wir natürlich nicht. Um den sonst so zahlreichen Teilnehmern trotzdem die Möglichkeit der Präsentation ihrer Kunstwerke zu bieten, nutzen wir die Möglichkeiten des Internets und führen seit 10. April online die Ausstellungseröffnungen der Wundertüte mit Livechat, Live-Dj und gemeinsamem digitalen Malen auf art.efakt.net durch, wobei unsere Räume von Georg Knobloch 1:1 in ein 3D Modell gebracht wurden und wir seitdem die Kunst eben virtuell aufhängen, die man uns per Mail oder über die Facebookgruppe Krisengalerie einreichen kann. Unter https://consultbuero.de/wundertuete sieht man dann immer den aktuellen Stand der Ausstellung.

Wie sieht denn dein Blick in die Zukunft aus?

Neben der Online-Alternative, die natürlich kein Ersatz für echte menschliche Begegnungen sein kann, haben wir angefangen unseren Garten zu kultivieren. Das heißt wir haben die Wiese beräumt, gemäht, Hochbeete angelegt und aus privaten Spendenmitteln sieben Kubikmeter Muttererde anliefern lassen, um alles bepflanzen zu können. Diese Initiative ist getragen von ehrenamtlich tätigen Mitgliedern des Vereins und Nichtvereinsmitgliedern, die es vor allem während der Ausgangssperre genossen, sich in einem Garten betätigen zu können. Mit der neuen Allgemeinverfügung im Mai ist es uns möglich, wieder reguläre Öffnungszeiten, von 15 bis 18 Uhr anzubieten. Zu sehen sind dann noch die Fotografien der oben genannten Ausstellung. Bis Ende Mai wird dann die Metamorphose der digitalen zur analogen Wundertüte vollzogen sein. Die Details und aktuellen Termine werden von uns immer kurzfristig veröffentlicht.

»Der wirkliche Besuch im Museum kann durch nichts ersetzt werden«

Dr. Gisbert Porstmann, Generaldirektor der Städtischen Museen Dresden – befragt von Annett Groh

Wie haben Sie persönlich die vergangenen Wochen erlebt?

Ein Ereignis in diesem Umfang haben wir noch nie erlebt – nicht umsonst wird davon ja in Superlativen – von einer Pandemie – gesprochen. Es war eine zweigeteilte Erfahrung. Zum einen eine gewisse Anspannung und die Herausforderung, auch mit den eigenen Ängsten umgehen zu müssen. Zum anderen aber auch die Erfahrung, wie kollegial und engagiert alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Museen auf die Situation reagiert haben.

Zuerst haben wir um den 13./14. März mit den notwendigen Hygienemaßnahmen noch versucht, die Veranstaltungen durchzuführen. Als dann klar war, dass die Komplettschließung der Museen der nächste Schritt ist, war die Hauptaufgabe, alle Mitarbeiter mit den wichtigsten Aufgaben für das Homeoffice zu versorgen. Nicht zu vergessen auch das private Leben, das organisiert werden musste: Meine Frau ist im medizinischen Dienst, und wir haben ein schulpflichtiges Mädchen und ein Mädchen in der Kita – das war schon anspruchsvoll. Die gesamte Familienlogistik musste neu organisiert werden. Und dann begann schon der neue Alltag mit unseren wirklich tollen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die fast aus dem Stand digitale Angebote für unser Publikum erarbeiteten. Das Echo, was ich da bekommen habe, war ermutigend und motivierend.

Dr. Gisbert Porstmann, Foto: Hans-Ludwig Böhme

Wie genau sah denn die Arbeit während dieser Zeit aus?

