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Hinweis in eigener Sache.

Aufgrund der Allgemeinverordnung zur Eindämmung der Ausbreitung des Corona-Virus sind in Sachsen ab 15. Mai wieder Veranstaltungen möglich. Theater, Musiktheater, Kinos, Konzerthäuser, Konzertveranstaltungsorte und Opernhäuser dürfen wieder öffnen, sofern ein behördlich genehmigtes Hygienekonzept vorliegt. Angebote in Literaturhäusern, Kleinkunst-Spielstätten, Soziokultur und Gästeführungen sind ebenso möglich. Größere Veranstaltungen bleiben bis auf weiteres ausgesetzt, Clubs, Bars und Diskotheken vorerst geschlossen.

Für die veranstaltungsarme Zeit möchten wir unsere Leserinnen und Leser über Online-Alternativen, Kulturmeinungen und kreative Initiativen informieren und auf dem Laufenden halten: www.dresdner.nu/co19

Also, macht das Beste draus und bleibt gesund!




Kummer in der Tante Ju

Mittwoch, der 4. Dezember 2019. Normalerweise verortet man Besucher der Boomer-Generation mit langen Haaren und Lederwesten in der Location im Industriegebiet. Doch diesmal pilgern cool Kids, Hipster, Generation Y bis Z in die Tante Ju. Kummer ruft und sie kommen. Nein – sie wollen nicht sektenmäßig in Sorge verfallen. Sie wollen Felix Kummer, Sänger der Band Kraftclub, mit seinem ersten Soloalbum »Kiox« erleben. Die Verheißung: Kummer gibt Rap einen Sinn, fernab von Gepose, fetten Karren, Business, Bling Bling und völlig überholten Geschlechterstereotypen. Rapp – kritisch, befindlich, wütend und endlich wieder traurig.

Als Vorband darf KeKe ran. Eine Rapperin aus Wien, die genau dieser moderne Typ Frau der Stunde ist. Ihr Gesang – super. Ihre Performance hat mich gekriegt. Ihre Songs und ihr Sound muss noch ein bisschen reifen. Ich werde auf alle Fälle verfolgen, wie es mit Ihrer musikalischen Kariere weitergeht.

Nach kurzer Umbaupause, der Hauptact. Kummer hat Bock, geile Bühnenpräsenz und etwas zu sagen, nein er hat sogar viel zu sagen. Er rechnet mit Chemnitz ab. Dieses Chemnitz, welches exemplarisch für das seit Jahrzenten ignorierte sächsische Naziproblem steht. Ausländer hetzen – Zeckenklatschen – Ohnmacht und das alles an dem Ort, den man Zuhause nennt. Ich kenne das. Ich bin auch in einer sächsischen Stadt aufgewachsen. Das war unser Alltag. Niemanden hat es interessiert oder es wurde totgeschwiegen. Und jetzt zeigt der Rest der Republik auf uns. Diese ambivalenten Gefühle und Erinnerungen – Kummer trifft sie.

Rapuntypisch rechnet er auch mit sich selbst ab – kompliziert, befindlich, von Zukunftsängsten und dem Kampf mit sich selbst angetrieben, ein Misanthrop. Das junge Publikum grölt alle Texte lauthals mit. Partystimmung beherrscht den Saal. Es wird getanzt, geschubst und gepogt. Die Szene wirkt befremdlich und doch irgendwie einladend. Dieser Felix Kummer vereinigt scheinbar unüberwindbare Gegensätze beim Konzert. Partykracher mit fetten Beats und ernsten Texten. Was gibt es tiefsinnigeres, als einen traurigen Clown?

Er bedankt sich, dass die Leute gekommen sind, obwohl sie beim Kartenerwerb nur zwei Songs vom Album kennen konnten. Als Gimmick spielt er Kraftklub-Hits in neuer Hip-Hop-Version. Sogar die Kraftklubkollegen schlawinern kurz über die Bühne. Die Partypeople sind glücklich, der Kessel kocht, über dem Saal hängt eine Dunstwolke aus Schweiß. Felix Kummer bedankt sich, dass die partyerprobten Kraftklubfans heute auch seine ernsten Sololieder angehört und gefeiert haben. Hey Felix! Ich war wegen deinen ernsten Liedern da. Und um es kurz zu machen: Es war geil!

P.S.: Auf die Aufforderung eines Mädchens, dass ich mein an der Bar erworbenes Bier aus dem Publikum entfernen soll, weil ich jemanden beim Tanzen damit bespritzen könnte, möchte ich nochmal »Nein« sagen. Einmal war nicht genug. Wirklich – Nein! Liebe Grüße.
Ulrike S. / Fotos: Frank Schönwälder

Kummer geht im März 2020 wieder auf Tour und ist am 28./29.3. im Alten Schlachthof zu erleben (beide Konzerte sind bereits ausverkauft).



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