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Norwegisch für Verrückte - »Elling« in der Comödie
Wie soll man in einer Großstadt zurecht kommen, wenn man schon Angst vor einem Telefongespräch hat? Die beiden soziophoben Klinikinsassen Elling (Christian Kühn) und Kjell Bjarne (Oli P.) stellen sich eben diese Frage, als sie den letzten Schritt ihrer Rehabilitierung gehen: Die eigene Wohnung - in Oslo. Betreut von einem spielfreudigen Tobias Schenke (»Schlaraffenland«, »Harte Jungs«) als abgeklärter Sozialarbeiter Frank, müssen die zwei die Herausforderungen des Alltags überstehen und scheitern regelmäßig schon an einer Supermarktschlange oder einem ausverkauften Abendessen. Soziophobie ist auf den ersten Blick als Rahmen für eine Komödie zwar ungewöhnlich, doch was Drehbuchautor Axel Hellstenius bereits vor zehn Jahren aus dem berühmten norwegischen Bestseller »Blutsbrüder« an Witz, Herzwärme aber auch Dramatik für den Elling-Film herausholte, müsste in der Comödie-Bühnenadaption doch auch drinstecken, oder?
Zu einem Großteil schon: Regisseurin Swentja Krumscheidt gelingt die norwegische Balance zwischen Tiefsinn und Leichtigkeit. Die Idee, eine schwankende Hauswand mit Türrahmen als Fixpunkt für das verdrehte Leben des Duos zu nutzen, ist faszinierend und lässt Raum für allerlei Verrücktheiten. Auch das skandinavische Flair ist charmant durch Details wie Radiosender oder eine schöne Nonsense-Szene im Osloer Lyrikclub in norwegischer Sprache übertragen worden. Oli P. hat sichtlich Spaß an seiner Rolle und spielt Kjells simplen Charakter erfrischend anders. Mal beeindruckt seine verquere Mimik, mal seine humorvollen Körperbewegungen, die gern zu überraschenden Tanzeinlagen werden. Die einzige Frau auf der Bühne, Miriam Pielhau, wirft sich in Minirollen im Minutentakt in andere Kleider und zeigt damit eine spritzige Vielseitigkeit, die Krumscheidts Boulevard-Komödie so gut tut, dass man Pielhau gern noch öfter gesehen hätte.
Doch auch im Dresdner Oslo scheint nicht immer die Sonne: Ausgerechnet Kühns Hibbeligkeit kratzt manchmal an der Grenze des Erträglichen. Wer den energischen Schauspieler aus anderen Stücken kennt, weiß um seinen Hang, zu übertreiben. Natürlich ist es nötig, die Symptome einer Krankheit zu vermitteln, doch bei Situationen, wie Ellings Anfällen oder seiner Unbeherrschtheit im falschen Moment wandert Kühn immer wieder auf dem Grat zwischen Slapstick und Drama und droht auf Dauer sowohl seinen Witz als auch seine Ausdruckskraft eines ernsthaft Leidenden zu verlieren. Doch genug der schmähenden Worte. Denn das, was diesen »Elling« so gut macht, ist schließlich doch die Fähigkeit von Krumscheidt und ihrem Ensemble, Hellstenius´ Vorlage treu zu bleiben und die Geschichte von den zwei sympathischen Bekloppten und ihrem Kampf um ein halbwegs normales Leben bei aller Spaßigkeit mit Würde zu erzählen. Und das ist auch der Kern, den »Elling« auf der prominent besetzten Comödien-Bühne mit einem Lächeln rüberbringt. Martin Krönert

Die nächsten Vorstellungen: 1.-3./5./6./19.-24./26.-29.2.2013



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