Der Tag, an dem die Erde bebte – Tempelhof Sounds 2022
Die erste Ausgabe des Tempelhof Sounds Festivals auf dem alten Berliner Stadtflughafen ist ein voller Erfolg – eine Perle des Live-Metiers und ein gelungenes Aushängeschild für den Kulturstandort Berlin. Vom 10. bis zum 12. Juni 2022 trafen sich da, wo früher große Maschinen abgefertigt wurden, die alten und neuen Schwergewichte des Gitarren- und Indiezirkus. Headliner der dreitägigen Sause sind unter anderem Florence + the Machine. Die schaffen es gemeinsam mit ihren Fans nicht nur ob der sensationellen, musikalischen Darbietung in internationale Schlagzeilen. Am Freitag, dem ersten Tag des Festivals bebte im Süden Berlins und nahe des Tempelhofer Felds um kurz vor 21 Uhr für ungefähr eine Minute die Erde. Das gab es hier noch nie. Was war geschehen?



Kurz vor den Erdstößen forderte Sängerin Florence Welch die frenetische Menge auf zu springen. Gesagt, getan, wackelte laut Medienberichten wohl noch in circa zwei Kilometer Entfernung der Lampenschirm im Altbau. Von Musik erzeugte Energie wird seismisch messbar. Eine irrwitzige Geschichte für die Ewigkeit, die geradezu symbolisch für das gesamte Wochenende herhalten kann.

Lange hatten Veranstalter, Bands und Fans coronabedingt warten müssen – jetzt war es endlich so weit. Drei Bühnen, tolles Wetter, Bands, Künstler und Künstlerinnen verschiedenster Stile und Prägungen. Darüber hinaus eine perfekt durchdachte Organisation. Reduktion des Geländes auf das Wesentliche, sinnvolle Nachhaltigkeitsfaktoren, wenig Chichi, freundliche Security überall, zufriedenes Publikum und ein Line-up wie das kuratierte Best-of aus Jahrzehnten gelebter Livekultur in den kleinen und großen Stätten Berlins. So wirkt neben dem beschriebenen Beben auch die britzelnd spürbare Freude, über das, was wieder möglich ist, wie eine menschengemachte Naturgewalt.

Bands à la Idles, Fontaines D. C. oder Sleaford Mods bringen mit ihrem jeweils ganz eigenen Punk und Postpunk-Feeling den Moshpit schnell in Bewegung, Anna Calvi predigt mit düster pointiertem Gitarrenspiel wider der gleißenden Sonne und der sphärisch faszinierende New Wave der belarussischen Band Molchat Doma zieht den Vorhang gefühlt gleich ganz zu. Bei den Großen sind es neben routiniert gelungenen Auftritten von Pete Doherty, Carl Barât und ihren Libertines, Interpol, Maximo Park und dem Bombast von Muse lediglich die Strokes, die mit einem nervend desinteressierten Frontman Julian Casablancas eine wenig überzeugende Show hinlegen.

Dann gab es noch Bands wie Hinds aus Madrid und den englischen Glamourbarden Barns Courtney auf der kleineren Vibrationstage oder die schottische Newcomerin Bow Anderson auf der Echostage, die das Wochenende qualitativ abrundeten. Wobei Newcomerin bei Bow Anderson nicht ganz richtig ist. Erschien die Sängerin bereits 2020 mit starken Songs wie „Sweater“ oder „Heavy“ auf der Bildfläche, verpasste die Pandemie live auch ihr eine Zwangspause - aus der sie nun gestärkt hervorgeht, wie ein eindrucksvoller Auftritt am Sonntag um 13 Uhr beweist.

Zusammengefasst erlebten täglich mehr als 30.000 Besucher fast 50 Shows bei schönstem Wetter und toller Organisation mitten in Berlin. Die gute Nachricht: das Tempelhof Sounds Festival wird auch 2023 stattfinden – das bestätigten die Veranstalter bereits am Montag nach dem Festivalwochenende. Wie toll ist das denn! M.Hufnagl (Text & Fotos)




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