Wir haben versucht, in einem ersten Schritt die Vermittlungsangebote, also das Sprechen über Kunst, das Sprechen über Exponate ins digitale Medium zu überführen. Da hat uns das Dresden Fernsehen sehr geholfen. In einem zweiten Schritt haben wir auch die Ausstellungen der kleineren Häuser komplett digitalisiert, so dass man dort jetzt virtuelle Rundgänge machen kann und zu den Exponaten dann die wichtigsten Informationen findet. Die Arbeit daran hat auch verschiedene Analyseprozesse befördert, denn wir haben gemerkt, dass eine 1:1-Übertragung dessen, was man sonst analog macht, im Digitalen nicht auf so große Gegenliebe stößt. Es war eine interessante und wichtige Erfahrung. Der wirkliche Besuch im Museum kann durch nichts ersetzt werden. Das Digitale hat einen großen zusätzlichen Wert, und wir wollen jetzt herausfinden, was dieses Extra genau ist, um dann dort mit unserer digitalen Strategie anzusetzen. Aber das unmittelbare Erlebnis vor Ort, das Gespräch und der Austausch darüber, das Diskutieren, das Laufen im Raum wird immer zentral bleiben, da bin ich mir jetzt zu hundert Prozent sicher.

Nun haben die Museen wieder geöffnet. Wie geht das Laufen durch den Raum unter Corona vonstatten?

Wir haben die ganze Zeit auf die Wiedereröffnung hingearbeitet, denn die Arbeit im geschlossenen Museum fühlt sich wie Fahren mit angezogener Handbremse an: ohne Besucherinnen und Besucher ist es eigentlich unerträglich. Wir haben also die behördlichen Anforderungen umgesetzt und ein Hygienekonzept erarbeitet, wie es auch andernorts gemacht wird. Die Menschen sind ja sehr diszipliniert, es wird überall darauf geachtet, dass man die Abstände einhält. Und so machen wir es auch. Wir haben entsprechend der Quadratmeterzahl unserer Häuser Richtwerte für die Besucherdichte ermittelt, und das wird von unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des DWSI, also unserem Wachschutzunternehmen, gezählt. Zusätzlich gibt es Desinfektionsmöglichkeiten, Hinweise über die Hygienevorschriften, Händewaschen – man fühlt sich an die Kinderzeit erinnert, wo man das schon einmal alles beigebracht bekommen hat. Vielleicht war das ja ein bisschen in Vergessenheit geraten, aber jetzt kommen diese wunderbaren alten Praktiken wieder ins Bewusstsein (lacht). Sämtliche interaktiven taktilen Medienstationen sind abgeschaltet. Von dieser Seite gibt es also einen Rollback hin zum analogen Museum. Parallel arbeiten wir an verschiedenen Umrüstungen, damit wir die Angebote der Medienstationen bald wieder zur Verfügung haben. Diese Umrüstungen sind aber nicht provisorisch gedacht, sondern wir möchten einen neuen Standard erreichen. Zum Beispiel können die Besucher bald an den einzelnen Stationen ihre eigenen Kopfhörer benutzen. Die Mitmachbereiche für Kinder und Jugendliche, also etwa das Erlebnisland Mathematik und der Wellenreiter, sind jetzt noch geschlossen. Hier sind wir im Austausch mit dem Hygienemuseum und arbeiten unter Hochdruck daran, dass diese Bereiche auch bald wieder geöffnet werden können.

Wie sieht es mit dem Ferienprogramm für Kinder im Sommer aus? Wird das ausfallen?

Das Ferienprogramm darf nicht ausfallen! Wir setzen alles daran, dass wir die Kinder und Jugendlichen nicht alleine mit ihren Eltern zuhause lassen. Es war ja jetzt anstrengend genug für alle Familien, zuhause zu sitzen und nicht raus zu können. Im Moment sind wir dabei, die Angebote so zu verändern, dass die Ferienveranstaltungen stattfinden können.

Wo stehen Kunst und Kultur, wenn sich der Alltag wieder normalisiert?

