Logo DRESDNER




Goldnes Kalb im Cyberspace: Arnold Schönbergs „Moses und Aron“ zum Auftakt der neuen Intendanz an der Semperoper
Soll man es mutig nennen, oder ambitioniert? Für seinen Einstand in Dresden hat Peter Theiler, der neue Intendant der Semperoper, kein geringeres Werk als Arnold Schönbergs Oper „Moses und Aron“ ausgewählt, ein Werk, das einerseits als sperrig gilt, andererseits jedoch einen lohnenswerten Anspruch vorgibt, den es künstlerisch und konzeptionell einzulösen gilt. Und Peter Theiler kann mit seiner Entscheidung in Dresden sowohl auf eine Aufführungstradition, als auch auf eine langjährige Lücke verweisen: Zuletzt war diese Oper in Dresden zwischen 1975 und 1979 in einer vielbeachteten Inszenierung von Harry Kupfer zu sehen gewesen.

Die Handlung interpretiert eine Geschichte aus der Bibel: Moses erhält von Gott den Auftrag, das Volk Israel aus Ägypten zu führen und ihm einen neuen Glauben an den „einzigen, ewigen, allgegenwärtigen, unsichtbaren und unvorstellbaren Gott“ zu geben. Da Moses zwar denken, nicht aber reden kann, bedarf er seines Bruders Aron, der die geoffenbarte Wahrheit des neuen Gottes dem Volk auch zu verkünden vermag. Doch das Volk muss erst gewonnen werden, und es will sich nur einem Gott unterwerfen, der stärker ist, als die alten Götter. Aus dieser Konstellation heraus entwickelt Schönberg, der selbst auch das Libretto schrieb, ein Stück mit komplexen politischen Implikationen, die gerade heute wieder besonders aktuell sind: geht es doch um solche Fragen wie Führerschaft und Gefolgschaft, Fragen von Legitimation, Recht und Gesetz, von „Wahrheit“ und ihrer gar nicht selbstverständlichen Vermittlung. Die Erfindung des Monotheismus erscheint in der Oper geradezu als politische Notwendigkeit, die sowohl den Zusammenhalt des Volkes Israel, als auch die Abgrenzung gegenüber den ägyptischen Herrschern ermöglicht.

Die Neuinszenierung setzt dieses Geschehen sinnreich in einen leeren Bühnenraum aus weißen Holzverschalungen, der die Zumutung, an einen „unsichtbaren Gott“ zu glauben, spürbar werden lässt. So bleibt es denn weitgehend dem Zuschauer überlassen, sich ein Bild zu machen, und das zu sehen, wovon auf der Bühne erzählt wird, etwa wenn Aron Wunder vollbringt, um das Volk zu gewinnen, und Mosesʼ Hand plötzlich von Aussatz befallen und gleich darauf wieder geheilt wird. Farbig wird es erst im zweiten Akt, wenn das Volk die Götterbilder fordert, die ihm von Moses genommen wurden. Regisseur Calixto Bieito übersetzt dieses Verlangen in unsere digitale Gegenwart: Jeder bekommt eine Cyber-Brille und kann sich so von Bildwelten und Simulakren zunehmender Drastik beherrschen lassen. Diese Bilder werden als Videokunst kaleidoskopartig rhythmisiert in den Bühnenraum hineinprojiziert.

Dramaturgisch anspruchsvoll und heikel ist die Choreographie des Chors, der in ganzer Stärke fast die gesamte Zeit über auf der Bühne agiert. Der Regie gelingt es allerdings erstaunlich gut, hier Leerräume zu schaffen und die Verteilung und Bewegung der Massen als dramatische Ausdrucksmittel einzusetzen. Die Besetzung der beiden Hauptpartien ist ein großer Glücksfall. Der phänomenal schwarze Bass von Sir John Tomlinson als Moses, mit seiner durchdringenden Wucht und seinem warmen Timbre, trägt und zentriert weithin die Aufführung. Tomlinson verfügt über eine Bühnenpräsenz, die schon mit minimalen Bewegungen größte Wirkung erzielt. Er stellt Moses dar als einen alten, doch immer noch starken, nach Worten ringenden Mann, er idealisiert ihn nicht, zeigt ihn zuweilen zweifelnd und von seinem Auftrag überfordert. Auch Lance Ryan als Aron überzeugt in seiner ganz entgegengesetzten Figur und bewältigt die stimmlichen Klippen seiner strahlenden, ja blendenden Tenor-Partie.

Der Staatskapelle unter Alan Gilbert gelingt eine präzise und überaus schöne Detailzeichnung, welche die oft übersehenen lyrischen Schönheiten der Partitur ebenso ausleuchtet wie die rhythmische Prägnanz der Figuren und die instrumentale Polyphonie der Orchesterstimmen. Dieses späte Werk Schönbergs erscheint, wenn es so engagiert musiziert wird wie eben hier, viel weniger sperrig als sein Ruf vermuten lassen würde. Alles ist musikalisch und dramaturgisch eingebunden und von Ausdruckskraft durchpulst. Ein schöneres Plädoyer für den Komponisten und diese Oper kann man sich kaum vorstellen. Dieser Auftakt der neuen Intendanz an der Semperoper lässt aufhorchen und für die Zukunft einiges erwarten. Er war nicht nur mutig und ambitioniert, sondern auch sehr gelungen.
Text: Aron Koban/ Fotos: Ludwig Olah

Weitere Aufführungen an der Semperoper: 6., 10., 15. Oktober 2018



« zurück