»Für mich die schönsten stressfreien Monate der letzten zehn Jahre«

Thomas Jurisch (Moderator, Veranstalter und Slam-Comedian) – befragt von Karsten Hoffmann

Thomas Jurisch

Wie hat dich die Corona-Krise getroffen?

Ich habe durch den Verlust meiner Shows, Moderationen und anderweitigen Aufträge natürlich Einbußen gehabt. Doch es hielt sich in Grenzen. Der schnelle Weg durch die staatlichen Hilfen, da muss ich gestehen, dass mir das herzlich am Hintern vorbei ging. Es geht um Geld. Mehr nicht. Dass sich die Beschränkungen irgendwann wieder lockern würden, war mir klar. Ergo habe ich die letzten drei Monate mehr als genossen. Niemand, der nervte, keine Ahnung wie es weiter gehen sollte und jeden Tag mit Sport, Kind und Natur verbracht. Die schönsten stressfreien Monate der letzten zehn Jahre.

Was hast du denn unterdessen unternommen? Gab es für dich einen Notfallplan?

Ich hatte und habe keinen Notfallplan. Warum auch? Wir leben in Deutschland. Dieses Land steht für seine Menschen ein. Wenn du in Not kommst, dann hilft dir der Staat finanziell in vielen Belangen. Dafür muss man zwar oft die Hosen runter lassen, aber dann läuft es ohne Probleme. Ich habe die Zeit entspannt meine zukünftigen Shows und Projekte umzusetzen und zu schauen, was sich ergibt.

Hattest du unter Corona-Bedingungen schon Auftritte? Wenn ja, wie reagierte das Publikum darauf?

Seit Juni können wir wieder zaghafte Schritte mit bis zu 240 Zuschauern machen. Das lässt hoffen und auch entspannt in die Zukunft sehen. Ab Juli 950 Gäste bei den Filmnächten und viele diverse kleine andere Shows füllen den Terminplaner und zeigen, dass man auch mit kleinen Sachen Geld verdienen kann und vor allem, wer sich um seine Gäste und Künstler kümmert. Das derzeitige Gejammer an allen Ecken nervt mich wirklich an, denn statt kleine kontinuierliche Brötchen zu backen, wollen alle nur große Shows, um abzusahnen. Das war und ist nie meine Philosophie gewesen.

Welchen Wunsch hättest Du an die Politik?

Ehrlich? Keinen! Auch wenn die Bundesregierung in vielen Punkten vielleicht überreagiert hat, hätte ich nicht in ihrer Haut stecken wollen. Sie haben zwar einige Branchen an den Rand des Ruins gebracht, aber lieber so, als Tausende von Toten. Und es hätte jeden von uns treffen können. Meinem Sohn zu erzählen, dass der Papa sterben wird, weil er unter die Risikopatienten fiel oder gar mein Kind verlieren, des Leichtsinnes wegen, ist für mich undenkbar. Wir haben alle die Chance auf Grundversorgung. Das hilft für kommende Monate und einem zaghaften Neubeginn. Ich liebe derzeit diese Situation. Endlich mal wieder alles auf Null fahren und sich dessen bewusst werden, was man wirklich will.

»«Eine Gefahr für die Veranstaltungswirtschaft ist, dass uns schlichtweg das Fachpersonal abhanden kommt«

Clubbetreiber Sebastian Gottschall (Strasse E, Reithalle, Bunker) – befragt von Karsten Hoffmann

Sebastian Gottschall

Wie sieht die aktuelle Situation in der Strasse E aus?

Trüb, da wir derzeit keinerlei Veranstaltungen durchführen können und seit März einen totalen Umsatzverlust erleiden.

Gibt es einen Notfallplan und alternative Konzepte? Welche Unternehmungen hast du bisher angestellt?

Es gibt keinen Notfallplan, insofern weiterhin alles untersagt bleibt und man uns keinerlei Spielraum für Alternativen einräumt. Unsere regelmäßigen Konzert- und DJ-Livestreams können uns leider auf Dauer nicht retten.

Gab es denn schon kleinere Gigs unter den aktuellen Auflagen und wie könnte eine sinnvolle Lösung fürVeranstaltungen aussehen?