Es gibt viele Töne in diesem großen Orchester der Gesellschaft. Ich denke, dass Kunst und Kultur nicht das Sahnehäubchen sind, das obendrauf kommt, wenn alles andere einigermaßen gut läuft. Sondern dass Kunst und Kultur (wenn auch etwas pauschal formuliert) tatsächlich zu einer Daseinsfürsorge dazugehören. Denn das sind die Bereiche, in denen wirklich die Auseinandersetzung mit der Gegenwart in unterschiedlichen Formen geschieht. In Kunst und Kultur wird in ganz verschiedenen Prozessen über die Gegenwart verhandelt, da wird die Zukunft ausgetestet, da werden Rezepte entwickelt und Wege geöffnet, die vorher noch nicht gedacht wurden. Für mich ist das ein zentraler Punkt, wenn wir die Aufgaben in kommenden Situationen bewältigen wollen. Derzeit ist das natürlich kein leichtes Fahrwasser, in dem wir uns bewegen. Die wirtschaftlichen Erwägungen sind das eine, aber die Reaktionen der Menschen haben mich auch gelehrt, dass Menschen gerade in der Krise auch den erweiterten Denkraum von Kunst und Kultur brauchen: die Besinnung und die Kontemplation, die aus Musik kommen, aus Poesie, aus Kunstwerken. Und dafür kämpfe ich. Mit der anstehenden Haushaltskonsolidierung wird das jetzt nicht einfach werden. Die Reflexe sind so, dass man automatisch zuerst an Kunst und Kultur denkt, wenn es um Kürzungen geht.

Welche Auswirkungen wird denn die Haushaltssperre auf die Museen haben?

Wir haben ja einen zweijährigen Vorlauf, und wir müssen schauen und kämpfen, dass wir die Verträge, die wir bisher geschlossen haben, auch einhalten können. Für 2021/22 rechnen wir mit drastischen Kürzungen. Wir müssen dann sehen, wo es dann tatsächlich zu Leistungsbeschneidungen und Leistungsbegrenzungen kommen wird, oder ob wir es anders kompensieren können.

1:1 Concerts der Dresdner Philharmoniker

In den vergangenen Wochen war Musik fast nur noch digital zu erleben. Das soll nicht so bleiben. Ab sofort kommen Dresdner Philharmonikerinnen und Philharmoniker zu ihrem Publikum. Jeweils ein Musiker spielt 10 Minuten für jeweils einen Zuhörer. Live, unmittelbar, individuell. Aus einem intensiven Blickkontakt ergibt sich ein persönliches Konzert – unter Einhaltung aller Corona-Schutzregeln.

Bei den 1:1 CONCERTS findet eine ca. 10 minütige, wortlose musikalische Begegnung zwischen einem Hörer und einem Musiker statt. Ein eröffnender  ausgedehnter Blickkontakt ist der Impuls für ein sehr persönliches Konzert – eine ungewöhnliche, für beide Seiten intensive Erfahrung, die Nähe trotz Distanz ermöglicht. Wer spielt und auf welchem Instrument – das bleibt eine Überraschung. Auch mit den Spielorten wird mitunter ungewöhnliches Terrain erobert. Verschiedene Gastgeber stellen dafür ihre Konzertorte zur Verfügung.

Ziel ist es, trotz der aktuellen Einschränkungen im Konzertbetrieb musikalische Begegnungen mit Musikerinnen und Musikern der Dresdner Philharmonie zu ermöglichen.

Die Musiker spielen ohne Honorar, der Eintritt ist frei. Konzertbesucher werden um eine Spende gebeten, die in den Nothilfefonds der Deutschen Orchesterstiftung fließt. Mit diesen Mitteln werden freischaffende Musikerinnen und Musiker bzw. Honorarkräfte des Heinrich-Schütz-Konservatoriums Dresden unterstützt, die besonders unter den Folgen der Corona-Pandemie leiden.

Die ersten ersten Konzerte finden am 19. Mai im Kulturrathaus statt. Weitere folgen. Termine können hier gebucht werden.

