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Von der Leichtigkeit im Umgang mit der Kunst – Sven Regener im Interview zur »Magical Mystery«-Lesetour
Sven Regener im Interview zur »Magical Mystery«-Lesetour
■ Bekannt geworden als Texter, Sänger und Trompeter von Element Of Crime landete Sven Regener 2001 mit seinem Debütroman »Herr Lehmann« einen Überraschungscoup. »Neue Vahr Süd« und »Der kleine Bruder« sollten folgen. Mit »Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt« knüpft der Autor den Faden seines Debüts an anderer Stelle auf und erzählt herrlich lakonisch die tragikomische Geschichte seines Anti-Helden Karl Schmidt, der nach Drogenentzug und Therapie ausgerechnet mit Ravern auf Tour geht und zurück ins Leben findet. DRESDNER-Redakteur Heinz K. hat sich anlässlich der Lesetour, die den Autor auch nach Dresden führt, mit Sven Regener unter anderem über das Thema des Romans, Psychosen und die Leichtigkeit des Techno unterhalten. Copyright Foto: Charlotte Goltermann.

Sven Regener, du hast einmal in einem Interview gesagt, dass »Magical Mystery« kein Roman sei, der das Phänomen Techno beschreiben will. Sehr wohl aber spiegelt er den Zeitgeist der 90er wieder. Was war dir wichtig zu erzählen?

Sven Regener: Karl Schmidt zieht hinaus in die Welt wie in einem klassischen Abenteuer von Indiana Jones, aber eben unter anderen Bedingungen. Die Gefahren lauern in ihm selbst. Das große Thema des Romans ist sein Versuch, in ein normales Leben zurückzukehren. Darüber, dass er zu sich selbst wieder Vertrauen findet, hat er die größtmögliche Kränkung erlitten, nämlich den Verlust des eigenen Ichs, weil er sich irgendwann auf seinen eigenen Verstand nicht mehr verlassen konnte. Wir haben hier jemanden, der in der Versenkung verschwunden ist und nach Jahren wiedergefunden wird. Er versucht aus dieser Versenkung wieder herauszukommen und riskiert dabei sehr viel. Er, der ein früher Raver war, wird ausgerechnet von diesen Leuten wiedergefunden. Dass dabei der denkbar unwahrscheinlichste und gefährlichste Weg beschritten wird, war natürlich reizvoll.

Karl Schmidt entflieht seiner betreuten WG und geht als Fahrer eines Kleinbusses mit seinen alten Kumpels Ferdi und Raimund und einer Horde bekiffter DJs auf Tour und wird somit selbst zum Betreuer?

Sven Regener: Um einen draufmachen zu können, brauchen sie jemanden, auf den sie sich verlassen können. Die Idee klingt sogar ziemlich gut. Wenn man das weiter verfolgt, ist mir irgendwann aufgefallen beim Schreiben, haben sie mit Dave ja eigentlich jemanden, dem sie normalerweise diesen Job geben könnten. Darum ist der auch so sauer auf Karl Schmidt, aber auf Dave haben sie keinen Bock. Das heißt, hier kommen zwei Sachen zusammen: Zuerst einmal klingt es exzentrisch, dass ausgerechnet diese Leute Karl Schmidt da rausholen. Aber gleichzeitig ergibt das auch einen Sinn, weil sie zunächst einmal diejenigen sind, die ihn nicht als Problemfall sehen. Die denken überhaupt nicht über ihn nach. Für sie ist das keine große Sache. Das erinnert ein bisschen an die Merry Pranksters – die ja auch Vorbild waren für die »Magical Mystery«-Tour der Beatles –, die diesen Neil Cassidy als Busfahrer hatten, der aus der Beatnik-Zeit der 50er Jahre stammte und eigentlich auch total irre war. Das Entscheidende ist, dass sie Karl für voll nehmen. Andererseits wollen sie ihn gar nicht integrieren. Karl kennt Ferdi und Raimund seit zehn, fünfzehn Jahren, hat mit ihnen gemeinsam in Bands gespielt und ist mit ihnen durch Clubs gezogen. Gleichzeitig ist da auch eine Grunddistanz da, die es Karl viel leichter macht. Er hat ja sonst dauernd mit Leuten zu tun, die ihm Fragen stellen, die diskutieren wollen auf Plenums in dieser Wohngemeinschaft – und alle wollen immer wissen, wie er sich fühlt. Ferdi und Raimund aber wollen gar nichts von ihm. Das ist für jemanden, der einen Anker braucht, wo er einen Job und Pflichten zu erfüllen hat, um nicht auf Abwege zu geraten, sicher eine sehr gute Kombination.

Auffällig ist im Vergleich zu den drei Lehmann-Romanen der Wechsel zur Ich-Perspektive bei »Magical Mystery«. Liegt dir denn der brotlose Künstler Karl Schmidt näher als der eher optimistische Lebenskünstler Lehmann?

Sven Regener: Ist denn Frank Lehmann so optimistisch? Er ist ja auch so ein Grantler...

Aber er versucht doch immer auch das Beste draus zu machen, oder?