Nein, da jegliche Form innerhalb geschlossener Räume, egal ob Diskothek oder Konzert untersagt sind, und Begrenzungen auf 50 Personen mit Abstandsregeln wirtschaftlicher Unsinn sind, weil das eben auch mehr Geld kostet, als letztlich die Türen geschlossen zu lassen. Die einzig wirtschaftlich sinnvolle Maßnahme wäre die zumindest teilweise Aufhebung der Maßnahmen, da diese aufgrund der aktuellen sachsenweiten Entwicklung der Infektionszahlen nicht mehr angemessen sind. Das bedeutet Konzerte und auch Diskothekenbetrieb bis zur Besucherzahl X ohne weitere Einschränkungen wie Abstands- oder Maskenpflicht. Es macht keinen Sinn, Sachsen zur keimfreien Zone zu erklären. Dies ist nicht Sinn und Zweck der Schutzmaßnahmen. Als Alternative kann nur eine umfangreiche finanzielle Hilfe in Frage kommen, die nicht Rückzahlungspflichtig ist. Die versprochenen Juni-Maßnahmen der Regierung sind ja vom Umfang her, gelinde gesagt, eine Unverschämtheit. Die meisten Unternehmen in meinem Umfeld würden mit diesen neuen Maßnahmen keine 3 Monate, sondern eher nur einen Monat durchhalten. Die Miet- und Unterhaltskosten in der Veranstaltungswirtschaft sind nicht zu unterschätzen. Leider begrenzt die Regierung die Hilfsmaßnahmen weiterhin anhand der Anzahl der Mitarbeiter, was aber finanziell im Veranstaltungsgewerbe weniger Einfluss auf die Gesamtkosten hat. Ein weiteres Problem wird sein, das auf lange Sicht der Veranstaltungswirtschaft Ton-, Licht- und sonstige Mitarbeiter wegbrechen werden, ebenso wie selbstständiges Gastro-Personal. Da Soloselbständige keinerlei Existenzhilfen bekommen und auf Harz 4 angewiesen sind, wovon sie ihren Lebensstandard nicht finanzieren können, werden sich viele dieser Freischaffenden beruflich umorientieren. Mir sind diesbezüglich bereits Fälle bekannt. Dies stellt ebenfalls eine Gefahr für die Veranstaltungswirtschaft dar, da uns schlichtweg das Fachpersonal abhanden kommt.

Was wäre dein Wunsch an die Politik?

Die Scheuklappentaktik gegenüber der Veranstaltungswirtschaft und den Soloselbständigen abnehmen und sich auf kompetente Weise mit den realen Problemen auseinanderzusetzen. Pauschalisierte Hilfen ohne Betrachtung der wirklichen Notwendigkeit finanzieller Hilfen wird das Überleben der Veranstaltungswirtschaft nicht sichern. 2,3 Millionen Selbstständige und deren privaten Unterhalt komplett zu ignorieren, stößt bei mir auf komplettes Unverständnis. Dies als Wunsch zu formulieren, wäre nicht angemessen. Direkte Hilfen sollten hier eine Selbstverständlichkeit sein.

»Habt euch lieb und seid nett zueinander!«

DJ und Drag Queen Lara Liqueur – befragt von Karsten Hoffmann

Wie hat dich als DJ die Covid19 Pandemie getroffen?

Der Lockdown und die dazugehörigen Beschränkungen und Clubschließungen haben mich sehr stark überrascht. Bis Ende Juni wäre mein Kalender eigentlich dauerhaft voll gewesen, ich hätte wie gewohnt meine 3 bis 4 Gigs pro Woche gespielt. Letzten Endes waren es dann exakt Null Livegigs zwischen Mitte März und Mitte Mai. Anfangs habe ich noch täglich Twitch-Livestreams gespielt, nach ungefähr einem Monat hat mich das aber nur noch frustriert. Ohne »echte« Menschen und »echte« Gesichter ist das einfach nicht dasselbe. Einziges Einkommen in dieser Zeit waren tatsächlich die Einnahmen von Twitch und einige (wenige) Spotify-Tantiemen meiner musikalischen Veröffentlichungen.

Wie sieht Dein aktueller Notfallplan aus und welche Unternehmungen hast du bisher angestellt?