Und wieder eine neue Corona-Schutz-Verordnung

Die Sächsische Staatsregierung hat am 12. Mai 2020 die zur Eindämmung der Corona-Pandemie erlassenen Beschränkungen und Verbote weiter gelockert und eine neue Corona-Schutz-Verordnung beschlossen, die ab 15. Mai gilt. Demnach bleiben der Grundsatz der auf ein Mindestmaß zu reduzierenden allgemeinen Kontakte, das Abstandsgebot von mindestens 1,5 Metern und die für bestimmte Bereiche erlassene Pflicht zur Mund-Nasen-Bedeckung weiter bestehen.

Demnach können künftig Theater, Musiktheater, Kinos, Konzerthäuser, Konzertveranstaltungsorte und Opernhäuser, sofern ein von der kommunalen Behörde genehmigtes Hygienekonzept vorliegt, wieder öffnen. Angebote in Literaturhäusern, Kleinkunst-Spielstätten, Soziokultur und Gästeführungen sind ebenso möglich.

Geöffnet und besucht werden dürfen Einrichtungen für Fachberatungen im sozialen und psychosozialen Bereich, Seniorentreffpunkte und Angebote der Kinder- und Jugendarbeit ohne Übernachtung, wenn ein mit dem zuständigen Gesundheitsamt abgestimmtes Konzept zur Hygiene vorliegt sowie professionellen Betreuung sichergestellt ist.  Zusätzlich zu den bisherigen Kontaktbeschränkungen ist künftig auch der Kontakt mit Angehörigen eines weiteren Hausstandes erlaubt. 

Tanzschulen, Fitness- und Sportstudios, Sportstätten ohne Publikum, Spielbanken, Spielhallen, Wettannahmestellen dürfen wieder öffnen. Freibäder sowie Freizeit- und Vergnügungsparks ebenso, sofern ein behördlich genehmigtes Hygienekonzept vorliegt. Gaststätten, Hotels und Pensionen sowie Hotels und Beherbergungsbetriebe dürfen wieder öffnen, wenn Hygiene- und Schutzvorschriften eingehalten werden. 

Geschlossen bleiben weiterhin Badeanstalten in geschlossenen Räumen, Saunen und Dampfbäder, Messeveranstaltungen, Spezialmärkte, Volksfeste, Jahrmärkte, Diskotheken, Clubs, Musikclubs, Reisebusreisen und Prostitutionsstätten. Bestehen bleibt grundsätzlich das Besuchsverbot für Krankenhäuser, Reha-Kliniken, Alten- und Pflegeheime, Einrichtungen und ambulant betreute Wohngemeinschaften sowie Wohngruppen mit Menschen mit Behinderungen, stationäre Einrichtungen und Wohnstätten der Kinder- und Jugendhilfe.  Der ganze Wortlaut der Verfügung ist hier nachzulesen.

 

»Kultur fehlt einfach, wenn sie nicht stattfinden darf«

Juliane Hanka, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit fürs Societaetstheater – befragt von Annett Groh

Juliane Hanka, Copyright: Susann Bürger

Wie haben Sie persönlich die vergangenen Wochen erlebt?
Seit dem Tag vor der »Langen Nacht der Dresdner Theater«, also seit dem 13. März, gibt es kein Theater mehr – von heute auf morgen kam der Stillstand. Das war erst einmal schräg und sogar ein bisschen aufregend. Dann folgte die Ernüchterung: kein Spielbetrieb heißt auch kein Geld mehr für die Künstler*innen der Freien Szene, die bei uns auf der Bühne stehen. Wir als Festangestellte des Hauses erleben nun beide Seiten, denn für uns im Büro und in der Technik geht es finanziell abgesichert weiter, während andere darben. Da hinterfragt man die eigene Rolle und die Solidarität mit den Anderen noch einmal ganz neu.

Was sind die größten Herausforderungen, die Sie und Ihr Haus zu meistern haben?