Sven Regener: Was in gewisser Hinsicht auch für Karl Schmidt gilt; die lebendigste, überschäumendste und direkteste Figur in den Lehmann-Romanen. Jetzt kann er durch diese Psychose, die er hatte, nicht mehr so sein. Es blitzt manchmal durch und er hat noch etwas davon, aber er ist ein gebrochener Held. Ich arbeite mit der Ich-Perspektive, weil ich einfach gern wollte, dass Karl Schmidt die Sache selber erzählt. Das heißt nicht, dass ich mich mit ihm mehr identifiziere. Man denkt immer, in der Ich-Erzählung erfährt man alles. Das Gegenteil ist der Fall, denn wenn jemand von sich selber erzählt, geht das immer durch den Filter der eigenen sozialen Selbstkontrolle. Wie viel erzählt man wirklich von sich selbst? Karl Schmidt urteilt sehr wenig, im Gegensatz zu Karl Lehmann, der dauernd Urteile zu allem Möglichen parat hat. Karl handelt einfach nur. Das macht den Unterschied aus zwischen diesen beiden Personen.

Wirkt die Sprache des Romans vielleicht deshalb so authentisch, weil sich die Gedanken des Hauptprotagonisten erst durch die Situationskomik beim Lesen erschließen?

Sven Regener: Ja. Er bekommt ja viele depressive Schübe zwischendurch, wobei es wichtig ist, festzustellen: es hilft ihm ungeheuer, dass diese Leute, mit denen er da unterwegs ist, so eine Leichtigkeit haben. Ferdi und Raimund haben sehr viel Glück gehabt. Sie waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort; die Rechnung ging auf, das Geld fiel runter. Und sie wissen gar nicht, wie das kommen konnte. Aber nun war es einmal so gekommen. Die sind cool, weil sie damit leicht und locker umgehen. Das ist natürlich auch für Karl eine große Sache, weil er mit seinen existenziellen Problemen, über die er die ganze Zeit nachdenkt, durch den Kontakt zu diesen Leuten und das, was da passiert, immer wieder darauf geworfen wird, dass das alles nicht so wichtig ist. So wie sie dieses schöne österreichische Bonmot aus dem Ersten Weltkrieg »Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos« umwidmen in »Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst«. Diese Haltung ist das, was Karl Schmidt wahrscheinlich auch gesucht hat. Sozusagen ein Anschluss an sein früheres Leben, wo es diese Leichtigkeit ja auch gab. Da sind die unwahrscheinlichsten Leute für ihn genau die richtigen. Wie bei »Herr der Ringe«, wo es ausgerechnet diese komischen Hobbits sein müssen, die den Ring behüten, die eigentlich gar nichts raffen, viel zu klein sind und die ganze Zeit nur Angst haben. Und so ist das hier auch, dass ausgerechnet diese Freaks einem Halbirren Stabilität geben.

Zur Blütezeit des Techno war auch Element Of Crime sehr populär. Du bist mit der Band durch ein Land gefahren, das sich gerade im Aufbruch befand. War dir dieses Lebensgefühl der nun mit Techno sozialisierten Jugend eher fremd, oder gab es da Berührungspunkte?

Sven Regener: Wir sind nicht die Art von Band, die Musik macht, die man in irgendeiner Form beim Rave spielen könnte. Aber so unterschiedlich waren die Welten ja nicht, wie das postuliert wurde. Dass man Party machen will und die ganze Nacht durchmacht oder drei Tage wach – das versteht auch jeder Rockmusiker. Ich glaube, dass wir eine Zeitlang ein bisschen neidisch waren, weil die nun das große Ding am Laufen hatten. Da war alles fest eingebettet in eine Szene. Wir haben ja nie zur Szene gepasst.
Ich kannte auch viele Leute, mit denen ich schon vor Element Of Crime in den 80ern Musik gemacht hatte, die in den 90ern oft als DJs gearbeitet haben. Und dann kam ich 1996/97 durch meine Frau (Charlotte Goltermann, Anmerkung d.R.) dazu, die selber eine große Nummer in der Electro/Techno-Dance-Szene war. Man ist dann viel im Backstage dabei und geht auf alle möglichen Raves. Rave ist genauso wie Punk eine Sache gewesen, wo jeder mitmachen konnte. Dazu kommt noch, dass ich mit Musikern zusammengearbeitet habe, die aus dem Rave- und Dance-Bereich kamen wie Lexy & K-Paul oder Whirlpool Productions. Die Raver hatten eine gewisse Leichtigkeit im Umgang mit der Kunst. Was nicht heißt, dass sie ihre Kunst nicht mit aller Liebe machen, aber sie haben trotzdem so eine gewisse ironische Distanz und Leichtigkeit im Umgang damit, was mir immer sehr gut gefallen hat. Insofern haben mir die Raver viel gebracht.

Wird es denn eine Fortsetzung geben von Karl Schmidt?

Sven Regener: Wenn man das wüsste... (lacht).
Vielen Dank für das Gespräch!

DRESDNER Kulturmagazin präsentiert: Sven Regener liest am 22. Januar, 20 Uhr im Theater wechselbad aus »Magical Mystery«. Mehr zum Autor: www.svenregener.de

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