Aktuell läuft die Booking-Phase langsam wieder an. Vor allem Firmen- und Privatfeiern fragen nach und nach Termine für die zweite Jahreshälfte an. Ich werde versuchen, mir für den Fall eines zweiten Lockdowns so viele Rücklagen wie möglich anzuhäufen, dieses Mal sieht man es ja wenigstens ein bisschen Voraus.

Hast du denn schon kleinere Gigs unter den aktuellen Auflagen absolviert und wie reagierte das Publikum darauf?

Ich habe am Männertag und an Pfingsten im Biergarten des Alberthafens gespielt, das wurde sehr dankbar angenommen. Außerdem habe ich die Ersatzveranstaltung des CSD Dresden bespielt, auch das war sehr angenehm. Man merkt, wie sehr die Partypeople es vermisst haben, sich zu DJ-Musik zu bewegen. Alles in allem ist das Publikum trotz der begrenzten Möglichkeiten absolut dankbar und jede Minute voll dabei, teilweise sogar noch enthusiastischer als vor der Pandemie.

Welchen Wunsch hättest du an die Politik?

Wir sind ein wichtiger Teil der Gesellschaft. Ein Großteil der Menschen nutzt unsere Musik und unsere Veranstaltungen, um vom Alltagsstress wieder runter zu kommen. Man soll die Feste feiern wie sie fallen, aber ohne uns gibt es viel weniger Feste und noch viel weniger zu feiern. Vergesst uns nicht und bitte, stützt auch die Eventbranche finanziell, auch wenn wir vielleicht keine für euch greifbaren Unternehmensausgaben haben. Und an alle da draußen, gerade jetzt noch mehr als sonst ohne hin schon: Habt euch lieb und seid nett zueinander!

Lara Liqueur

Night of Light: Kreativer Protest der Eventbranche

Auch in Dresden werden markante Gebäude rot angestrahlt

Die Veranstaltungswirtschaft steht mehr als alle anderen Branchen infolge der Corona-Krise unter Druck. Niemand sonst muss derart um seine Existenz, seinen Job, seine Zukunft fürchten. Seit Monaten herrscht quasi Berufsverbot für Veranstalter, Eventagenturen, Techniker, Kulturschaffende und viele Akteure und Dienstleister eines Wirtschaftszweiges, der mehr als 1 Million Beschäftigte aufweist. Durch die Ankündigung, dass Großveranstaltungen jetzt sogar bis zum 31. Oktober verboten bleiben sollen, wird die Lage immer dramatischer.

Um auf die prekäre Situation aufmerksam zu machen, hat sich von Essen aus eine Initiative gegründet, die unter dem Motto „Night of Light“ in der Nacht von Montag auf Dienstag  (22./23. Juni), von 22 bis 1 Uhr, bundesweit markante Gebäude oder auch Firmenzentralen rot anstrahlen will. Die Farbe Rot steht symbolisch für die Alarmstufe Rot für die Veranstaltungswirtschaft, da ein Milliardenmarkt und hunderttausende Arbeitsplätze gefährdet sind. Es geht um einen flammenden Appell an die Öffentlichkeit und Ziel ist ein Branchendialog mit der Politik.

Die lose Initiative hat inzwischen mehr als 3.800 Unterstützer. Über 3.680 Gebäude sollen illuminiert werden. Bundesweit werden in mehr als 200 Städten Eventlocations, Spielstätten, Gebäude und Bauwerke mit rotem Licht illuminiert.  Auch Dresden wird dabei sein. Die Aktionen sind nicht koordiniert, aber eine Initiativgruppe renommierter Vertreter der Eventbranche hat sich zusammengetan, um in spektakulärer Art und Weise eines der bekanntesten Wahrzeichen der Stadt für einen Abend bzw. eine Nacht anzuleuchten. Bilder und Videos der von euch  beleuchteten Objekte und Gebäude können zentral auf den eigens für diesen Anlass erstellten Seiten bei Facebook und Instagram unter dem Hashtag #nightoflight2020 hochgeladen werden.