Wir haben zum Zeitpunkt dieses Gesprächs eine Haushaltssperre, das heißt, wir dürfen kein Geld für künstlerische Leistungen ausgeben, obwohl genau das von uns gefordert wird: kreative Formate für diese Leerlaufzeit. Dass man in den Zeiten von Abstandsregelungen und Mundschutz überhaupt so etwas wie sinnliche Kunst aufführen kann und wie diese aussehen soll ist nochmal eine ganz andere Frage. Aber wir haben große Lust auf ihre Beantwortung.

Während der Corona-Krise haben sich viele digitale Kulturangebote herausgebildet. Wie sehen Sie diese Digitalisierung?
Wir haben im April mit unserem »Socie TV« auch ein tägliches digitales Angebot ins Netz gestellt. Das ist wieder so ein Dilemma: auf der einen Seite will man zeigen, dass es ganz viel kreatives Potenzial gibt, das nun brach liegt, auf der anderen Seite beutet man genau dieses Potenzial aus, weil man den Künstlern nur eine Aufwandsentschädigung zahlen kann. Wir haben uns entschieden, dieses Format einzustellen, weil es unserem Verständnis nach der Relevanz von Theater nicht gerecht wird.

Wo stehen Kunst und Kultur, wenn sich der Alltag wieder normalisiert?
Die Frage ist doch eher, wo steht sie, wenn der Alltag außer Kraft gesetzt ist? Wir merken: sie fehlt vielen, einige wollen jetzt Geld spenden, wünschen sich, dass es bald wieder Aufführungen geben kann. Aber der Wert von immateriellen Dingen ist natürlich schwer messbar, die Notwendigkeit von Einkaufsgelegenheiten, medizinischer Versorgung oder pädagogischer Betreuung leichter zu benennen. Aber als Luxusgut möchten wir Kunst und Kultur ausdrücklich nicht verstanden wissen. Sie fehlt einfach, wenn sie nicht stattfinden darf. Das gilt nicht nur fürs Theater, sondern auch für Konzerthäuser, Clubs, Bars und die vielen anderen Zerstreuungen, die nicht selten als soziale Auffang- und Auftankstelle fungieren

Was wird sich verändern? Wie ist Ihr persönlicher Blick in die Zukunft?
Tja, da gibt es eine hoffnungsvolle und eine realistischere Vermutung. Die Hoffnung ist, dass wir etwas von der Verlangsamung der Dinge übernehmen. Dass wir es schaffen, nicht wieder komplett in unsere Routinen zurück zu fallen, sondern hier und da etwas wirklich neu denken lernen. Das gilt ganz besonders für unseren Theateralltag, den wir ja aufgrund eines gerade vollzogenen Geschäftsführerwechsels im Societaetstheater sowieso nochmal komplett überdenken. Was aber zu befürchten ist, auf gesellschaftlicher wie auf individueller Ebene: Es wird sich vieles einpegeln auf das, was vorher war und die Corona-Zeit wird wegsortiert als überwundene Schauergeschichte. Wenn’s anders wird: wir freuen uns und träumen schon mal von einer Zukunft, in der Theater im direkten Austausch mit dem Publikum stattfindet.

»Stay positive« ist meine Corona-Hymne«

Robert Schmidt, selbständiger Veranstalter (Booking für die GrooveStation, Blood Service … ) – befragt von Kaddi Cutz

Wie hat dich persönlich die Krise getroffen? Was macht dir die meisten Probleme und wie wirkt sich das auf deinen Alltag aktuell aus?

Ich persönlich bin aktuell auf Kurzarbeit mit null Stunden und habe daher 60 Prozent Einkommen von einem Halbtagsjob, das gerade so reicht, um die laufenden Kosten und das Essen zu bezahlen. Ich halte mich derzeit noch mit kleineren Nebentätigkeiten und geborgtem Geld von Freunden über Wasser. Seit Beginn mache ich Homeoffice und versuche weiterzuarbeiten und nutze die übrige Zeit für Liegengebliebenes. Im Prinzip habe ich mich die ersten vier Wochen physisch nahezu komplett isoliert, mal von der Partnerin und zwei Freunden abgesehen. Skype bot hier und da noch Möglichkeiten, sozialen Austausch aufrechtzuerhalten.

