Logo DRESDNER

Anzeige

DRESDNER Interviews / O-ton!
Tiefer Blick in die Seele – Im Gespräch mit Michiel Dijkema zur Inszenierung von »Die Entführung aus dem Serail« an der Semperoper
Im Gespräch mit Michiel Dijkema zur Inszenierung von »Die Entführung aus dem Serail« an der Semperoper
■ Manchmal entsteht der Eindruck, dass dem Abendland der Einfall der Türken im 17. Jahrhundert noch immer in den Knochen steckt. Aber auch die idealisierte Vorstellung des weisen, gerechten Herrschers aus dem Morgenland fand nachdrücklich Eingang in unsere Kultur. Maßgeblich zu diesem Osmanen-Bild beigetragen hat die Oper »Die Entführung aus dem Serail«, die Wolfgang Amadeus Mozart 1782 in Wien auf die Bühne brachte, also etwa hundert Jahre nachdem die Türken die Stadt belagert hatten. Im Serail treffen also Abendland und Morgenland aufeinander. Wie Mozart aus diesem Zusammenprall der Kulturen ein hochspannendes und äußerst unterhaltsames Beziehungsgeflecht webte, besprach DRESDNER-Herausgeberin Jana Betscher mit dem niederländischen Regisseur Michiel Dijkema, der auch das Bühnenbild verantwortet und mit diesem Stück sein Debüt an der Semperoper gibt.

Wir sitzen hier in der Probebühne und blicken auf ein Kamel mit Schuhgröße 46. Soeben verließ ein Mann in Pluderhosen und mit Fez auf dem Kopf die Bühne. Erwartet uns ein Fantasy-Spektakel?

Michiel Dijkema: Die Welt, in der wir das Stück spielen, wird ganz anders sein, als wir vordergründig erwarten. Es ist reizvoll, sich in die Sicht auf die Türkei zur Zeit Mozarts zu begeben. Damals gab es eine große Liebe zur türkischen Kultur und Mode, in vielen Stücken wurden türkische Themen behandelt. Ihnen gemeinsam ist, dass sie keine konkrete Vorstellung von der Türkei hatten, sondern alle Geschichten, die man von Nordafrika, Asien bis hin zu Indien kannte, fanden Eingang. Wir sprechen hier also von einer Welt, die nicht konkret verortet ist und mit dem Wiener Blick der Zeit gesehen werden muss. Dies wird mit den Mitteln unserer Zeit auf die Bühne gebracht, mit unseren eigenen Fantasien.

Die Vorstellungen über die orientalische Welt haben sich gewandelt. Was ist an dem Stück noch zeitgemäß?

Michiel Dijkema: Das Stück erzählt sehr viel über den Kontrast zweier Kulturen. Aber es ist vor allem ein Stück über Liebesbeziehungen. Gezeigt werden die unterschiedlichen Seiten der Figuren, der Kulturen, der Situationen. Mozart gelingt es, dies alles virtuos miteinander zu verflechten und stets im Gleichgewicht zu halten. Diese psychologische Präzision macht das Stück aus und erzählt sehr viel über uns.

»Die Entführung aus dem Serail« ist eine Komödie. Und doch droht sie mehr als einmal in die Tragödie zu kippen … ?

Michiel Dijkema: Wie jede gute Komödie. Es ist ein Stück, das von Kontrasten lebt. Da gibt es Situationen der Abgründe, der Traurigkeit und dagegen werden wirklich witzige Szenen gesetzt. Oder nehmen wir die Figur des Osmin. Er ist ein gewaltbereiter Mensch, singt vom Köpfen und Aufspießen, und wir glauben ihm, dass er dazu in der Lage wäre. Aber er ist auch sehr liebenswert, zwischen ihm und Blonde gibt es eine Verständnisebene. Dagegen ist die Figur des Bassa Selim viel rätselhafter. Es ist offensichtlich, dass er Konstanze liebt. Auf der anderen Seite ist Konstanze auch musikalisch mit ihrem Festhalten an ihrem Treueschwur mit einer solchen Intensität gestaltet, dass man schon anfängt zu denken: Was bekämpft sie da, keimen da Gefühle? Das alles zeigt Mozart mit einem großen Verständnis für die menschliche Natur. Wenn die Figuren ihre Gefühle musikalisch zum Ausdruck bringen, gewährt uns Mozart einen tiefen Blick in ihre Seele und berührt damit auch unser Herz.

Auch, wenn wir ganz andere Bilder von der Türkei im Kopf haben, zum Beispiel eins von Osmin im Kampfanzug und mit Kalaschnikow?

Michiel Dijkema: Man braucht das Stück nicht in die heutige Zeit zu ziehen, um etwas über das Heute zu erzählen. Ich glaube nicht, dass Aktualität davon abhängt, ob ganz konkret bestimmte Themen auf der Bühne verhandelt werden. Klar stellt sich bei diesem Stück auch die Frage nach dem gewaltbereiten Türken oder einer gewaltbereiten Religion. Aber es ist eben nur ein Teil in einem subtilen Geflecht, das ambivalente Gefühle in sich birgt. Ich finde es viel interessanter, bei den Zwischentönen anzusetzen, als Szenen auf die Bühne zu bringen, die wir aus dem Fernsehen kennen. Da entsteht sofort eine Distanz zu den Figuren, die dramatisch nicht produktiv ist. Es ist viel leichter, sich auf etwas einzulassen, von dem man noch nicht weiß, wie man dazu steht. Ich bin aber auch nicht daran interessiert, ein Museumsstück auf die Bühne zu bringen. Ganz im Gegenteil. Das Europäische und das Türkische trifft sehr deutlich aufeinander, aber das Stück zeigt auch, wie die Figuren sich an diese neue Kultur anpassen oder sich ihr widersetzen. Dies wollen wir auf allen Ebenen dazustellen, in den Figuren, den Situationen und auch in den Kostümen. Doch zuallererst ist es eine unglaublich gut erzählte, spannende Geschichte, und es gibt immer wieder Momente, die uns berühren. Das ist eine Mischung, die das Stück bis heute lebendig hält.
Vielen Dank für das Gespräch!

»Die Entführung aus dem Serail« in der Inszenierung von Michiel Dijkema; Premiere am 15. April, weitere Aufführungen: 18./24./30. April; mehr zum Stück: www.semperoper.de/spielplan/stuecke/stid/Die-Entfuehrung-aus-dem-Serail0/60813.html#a_24996

« zurück