Zum Hintergrund: https://night-of-light.de/

Mit Abstand das Beste

Open-Air-Theater in der Jungen Garde

Seit Mitte März vermissen sich Künstler, Theater, Kulturveranstalter und Publikum gegenseitig. Grundsätzlich könnten unter Auflagen fast alle Dresdner Theater wieder spielen, gleichwohl sind Bespielungen unter den geltenden Hygieneregeln unwirtschaftlich. Aust Konzerte als Betreiber der Freilichtbühne Junge Garde mit einer Gesamtkapazität von 4.900 Zuschauern bietet nun für circa 900 Besucher eine Alternative für den Kultursommer in Dresden. Garde-Betreiber Rodney Aust, das Boulevardtheater Dresden, das Tom-Pauls-Theater Pirna, die Agentour (Humorzone Dresden), die Booking-Agentour Sommerfeld und die Jazztage Dresden haben sich zusammengeschlossen und bieten ab 26. Juni bis in den September hinein ein Theater-Open-Air, das vor allem einheimischen Künstlern wie Tom Pauls, dem Zwinger-Trio-Dresden, Olaf Schubert, Anna Mateur, Miss Chantal & Friends, Uwe Steimle, der bereits in den Ruhestand verabschiedeten Hexe Babajaga, den medlz und vielen anderen Bekannten mehr ein Podium bieten will.

Gesamtprogramm unter https://www.junge-garde.com/ Tickets sollten im Vorverkauf online erworben werden, es gibt nur einige wenige Karten an der Abendkasse. Die Preise bewegen sich zwischen 25 und 39 Euro.

Sachsen stellt 68 Millionen Euro für Kultur und Tourismus bereit

Der Freistaat Sachsen will den Kultur- und Tourismusbereich in der Corona-Krise mit 68 Mio. Euro in verschiedenen Fördertöpfen unterstützen. Im dem am 9. Juni vorgestellten Hilfsprogramm sind auch umfangreiche Hilfen für die staatlichen Kultureinrichtungen drin, wie der MDR heute berichtete. Alle coronabedingten Einnahmeverluste dieser Einrichtungen sollen damit ausgeglichen werden. Deren Verluste beziffert das Ministerium auf 17 Mio. Euro. Die seien im Gesamtpaket enthalten.

Damit bleiben etwas mehr als 50 Mio. für die freien Künstler, Kultureinrichtungen und die Tourismus-Kampagnen.  7 Millionen sind für die Kulturstiftung des Landes vorgesehen. Damit sollen laut Ministerin Barbara Klepsch u.a. freie Künstler gefördert werden. 2 Millionen seien für die Veranstaltungsbranche eingeplant. Der Tourismus soll 5 Millionen Euro zusätzlich bekommen. Klepsch sagte, der Staat könne nicht alle Einnahmeverluste ausgleichen. Man wolle aber Impulse setzen und dabei helfen die Krise zu überstehen. Rund 30 Mio. Euro soll an freie Kulturträger in Sachsen gehen. Dazu gehören Freie Theater, Festivals und Vereine. Profitieren sollen davon speziell Vereine und gemeinnützige Einrichtungen, „die zur kulturellen Vielfalt“ beitragen.

Solo-Selbstständige können im Programm „Denkzeit“ eine Förderung beantragen, um ihre Existenz zu sichern und die Umsatzeinbußen zu kompensieren. Pro Antrag werden bis zu 2.000 Euro ausgezahlt.  1,5 Millionen erhalten die etwa 90 Kinos in Sachsen. Mit ebenfalls jeweils 1,5 Millionen Euro werden laut Ministerium zudem sächsische Filmprojekte und lokale Medien bezuschusst. Die bereitgestellten Gelder bedürfen noch der Zustimmung des Haushaltsausschusses.

SchützRaum

Ein musikalisches Äthernettheater an der Musikhochschule

AuditivVokal, Copyright: Gerhard Richter, 2018

„Über das Internet bekommen wir Impulse vom Publikum, auf die unsere Sängerinnen und Sänger mit einem halb improvisierten, halb strukturierten Musikstück reagieren werden“, so Olaf Katzer, Vertretungsprofessor in der Fachrichtung Dirigieren an der Hochschule für Musik Dresden und künstlerischer Leiter des Vokalensembles AuditivVokal Dresden im Vorfeld des interaktiven Konzertes „SchützRaum – Ein musikalisches Äthernettheater“ am 12. Juni um 19.30 Uhr. Ein Novum.