Die meisten Probleme bereitet mir gerade das Aushalten des fehlenden sozialen Kontakts zu meinem Umfeld. Finanziell bin ich eher genügsam und versuche die meine berufliche Existenz und vor allem die Gesellschaftsentwicklung betreffende Zukunftsangst mit heimischer digitaler Weiterbildung, den verbliebenen, nicht unerheblichen Job-Aufgaben und natürlich Hobbys zu verdrängen. »Stay positive« von den Streets ist quasi meine Corona-Hymne.

Robert Schmidt, Copyright: Juliane Hanka

Was sind normalerweise deine Kernaufgaben in der Groove und darüber hinaus?

In der GrooveStation bin ich halbtags beschäftigt an der Seite meines Kollegen Erich. Wir teilen uns die Aufgaben, die den Veranstaltungsbereich und das Programm betreffen, wie Booking, Konzeption, Produktion, Marketing, Grafik, Ticketing, Abrechnungen, Mitarbeiterorganisation und generelle Netzwerkerei. Ich persönlich hab dann noch die Rechnungslegung, GEMA und unseren Kontakt zu den geliebten NGOs wie »Mission Lifeline« oder »Start with a friend« auf dem Zettel.

Seit 2004 arbeite ich neben meinem Job noch als privatwirtschaftlicher Veranstalter mittlerweile unter dem Namen Blood Service beziehungsweise im DJ-Team Culture Club. Ebenso mache ich seit anderthalb Jahren nun auch vermehrt Grafik für kleinere soziale Projekte wie das »KIEZ« in Prohlis oder das schöne Projekt »Zur Tonne«, das sich für die Weiterverwertung von von der Ernährungsindustrie aussortierten Nahrungsmitteln, die Weiterbildung junger Menschen zum Thema der Nachhaltigkeit oder auch die Verköstigung Obdachloser und Erwerbsschwacher einsetzt. Seit meinem Wechsel zur GrooveStation 2017 sind dann noch viele weitere Netzwerktätigkeiten dazu gekommen …

Was fehlt dir aktuell am meisten?

Am meisten fehlt mir tatsächlich der persönliche Austausch mit meinem Umfeld beim gepflegten Konzert oder Getränk. Sky und social media können leider keinen Abend im Dresdner Kulturleben aufwiegen. Es fehlt das durch alle Kulturschaffenden in Dresden so lebenswert gewesene Dasein. Es fehlt eben der pulsierende geistige und emotionale Input und Austausch, und die Möglichkeit temporär gewisse soziale Spannungsfelder gestalten zu können. Es fehlt viel.

Du engagierst dich gerade auch im Klubnetz. Was genau passiert dort aktuell und welche Initiativen wurden ergriffen?

Das Klubnetz Dresden hat direkt in der ersten Woche der verordneten Maßnahmen mit denen die Schließungen der Klubs einherging, eine Spenden-Kampagne zur Unterstützung seiner Mitglieder gestartet »Rettet die Dresdner Klubs«, das vor einigen Wochen beendet wurde. Nochmal ein großes Danke im Namen aller beteiligten Klubs an alle Spender! Mit der Kampagne verbunden wurden die Klubnetz-Streaming-Sessions, die anfangs täglich, mittlerweile an drei Tagen in der Woche umgesetzt werden. Das »United We Stream«-Wochenende Anfang Mai, das auch via Arte Concerts supportet wurde, war dabei ein Highlight mit knapp 70.000 Zuschauern am Tag.

