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Hart am Overkill – Erik Cohen im Interview (Foto: Frank Peter)
Erik Cohen im Interview (Foto: Frank Peter)
■ Der Mann flüstert. Es ist spät, sein Sohn schläft im Zimmer nebenan und er will ihn nicht wecken. Verständlich, auch wenn man Erik Cohen sonst eher nicht als Mann der leisen Töne abgespeichert hat. Sowohl als Frontmann der legendären Smoke Blow, wie auch solo kann man den Kieler getrost als Rampensau bezeichnen. Mit »III« steht dieser Tage nun sein neuestes Machwerk in den Regalen. Für DRESDNER-Autor Matthias Hufnagl Zeit für ein Gespräch über guten Death Metal, das Leben als DIY-Künstler und das ständige Arbeiten am Limit.

Die neue Platte klingt wie eine geradlinige Rockplatte. Welche Einflüsse waren dir hier wichtig?

Erik Cohen: Ich schmeiße alles in einen großen Topf und rühre wild durch. Das sind keine speziellen Sachen. Ganz wichtig war mir, dass es klar in Richtung Rock ausschlägt, trocken und ehrlich ist.

Ist es im Vergleich zu den ersten beiden Platten als programmatisch anzusehen, dass sich so Studio und Liveauftritt wieder annähern?

Erik Cohen: Das direkte Übertragen macht die Sache leichter – auch das Einspielen der Platte war wesentlich unkomplizierter.

Ist Erik Cohen dabei ein Fan, der Musik macht, oder ein Musiker, der Fan ist?

Erik Cohen: Ich bin eher ein Fan, der Musik macht und überhaupt kein Musiker.

Wird hier gerade tief gestapelt?

Erik Cohen: Nein, ich bin ein ganz mieser Gitarrist, spiele seit 30 Jahren Gitarre und habe es immer noch nicht gelernt. Ich kann nicht mal vernünftig eine Gitarre stimmen. Ich mache das alles rein intuitiv.

Verspürst du heute eine Art Ritterschlag, wenn dich Kritiker als Gegenpol zum Einheitsbrei des deutschen Rockmetiers beschreiben?

Erik Cohen: Das wollte ich erreichen. Ich habe versucht, mich in ein Feld hineinzudenken, mit dem ich gar nicht so viel zu tun habe. Ich hätte auch einfach eine abgedrehte Hardcore-Scheibe machen können, eine Oi- oder Death-Metal-Platte. Das fällt mir total leicht. Aber will ich Death Metal, dann höre ich mir alte Platten von Entombed, Obituary oder Bolt Thrower an. Die können das besser als ich. Wenn man aber was Eigenes macht, dann ist das schon geil.

Gab es dennoch Angst vor dem Moment, dich der Öffentlichkeit als Erik Cohen zu präsentieren?

Erik Cohen: Ja, das war nicht so einfach, ein schwieriges Unterfangen. Es hat ein bisschen gebraucht, bis ich mich fallen lassen konnte. Mittlerweile bin ich da aber schon ziemlich weit, fühle mich sicher und gut aufgehoben.

Warum war es dir wichtig, mit dem Stück »Fehmarn« das gleichnamige Festival aus dem Jahr 1970 zu huldigen?

Erik Cohen: Das Festival kreuzte immer wieder mal meine Wege. Ich fand den Umstand anziehend, dass Hendrix hier sein vorletztes, offizielles Konzert gespielt hat. Dann habe ich herausgefunden, dass meine Schwiegereltern da waren. Ich habe mich weiter belesen, informiert und bin schließlich auf den Fakt gestoßen, dass auch Ton Steine Scherben einen ihrer ersten Auftritte auf dem Festival gespielt haben; damals hießen die, glaube ich, noch Rote Steine.

Also war die musikalische Zukunft und die bereits begonnene Vergangenheit vor Ort?

Erik Cohen: Das ist die Essenz, die die Sache so spannend macht. Der Sargnagel der Hippie-Ära in Deutschland. Gleichzeitig neue Töne und eine neue Art der Aufruhrs durch Ton Steine Scherben. Darauffolgend der deutsche Herbst. Um diesen Übergang geht es hier.

Ein anderes großes Thema auf der Platte ist Fußball. Hast du bei »Englische Wochen« heimlich auf die inoffizielle Hymne des Vereins Holstein Kiel spekuliert?

