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Alan Turing – Der vergessene Held – Interview mit Benedict Cumberbatch zu seiner Rolle in »The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben«
Interview mit Benedict Cumberbatch zu seiner Rolle in »The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben«
■ Manche Geschichtsexperten sind der Meinung, ohne ihn wäre der zweite Weltkrieg mit hoher Wahrscheinlichkeit ganz anders verlaufen: Alan Turing, Mathematiker und Begründer der Informatik, gelang die Entschlüsselung des als unknackbar geltenden deutschen Nachrichtenkodierungssystems »Enigma« durch die Entwicklung der ersten digitalen Rechenmaschine. »The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben«, der neue Film mit Benedict Cumberbatch, spürt dem Genie Turing von seiner Schulzeit bis kurz vor seinem Selbstmord nach. DRESDNER-Autor Martin Schwickert hatte die Gelegenheit, sich mit Cumberbatch über die Rolle und die Person Alan Turing zu unterhalten.

Wie schwierig war es für Sie den Code dieser Figur zu knacken?

Benedict Cumberbatch: Die wichtigste Vorarbeit hat hier für mich das Drehbuch geleistet, das sich ja ganz langsam an die Figur herantastet. Das Skript von Graham Moore und die Biographie von Andrew Hodges haben mir sehr viele Türen zu dieser komplexen Figur geöffnet. Denn Alan Turing steht ja nicht gerade ganz vorne in den britischen Geschichtsbüchern, wo er meiner Meinung nach hingehört. Es ist bemerkenswert, wie unpopulär dieser Mann ist, gemessen an der Bedeutung, die ihm als politische wie wissenschaftliche Figur in der Weltgeschichte zukommt.

»The Imitation Game« zeichnet Turing als einen Wissenschaftler, der nicht nur seinen Berechnungen, sondern vor allem auch seinem Gefühl vertraut?

Benedict Cumberbatch: Turing war ein Mensch, der die Dinge auf sich zukommen lassen konnte. Das gilt nicht nur für ihn als Privatperson, sondern auch als Wissenschaftler. Vieles fühlte er, bevor er es verstand und er war in der Lage diesem Gefühl konsequent nachzugehen. Turing war sich seiner selbst sehr bewusst – als Mathematiker und Intellektueller, aber auch in körperlicher Hinsicht als Sportler und was seine sexuellen Neigungen als schwuler Mann anging.

Gleichzeitig zog er sich auch immer wieder in sich zurück. Würden Sie Turing als Autisten bezeichnen?

Benedict Cumberbatch: Nein, er war weder Autist, noch litt er an dem Asperger-Syndrom. Wir sind heute immer sehr schnell mit diesem Etikett bei der Hand, womit man den Menschen, die tatsächlich an diesen Krankheiten leiden, keinen Gefallen tut. Turings mentaler Zustand ist das Ergebnis von ganz spezifischen Lebensumständen. Sein Stottern etwa kam auf, als er mit vier in eine Pflegefamilie kam, weil seine Eltern für einige Zeit nach Indien gingen. Das Stottern isolierte ihn von den anderen Kindern. Kommunikation war für ihn ein echtes Minenfeld. Aber genau das machte ihn so sensibel gegenüber Sprache. Alles was Turing dachte und erschuf, entstand aus den schwierigen Umständen seines Lebens heraus.

Aufgrund seiner Homosexualität wurde Alan Turing in den 50er Jahren gerichtlich verfolgt und in den Selbstmord getrieben. Ist der Film für Sie auch ein politisches Statement?

Benedict Cumberbatch: Alan Turing wurde auf so vielen Ebenen ausgegrenzt, dass er es am Schluss einfach nicht mehr aushalten konnte. Als das Gericht dann Hormonspritzen verordnete, wodurch seine geistigen wie körperlichen Fähigkeiten stark beeinträchtigt wurden, hatte er einfach nicht mehr genug Widerstandskräfte. Er wurde für seine Homosexualität auf eine Weise bestraft, die verhinderte, dass er weiter seiner wissenschaftlichen Arbeit nachgehen konnte, die für ihn der einzig verbliebene Zufluchtspunkt und Sinn im Leben war. Die Tragödie seines Lebens ist, dass Alan Turing jene Demokratie von der Bedrohung des Krieges befreit hat, deren Intoleranz ihn dann in den Tod trieb.

Sehen Sie Turing als Opfer oder als Helden?

Benedict Cumberbatch: Alan Turing hatte ein wirklich grausames Leben. Aber er hat sich nie auch nur für eine Sekunde in die Opferrolle begeben. Bis hin zu dem Punkt, dass er seinen Suizid als Unfall zu kaschieren versuchte. Er wollte nie ein Märthyrer sein, aber er ist sich treu geblieben, so wie wir es alle tun sollten. Für mich ist Alan Turing ein echter Held.
Vielen Dank für das Gespräch!

»The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben«, USA/Großbritannien 2014, R: Morten Tyldum, mit Benedict Cumberbatch, Keira Knightley, Charles Dance u.a. Ab 22. Januar im Ufa-Palast, Pk Ost, Cinemaxx und in der Schauburg. Trailer unter: www.youtube.com/watch?v=nuPZUUED5uk

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