Abgesehen von unserem simplen Willen, die Kultur am Leben zu erhalten, hoffen wir, dass die ehrenamtliche Tätigkeit der unzähligen Beteiligten zu einer verbesserten Wahrnehmung durch die Stadt führt, was auch schon erste Früchte trägt. Unser generelles Ziel ist es, den fokussierten Bildausschnitt der Stadtpolitik- und Verwaltung auf die Vielzahl der nicht oder nur minimal geförderten Kulturangebote zu erweitern. Wir spüren bei der Arbeit im Klubnetz einen sehr großen Rückhalt in der Dresdner Kulturszene und vor allem auch beim Publikum.

Was braucht es deiner Meinung nach um als Club oder Kulturbetrieb durch die Krise zu kommen. Woran fehlt es am allermeisten?

Es braucht aktuell natürlich viel ehrenamtliches Engagement aller Beteiligten in ihren jeweiligen Häusern. Hier muss man natürlich schauen, dass es nicht zu einer weiteren Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse kommt. Mit jedem Tag, den die Schließungen andauern, steigt das Risiko, dass ein ganzes Stück der Kulturangebote verloren geht. Was auf jeden Fall vielen Klubs, und, wie ich denke, allen von der aktuellen Situation betroffenen Gewerbetreibenden helfen würde, wäre eine gesetzliche Grundlage, Mieten aussetzen zu können, wenn man wie aktuell geschlossen bleiben muss und so keinerlei Umsatz erzielen darf. Nicht jeder Vermieter ist auch gesprächsbereit.

Der weitaus größere Teil der Freien und Selbstständigen wurde bis dato komplett vernachlässigt. In der Kulturbranche arbeitet ein großer Teil der Menschen als Selbstständige ohne größere Betriebsausgaben. Die eigene Arbeitskraft, Knowhow und ihre Softskills sind das Haupt-Betriebsmittel vieler Techniker, Tänzer, Gestalter, Grafiker, Kellner, Köche oder Türsteher. Alle stehen gerade jetzt ohne Einkommen da und bekommen bisher außer dem Gang in die Arbeitslosigkeit oder Verschuldung keine Lösungen angeboten.

Es sollen ja schrittweise wieder Veranstaltungen möglich sein. Welche Alternativen sind realistisch und was macht dir im Hinblick auf kommende Lockerungen vielleicht Sorgen?

Das ist leider komplett abhängig von den Entwicklungen, über die wir aktuell immer nur mutmaßen können. Wir sind auf alles vorbereitet und haben die letzten Wochen damit zugebracht, uns die Köpfe zu zerbrechen, was wir wann wieder machen können. Das haben wir jetzt erst mal mehr oder weniger auf Eis gelegt. Wenn es so weit ist, sind wir wieder am Start – sofern wir es dann noch können. Alles andere ist wohl Kaffeesatzleserei. Wir werden sehen, wie es sich weltweit entwickelt, da ja vor allem internationale Künstler auch noch keinen Tourplan schmieden können, wenn nur Deutschland zur Normalität findet. Und ich gehe stark davon aus, dass es Normalität wie wir sie von vor einigen Monaten kennen, nicht vor einem Impfstoff geben wird. Alles andere wäre wohl auch unvernünftig.

Es bleibt zu hoffen, dass viele sich in dieser Zeit Gedanken machen, ob sie überhaupt so wie vorher weiter leben wollen. Ob ein »immer mehr« für »immer günstiger« oder ein »immer selbstoptimierteres Arbeiten« wirklich gesund für den Planeten, die Gesellschaft, die eigene Psyche ist, muss wohl jeder für sich selbst beantworten. Bestenfalls auch gegen die eigene Bequemlichkeit.

»Diesem Corona werden wir was husten!«

Michael Kuhn, TV- und Bühnen-Autor und Regisseur (Boulevardtheater, Krabat Festspiele) – befragt von Karsten Hoffmann

Michael Kuhn

Wie ist dein Stand der Dinge, wenn der Vorhang zunächst geschlossen bleiben muss?