Neben den Paraphrasen zu Peter Handkes Sprechstück „Publikumsbeschimpfung“ sowie musikalischen Kompositionen von Heinrich Schütz und jungen Dresdner Komponisten, werden u. a. auch improvisierte Kompositionen – sogenannte ‚comprovisations‘ – von Kompositionsstudierenden der Dresdner Hochschule aufgeführt. „Die Studierenden haben eigene Stücke am Computer entworfen, aufgenommen und untereinander zur Bearbeitung weiterverschickt. Herausgekommen sind sieben ‚comprovisations‘, die ohne Zutun des jeweils anderen nicht geworden wären, was sie sind“, so Stefan Prins, Professor für Komposition an der Dresdner Musikhochschule.

Das Projekt von AuditivVokal wird präsentiert von Höfer & Tausch GmbH und möglich gemacht durch zahlreiche private Spenden. Es wird veranstaltet in Kooperation mit dem Hybrid Music Lab der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden und der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB)

Der Livestream ist abrufbar auf den Känalen von AuditivVokal Dresden:
https://www.facebook.com/auditivvokal.de/
sowie https://www.youtube.com/channel/UCsuyrfVWGhEffoaO9RevyuQ

Eine Milliarde für den »Neustart Kultur«

In dem am 4. Juni verabschiedeten, 130 Milliarden Euro schweren Rettungspaket der Bundesregierung ist auch eine Milliarde für den Erhalt und die Sicherung der kulturellen Infrastruktur vorgesehen. Ziel der Maßnahmen sei es, so Kulturstaatsministerin Monika Grütters, das durch die Corona-Pandemie lahmgelegte kulturelle Leben wieder anzukurbeln und dadurch Arbeitsmöglichkeiten für Künstlerinnen, Künstler und allen im Kulturbereich Tätigen zu schaffen.

Demnach sind ca. 250 Millionen eingeplant, um Kultureinrichtungen wieder fit zu machen für die Wiedereröffnung. Die Mittel sollen vor allem Einrichtungen zugutekommen, deren regelmäßiger Betrieb nicht überwiegend von der öffentlichen Hand finanziert wird und sind beispielsweise für die Umsetzung von Hygienekonzepten, Online-Ticketing-Systemen oder Modernisierungen von Belüftungssystemen gedacht.

Mit 450 Millionen sollen vor allem die vielen kleinen und mittleren, privatwirtschaftlich finanzierten Kulturstätten und –projekte unterstützt werden, damit diese ihre künstlerische Arbeit wieder aufnehmen und neue Aufträge an freiberuflich Tätige und Soloselbständige vergeben können. Für Livemusikstätten, -festivals, -veranstalter und –vermittler, stehen 150 Millionen zur Verfügung. Für Theater und Tanz stehen ebenfalls 150 Millionen bereit. Das betrifft Privattheater, Festivals, Veranstalter und Vermittler. Der Filmbereich wird mit 120 Millionen Euro unterstützt. Zugute kommen die Mittel vor allem Kinos, auch Mehrbedarfe bei Produktion und Verleih werden finanziert. Für weitere Bereiche wie Galerien, soziokulturelle Zentren sowie Buch- und Verlagsszene stehen 30 Millionen zur Verfügung. 100 Millionen Euro gibt es für regelmäßig geförderte Kultureinrichtungen, um coronabedingte Einnahmeausfälle und Mehrausgaben auszugleichen.

Das ganze Kulturpaket im Wortlaut: https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/eine-milliarde-euro-fuer-neustart-kultur-1757174

»Wer wenig Geld zur Verfügung hat, nutzt immer alle Möglichkeiten aus«

Fragen an Jens Besser – freischaffender Künstler und LackStreicheKleber – Urban Art Festival Dresden

Wie hast du persönlich die vergangenen Wochen erlebt?

Meine künstlerische Arbeit war vor allem von Absagen und massivem Verdienstausfall geprägt. Mir fehlt schon jetzt die Hälfte des diesjährigen Einkommens und ich lebe von hart Erspartem. Da ich eine Art »Erwerbsverbot« habe, kann ich schlicht nicht offiziell meiner Arbeit als freiberuflich tätiger Kunstschaffender und Kunstvermittler nachkommen. Aus der Not habe ich mit Freunden während des Lockdowns eine illegale Ausstellung auf einer Industriebrache organisiert – ich hatte die Isolation einfach satt. Auf der Industriebrache war auch genügend Platz für die Besucher, um Abstand zu halten. Alle Besucher waren sehr dankbar, was sich auch in den Spenden wieder spiegelte.

