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Spiel mit dem Feuer – Lars Eidinger im Interview
Lars Eidinger im Interview
■ Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Schauspieler Lars Eidinger hat derzeit nicht nur Stress wegen seines neuen Films »Mathilde«, sondern bringt via !K7 gleichzeitig eine dunkel-böse Instrumentalplatte heraus, deren Kern bereits 1998 im elterlichen Keller aufgenommen wurde. Für DRESDNER-Autor Matthias Hufnagl Grund genug für eine Fahrt in den Berliner Wedding, um sich im Seitenflügel eines ehemaligen Krematoriums über Midi-Tastaturen, eingerissene Nagelbetten und die Angst vor dem Hass zu unterhalten.

Lass uns zunächst über die Platte sprechen. Was hat es mit dem Titel »I‘ll Break Ya Legg« auf sich?

Lars Eidinger: Erstmal war mir damals nicht bewusst, dass »I‘ll Break Ya Legg« eigentlich eine Formulierung für »Toi, toi, toi« ist. Das kannte ich gar nicht. Die Idee war eher, dass man Musik macht, die den gängigen Hörgewohnheiten nicht entspricht. Etwas das unkonventionell und nicht tanzbar ist. Man sich die Beine bricht, wenn man versucht, dazu zu tanzen.

Die Art und der Soundtrack-Charakter der Songs erinnern an Filme von Dennis Hopper und Machwerke von Larry Clark. Sehr dunkel, sehr deep ...?

Lars Eidinger: Das ist auch genau meine Welt. Ich habe von Larry Clark mal drei Fotos gekauft und bin total stolz. Das war eine Aktion, die ich zufällig im Internet aufgeschnappt habe. Wahrscheinlich brauchte er da Geld. Jedenfalls hatte er einen Pappkarton mit tausend Abzügen im Format 10:15, das Stück für hundert Dollar.

Sechs der Tracks sind bereits in den 90ern veröffentlicht worden. Alles basiert rein auf Samples. Konsequenz einer technischen Limitierung?

Lars Eidinger: Zum einen kann ich kein Instrument spielen, aber natürlich auf einer Midi-Tastatur-Sounds laden und so eine Basslinie einspielen. Zum anderen habe ich damals diese ganzen Sample-Based-Pioniere wie Art of Noise oder DJ Shadow gehört. Es hat mich fasziniert, dass man gleichermaßen Dirigent und Orchester sein kann. Man nimmt einfach die einzelnen Bausteine und setzt sie neu zusammen. Das ist ein bisschen wie Architektur und hat durch die Darstellung in einer Balkenwelt etwas wahnsinnig visuelles oder grafisches.

In der Beschreibung zur Platte steht etwas von »Weltschmerz und Nagelbetten«. Das musst du genauer erklären!?

Lars Eidinger: Das ist ein Übersetzungsfehler. »Eingerissene Nagelbetten« müsste da stehen.

Na, das ist aber etwas komplett anderes!?

Lars Eidinger: Finde ich auch. Ich hatte schon immer ein Faible für etwas, dass der Begriff »Weltschmerz« tatsächlich am besten beschreibt. Eine diffuse Schwere, die einzig mit der Tatsache zu tun hat, dass man geboren wurde und eine diffuse Sehnsucht hat, dahin zurückzukehren wo man hergekommen ist. Das heißt nicht, dass ich lebensmüde bin. Ich habe nur irgendwann verstanden, dass der Tod nicht auf einen wartet, sondern die ganze Zeit anwesend ist. Das ist das übergeordnete, große Gefühl. Und eingerissene Nagelbetten haben mich als Kind immer beschäftigt. Selbst wenn alles perfekt scheint, irgendwas ist immer und wenn es nur ein Nagelbett ist, das man sich aus Nervosität eingerissen hat. Es tut scheiße weh und wird plötzlich zu einem großen Problem. Dieses Gefühl trifft die Musik, die ich da mache.

Wie gebeutelt ist man als Künstler vom Wechsel aus Hochgefühl und dem Erwachen am nächsten Tag?

Lars Eidinger: Man ist sehr adrenalingesteuert. Darauf spekuliere ich ja auch. Das Adrenalin setzt ungeheuer viel Energie frei. Ich begebe mich in einem Zusammenhang vor Leuten, in dem ich eigentlich Angst habe. Das so freigesetzte Adrenalin befähigt mich erst zu gewissen Hochleistungen, macht einen in gewisser Weise schmerzunempfindlich und man kann da über seine Grenzen hinaus gehen.

Wie alltagstauglich ist man, wenn man sich beständig nach diesem Hoch sehnt?

Lars Eidinger: Das ist mit jeder anderen Droge vergleichbar, hat fatale Nebenwirkungen und diese euphorischen Momente, die immer auch mit einem Absturz einhergehen. Wer einmal Heroin genommen hat, der weiß sozusagen, dass er nie wieder was vergleichbares erleben wird und ihm der Antrieb für alles andere fehlt. Das ist ein Spiel mit dem Feuer; sich sozusagen ständig in derart euphorische Momente zu begeben, immer in dem Wissen, dass der Alltag diesem Anspruch nie gerecht werden kann. Das führt zu einer Form von Depression. Damit habe ich schon auch zu kämpfen. Ich habe dann manchmal mit ganz alltäglichen Sachen Schwierigkeiten, weil ich ein anderes Niveau von Intensität oder Euphorie gewöhnt bin.

In deinem neuen Film »Mathilde« verkörperst du Zar Nikolaus II. Die Duma-Abgeordnete Natalia Poklonskaja protestiert gegen den Film, zeigt dabei Fotos von dir, um Rückschlüsse auf deine Person zu ziehen. Wie fühlst du dich dabei?

Lars Eidinger: In erster Linie hat sie mir wirklich Angst gemacht. Ich hatte Herzklopfen, war richtig aufgeregt und ängstlich. Da hat jemand einen riesigen Pappkarton neben sich und zieht ein Bild nach dem anderen raus, in dem ich als Hamlet zu sehen bin. Hasserfüllt und umgeben von Fanatikern, die am Ende alle singend vor einer Ikone niederknien. Sie schürt Hass, der sich gegen mich als Person wendet. Das ist mir so noch nie begegnet. Im Grunde, so blöd das klingt, kämpfen wir an der gleichen Front. Es wird eine gewisse Ungläubigkeit thematisiert, dass wir die falschen Ikonen anbeten und uns in einer Welt des Kapitalismus verlieren. So wird ein Werteverfall angeprangert, den auch Natalie Poklonskaja thematisiert. Ich kann es sogar nachvollziehen, wenn sie sagt, wir haben da einen Heiligen und allein die Tatsache, dass jemand kommt und ihn verkörpert, provoziert uns. In deren Augen bin ich ungläubig, weil ich nicht an Gott glaube. Es ist einfach bitter und ja nicht nur bei Androhungen geblieben. Vor einer Vorpremiere haben Autos gebrannt und ein Molotowcocktail ist in das Büro des Regisseurs geflogen.
Vielen Dank für das Gespräch!

Lars Eidingers Debütalbum »I‘ll Break Ya Legg« ist am 10. November bei !K7 erschienen; mehr zum Künstler gibt es unter www.facebook.com/Lars-Eidinger-417614518287855/ und zum Release unter www.beatport.com/release/ill-break-ya-legg/2114618

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