Erik Cohen: Das wäre keine reizlose Aufgabe und ich habe mich durchaus damit beschäftigt, habe es versucht, aber nicht hinbekommen. Ich habe mich nicht wohl gefühlt, direkter zu schreiben und es schließlich allgemeiner verfasst, um mein Fußball-Feeling zu verpacken; etwas persönlicher im Hinblick auf das Underdog-Feeling meines Vereins.

Wie groß ist bei dir der Einfluss eines Wechsels von Alltag, Eskalation und Regeneration auf dein künstlerisches Schaffen?

Erik Cohen: Was ich mache, ist manchmal grenzwertig. Ein Leben am Rande des nervlichen Zusammenbruchs. Ich arbeite 40 Stunden in einem Kindergarten, habe fünf eigene Kinder und zwei funktionierende Bands. Alles ein bisschen irre. Ich habe quasi keine Auszeit, keine Pausen.

Welchen Vorteil hat es dabei, nicht von der Musik leben zu müssen und wie groß ist der Frust, es nicht zu können?

Erik Cohen: Ich muss grundsätzlich sagen, dass ich mit beiden Berufen sehr glücklich bin. Es funktioniert für mich. Innerhalb eines Dreivierteljahres schreibe ich eine Platte fertig, obwohl ich eigentlich gar keine Zeit dafür habe. Das kommt ja nicht von ungefähr. Wenn ich nun einen 500.000 Euro-Scheck von einer Plattenfirma bekäme und mit meiner Familie erst mal drei Monate in die Karibik reisen könnte, um am Strand Songs zu schreiben, dann würde wahrscheinlich gar nichts bei rauskommen. Der Frust kommt, wenn ich das Gefühl habe, ich müsste eine von beiden Sachen reduzieren können, weil es einfach vom Pensum her so derbe ist. Wenn das möglich wäre, dann wäre ich glücklicher.

In einem Post von dir konnte man lesen, dass die neue Platte nicht nur das dritte Cohen-Album ist, sondern damit gleichzeitig eine Trilogie abgeschlossen wird. Klingt nach Abschied ... ?

Erik Cohen: Die Möglichkeit will ich mir offen halten. Ich kann ja nicht als DIY-Künstler in sechs Jahren drei Platten veröffentlichen und Konzerte spielen, obwohl ich eigentlich keine Kapazitäten dafür habe. Ich kann so eine Geschichte nicht machen und auf einmal merken, die Leute wollen das irgendwie gar nicht. Ich brauche ein Publikum, ein Forum. Dabei geht es nicht um Bekanntheitsgrad, aber es muss Leute geben, die die Sache aufsaugen, Spaß daran haben, das Ganze unterstützen und auch kaufen. Wenn keiner meine Platte kauft, kann ich keine Platte mehr machen. Ich brauch meinen Grundstock an Knete, um so eine Platte überhaupt produzieren zu können. Habe ich erst mal Geld eingespielt, kann ich weitermachen. Dann spielt Geld keine Rolex – ich darf mich künstlerisch austoben, meinen Quatsch machen, muss dafür aber nichts bezahlen. Das ist das Prinzip. Das man so etwas überhaupt machen darf, ist eine Ehre die man wertschätzen muss.

Was kommt dir als tourender Musiker bei Dresden in den Sinn? Eine Stadt auf die du dich freust, oder eher ein schwieriges Pflaster?

Erik Cohen: Der allererste »Smoke Blow«-Gig in Dresden war furchtbar. Wir haben gespielt und alle sind hinausgerannt. Das ist mir nur einmal passiert. Da stehen 120 Leute, du fängst an zu spielen und es verlassen fast alle panisch den Raum. Danach habe ich eigentlich nur gute Erinnerungen an Dresden. Das hat immer Spaß gemacht, wie damals mit Smoke Blow. Auch das erste Mal als Erik Cohen in Dresden war richtig gut. Ich mag Dresden, fühle mich da wohl. Die Stadt liegt für mich auf einer Stufe mit Leipzig. In beiden Städten bin ich immer wieder überrascht, wie viel linke Kultur da passiert und entsteht. Das ist old school und vielleicht noch nicht ganz so vom Kapitalismus eingenommen. Es gibt mehr alternative, subkulturelle Freiräume.
Besten Dank für das Gespräch!

Erik Cohen & Band, am 15. März live in der Groove Station zu erleben. www.facebook.com/erikcohenofficial/

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