Die langjährigen Aktivitäten im öffentlichen Raum haben sich auf jeden Fall ausgezahlt. Während andere Kunstsparten nur eingeschränkt wahrgenommen werden konnten, hatte Urban Art großen Zuspruch. Werke im öffentlichen Raum haben einfach keine Problem mit Mindestabstand zwischen Betrachtern und es gibt keine Hygieneprobleme oder gar mit den Aerosolen.

Jens Besser

Was sind die größten Herausforderungen, die ihr bei LackStreicheKleber e.V. zu meistern habt?

Meine größte Herausforderung ist mit dem andauernden Ungewissheit klar zu kommen. Es ist einfach grauenhaft nicht zu wissen, was kommt und was überhaupt möglich ist. Deshalb wird es wohl noch weitere eigene inoffizielle Projekte geben, um mit dem Publikum in Verbindung zu bleiben. Meine Kunst lässt sich nur sehr schwer digitalisieren und verliert vor allem extrem an Tiefe bei einer Digitalisierung. Ob und wann es wieder offizielle Workshops gibt, hängt von den Einschränkungen ab. Aus finanzieller Sicht hoffe ich, dass es bald wieder los gehen kann.

Der Verein hat gerade weniger große Herausforderungen – die Ankündigung des Festivals wurde positiv aufgenommen und das Team hat viel Lust daran, das diesjährige Festival mit den vielen kleinen Veranstaltungen umzusetzen. Dank der Kleingliedrigkeit des Festivals ist es auch keine große Herausforderung, den Anforderungen bezüglich Mindestabstand und Hygienevorschriften nachzukommen. Unter den aktuellen Bedingungen war es im übrigen eine gute Entscheidung, nicht riesig zu wachsen, sondern lieber eine kleineres überschaubares Festival mit vielen kleinen Aktionen zu bleiben.

Wir haben auch im letzten Dezember bereits entschieden etwas von den Touristen weg, hin zu den lokalen Interessierten zu gehen – deshalb wurde das 6. LackStreicheKleber Festival in den September verschoben.

Ein weiterer Zufall ist, dass wir viele Absagen von Ausstellungsorten bekamen und wir deshalb schon von Anfang an eine Ausstellung unter freiem Himmel gedacht hatten. Dieses Konzept wird nun realisiert und ist irgendwie auch die konsequentere Lösung für ein Urban Art Festival.

Während der Corona-Krise haben sich viele digitale Kulturangebote herausgebildet. Wie siehst du diese Digitalisierung?

Ich sehe die Digitalisierung kritisch. Ohne eine entsprechende Qualität lässt sich kein gutes Angebot vermitteln. Die andauerne DIY-Praxis ist visuell oft grässlich und tut der Kultur nicht gut. Wenn diese Videos dann noch lange im Netz umherschwirren, wird man sich selber fragen: »Was habe ich da nur getan?«.

Außerdem halte ich vom Streamen nur in Ausnahmefällen etwas. Falls ein wirklich interessanter Vortrag aus Kapstadt gestreamt würde, und mich dieses Thema brennend interessiert, nehme ich in Kauf, vor dem digitalen Endgerät zu sitzen. Dagegen finde ich die DJ-Streams leider sehr uneinladend zum Tanzen, Feiern, Abhängen – eine Party lebt einfach von der Atmosphäre, den Menschen drumherum, dem Getränk in der Hand usw.

Zudem empfinde ich die zunehmende Arbeit an digitalen Endgeräten als eine Belastung. Es macht mir einfach keinen Spaß, viele Stunden auf einen Bildschirm zu schauen. Es ist total einengend. Ein genügend großer Projektionsraum mit entsprechender Technik ist leider viel zu teuer. Außerdem empfinde ich es total uninspirierend, immer in den eigenen vier Wänden zu sitzen. Wie soll man bitte in diesem Umfeld ein anspruchsvolles Kulturangebot entwickeln?