Ich bin gesund, das ist erst mal die Hauptsache. Ich habe keine Kinder, das erspart mir natürlich das berühmte Homeschooling, was manchmal wohl eher eine Schule der Geduld für die Eltern scheint. Ansonsten mache ich, sofern es geht, Homeoffice, wobei das Schreiben an neuen Stücken für das Theater wie ein Stochern im Nebel ist, ohne dass man weiß, wann und wie es weiter geht. Zuletzt wurden die Krabat Festspiele in Schwarzkollm, deren Autor und Regisseur ich bin, abgesagt, das macht natürlich keine Freude. Auf der Bühne stehe ich seit Mitte März nicht mehr, die ausgefallenen Vorstellungen zähle ich schon gar nicht mehr. Wie ich damit umgehe? Nun ja, da ich gern lache, versuche ich lieber das zu tun, als zu verzweifeln, auch wenn die Situation es einem nicht gerade leicht macht.

Wie hart hat es dich getroffen und was wünscht du dir von der Politik?

Wie gesagt, ich habe keine Kinder zu betreuen, also sind es natürlich die leidigen finanziellen Probleme. Ich gehöre zu den sogenannten Solo-Selbständigen, die momentan aufgrund der Theaterschließungen Null Komma gar keine Einnahmen verzeichnen. Die Corona-Soforthilfe des Bundes dienen leider weniger, wie zunächst kommuniziert, der Erhaltung der Liquidität, sondern sollen Betriebsausgaben ausgleichen. Das hilft sicher einigen in der Not, aber mangels eigenem Büro belaufen sich meine Betriebsausgaben auf ein paar Stifte, Papier und Druckerpatronen. Also von dieser Seite kommt nichts. Von einem Grundeinkommen à la Bayern oder Ba-Wü für Betroffene wie mich, ist in Sachsen leider nichts zu vernehmen. Und so komme ich aktuell mit meinen Ersparnissen für meinen Lebensunterhalt auf. Mal sehen, wie lange das noch so geht, da bleibe ich optimistisch. Allerdings weiß ich, dass es viele Kollegen gibt, die kein Finanzpolster anlegen konnten, denen bleibt nun offenbar nur Hartz4 in der stillen Hoffnung, nicht versehentlich in einer Zugewinngemeinschaft mit der Hauskatze zu leben. Unterm Strich ein demütigender Weg für alle, die energetisch und kreativ ihr Leben bestreiten, niemandem auf der Tasche liegen und all die Jahre genauso viele Steuern bezahlt haben für einen auf Solidarität beruhendem Staat, der sich nun auffällig ruhig verhält – wohl bemerkt, ohne irgendeine Schuld an ihrer derzeitigen Situation zu haben. Mein Wunsch ist es also an die Politiker, die dieser Tage natürlich einen schweren Job haben, sich trotzdem vor Augen zu führen, dass die Kunst- und Veranstaltungswirtschaft für Deutschland ein ebenso wichtiger Faktor wie die Automobilbranche ist, dass Kultur eben nicht verzichtbarer Luxus ist, nicht einfach Vergnügen und Trallalla, sondern schlicht auch ein Wirtschaftszweig, der Hunderttausende von Menschen ernährt und Millionen von Steuergeldern erzeugt.

Was wirst du unternehmen, um die Krise glimpflich zu überstehen?

Ich überlege natürlich gemeinsam mit Kollegen, wie man weiter agieren kann, wie man Theater auch in Zeiten von Mundschutz und Abstand halten eventuell gestalten kann. Das alles könnte die Politik aber sehr unterstützen, indem sie versucht, soweit möglich, konkrete Fahrpläne und Möglichkeiten für eine Zukunft auszuarbeiten, die jenseits der kommenden zwei Wochen liegt.

4. Wie ist Deine Prognose mit dem Blick in die Zukunft?

Ich bin ein Optimist. Ich bin 41, da gab es schon genug Krisen – privat oder weltweit – die man erlebt, durchlebt und auch immer überlebt hat. Klar geht auch diese Krise vorbei und also ist die Perspektive weiterhin gut. Mein persönliches Motto dieser Tage: Diesem Corona werden wir was husten!