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Reflexion – Das Ballettensemble der Semperoper gastiert wieder in der Gläsernen Manufaktur
Erst war das Ballett der Semperoper »on the move«, indem es sich Aufführungsorte außerhalb der Bühne der Semperoper erschloss. Dann zeigten in der Reihe »Junge Choreografen« Tänzer eigene, teils erste choreografische Arbeiten. Und nun heißt es, zum wiederholten Mal in der Gläsernen Manufaktur, Choreografen »on the move«. Aber eigentlich ist egal, was drauf steht. Entscheidend ist, was drin ist.

Dieser Abend bietet weniger ein Experimentierfeld für erste Schritte. Mit Caroline Beach, Claudio Cangialosi und Sjoerd Vreugdenhil sind drei Choreografen ausgewählt worden, bei denen im Vorfeld fest stand, dass keiner enttäuschen würde. Und so kam es denn auch. Allen drei Arbeiten gemeinsam ist ein organischer Einsatz der Tänzer von Eleven bis hin zu Solisten ohne sichtbare Rangfolge, was jeder der Arbeiten enorm gut tut. Glänzen darf hier jeder, kein Einzelner.
Caroline Beach überzeugte bereits in der Gläsernen Manufaktur mit ihrer abstrakten Arbeit »The Holding Light«. Auch hier stellt sie wieder die Kongenialität Jossia Clements in den Vordergrund, indem sie sie weite Strecken ihres »AUM home« dominieren lässt. Diese Selbstdrehung um den »Urlaut« gerät dramaturgisch zwar teilweise etwas dünn und lässt die Kraft ihrer vorhergehenden Arbeit missen, überzeugt im Ganzen aber vor allem im Detail.

Nach seinem raumgreifenden Blockbuster »Real D« nutzt Claudio Cangialosi zwar nicht wieder die Vielzahl der räumlichen Möglichkeiten, sondern bleibt sozusagen auf dem Boden, liefert aber erneut eine ganzheitliche, nahezu mit einer Handlung versehene Arbeit, die auffällig viel Raum für Assoziationen zulässt. Drei Wandelemente, die an die Berliner Mauer erinnern, aber im Gegensatz zu jener mobil sind und immer wieder aufs Neue gedreht werden, finden ihre Ergänzung in einer Art Türstock, der mittels eines roten Rollladens verschlossen werden kann. Mit kaum zwei Metern Höhe bilden die Wände weniger unüberwindbares Hindernis, als vielmehr verschiebbare Grenze. Der Rollladen wird mitunter nur zum Teil herabgelassen. Und die Farbe Rot wird zusehends mit Bedeutung aufgeladen. Das mündet in ein zu stark symbolträchtiges Finale, das knapp am alles befriedenden Happy-Ending vorbei schrammt. Trotzdem funktioniert diese »Manner of Speaking« als Kommunikationsversuch. Die Hürde, die andere Seite, das Missverständnis, die Interpretation innerhalb des Miteinanders. Eine gelungene Reflexion über das Wir.

Die Frage danach, warum als dritter Choreograf des Abends ausgerechnet Sjoerd Vreugdenhil gewählt wurde, bleibt unbeantwortet, spielt in der Gesamtheit des Abends allerdings keine Rolle. Als Nachwuchs-Choreograf gilt er zumindest nicht mehr. Um so mehr wird es allerhöchste Zeit, dass ein Ensemble wie das der Semperoper eine seiner Arbeiten vertanzt. In seinem »The Fifth Season«, das explizit »in enger Zusammenarbeit mit den Tänzern« entstand, hält sich der Brachial-Exot geradezu selbst im Zaum. Die einzige Extravaganz, die er sich gönnt, ist ein in zwei Teile zerlegtes, von floralen Elementen umranktes menschliches Skelett, das im Schattenriss zum Alien mutiert. Die Kostüme hingegen sind vollkommen zurückgenommen. Im Wortsinn: Casey Ouzounis trägt nichts weiter als eine hautfarbene Unterhose. Verantwortlich für die Kostüme zeichnet laut Programmheft »Second Hand«. Also eigentlich doch wieder eine Extravaganz in den Kostümen. Vreugdenhil at his best. Und sonst? Die Komplexität seiner Formensprache scheint einfach wie gemacht für die Tänzer dieses Ensembles. Und Vreugdenhil bleibt sich stets treu: frisch, überraschend und ohne Umschweife auf den Punkt. Rico Stehfest

Choreografen »on the move«, nächste Vorstelllungen: 26.1., 17 & 20.30 Uhr, Gläserne Manufaktur.



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