Wo stehen Kunst und Kultur, wenn sich der Alltag wieder normalisiert?
Ich hoffe, dass außerhalb der Kultur mehr digitale Streamingdienste genutzt werden – zum Beispiel von Politikern. Auch die Digitaliserung von Förderinstitutionen geht hoffentlich mehr voran. Wir als Urban-Artists haben in unserem Kontext schon seit über 20 Jahren viel mit Skype, E-Mails, digitalen Nachrichtendiensten, Websites und anderen digitalen Hilfsmitteln gearbeitet, um internationale Projekte zu organisieren. Eine der ersten Dresdner Graffiti-Websites aus unserem Umfeld gab es bereits 1996. Diese Seite findet man sogar auf Graffiti.org verlinkt. Digitalisierung ist also nichts Neues. Wer wenig Geld zur Verfügung hat, nutzt immer alle Möglichkeiten aus.

Kunst und Kultur haben einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert, wenngleich sich dies bisher selten finanziell in den Taschen der Kulturschaffenden zeigte. Ich hoffe, dass in Zukunft Künstler fairer bezahlt werden. Kulturschaffende und Kulturprojekte müssen Rücklagen bilden können. Das geht nur, wenn sie endlich entsprechend ihrer Leistung bezahlt werden und faire Stundenlöhne erhalten.

Was wird sich verändern? Wie ist dein persönlicher Blick in die Zukunft?
Wir hoffen, dass in Zukunft neben der Digitalisierung auch ernstzunehmende Nachhaltigkeitsprinzipien in die Kulturszene und Kulturverwaltung kommen. Unter Nachhaltigkeit verstehen wir unter anderem resourcenschonend handeln, klimafreundliche An- und Abreise von Künstlern, weniger Masse, dafür Klasse.

Innerhalb wie außerhalb der Dresdner Urban Art gibt es da viel Nachholbedarf. Es kann nicht sein, dass Urban Art nur im Kontext von »Kriminalprävention« im Hauptteil des aktuell zu erarbeitenden Kulturentwicklungsplan steht. Da täuscht auch das Zusatzpapier im Anhang nicht darüber hinweg, dass man sich jahrelang eine Urban-Art-Kennen-Wir-Nicht-Brille aufgesetzt hat. Die wenigen geförderten Aktionen wie das LackStreicheKleber-Festival sind leider der Szene und der Stadt gegenüber vollkommen inadäquat.

Das 6. LackStreicheKleber Festival findet vom 12. bis 20. September unter dem Titel »Of true Colors on Bi Cycle« in Dresden statt und will Verknüpfungen zwischen Urban Art und dem Fahrrad als Fortbewegungsmittel aufzeigen.

ZDFkultur und Arte präsentieren Musiker der Staatskapelle Dresden in den Staatlichen Kunstsammlungen

Chamber Soloists der Staatskapelle Dresden, Copyright: Markenfotografie

Auch wenn sich im kulturellen Bereich inzwischen erste Lockerungen nach dem Corona-Lockdown abzeichnen, ist an einen regulären Konzert- oder Opernbetrieb noch lange nicht zu denken. Die großen Orchester stehen vor der Frage, wie und wo sie ihre Musik aufführen können. Die Sächsische Staatskapelle Dresden hat gemeinsam mit den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ein Konzept für eine Reihe attraktiver Konzerte entwickelt, die ZDFkultur und ARTE ab Freitag, den 29. Mai, im wöchentlichen Rhythmus online stellen: https://arte.tv und https://zdfkultur.de.

Mitglieder des Orchesters treten in unterschiedlich kleinen Besetzungen auf – und das ist für sie nichts Außergewöhnliches: Kammermusik spielt in der Geschichte der Staatskapelle traditionell eine wichtige Rolle. Die Konzertorte selbst befinden sich in Dresden und sind einzigartig. Dazu gehören das Audienzgemach und der »goldene« Kleine Ballsaal des Dresdner Residenzschlosses, der nach seiner Rekonstruktion erst im letzten Jahr wieder dem Publikum zugänglich gemacht wurde. Außerdem die Antikenhalle und die Gemäldegalerie Alte Meister im Semperbau am Zwinger, wo vor der berühmten »Sixtinischen Madonna« von Raffael gespielt wird. Der Klingersaal im Albertinum, der Werke des Fin de Siècle beherbergt, rundet die kleine Konzertreise durch Dresden ab.