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Rong Kong Koma

Delfine der Weide

(Rookie Records)


Die Berliner Band mit der sympathisch melancholischen Meckerschnauze namens Sebastian Kiefer beginnt ihr neues Album mit einer recht gemächlichen, titelgebenden Instrumentalnummer, bevor mit »Wohnklokönigreich« sofort Alarm ausgelöst wird. Bei dessen Anfangsshouts »Ich schrei die Kinder an / die sollen da nicht mehr spielen / Ich schrei die Nachbarn an / die sollen da nicht mehr sein« muss man schon ein bisschen an den Rap-Rocker Casper denken, wenn der einen reinen Rocksong bringen würde. Abstrakt melancholisch und trotzdem ergreifend bis zur Gänsehaut geht es dann in »Eskalieren« zu: »Du stehst auf ohne Deckung / springst einfach rückwärts raus / lässt die Vögel in deinen Kopf rein / sie fressen deine Seele auf«. Man spürt bei so ziemlich allen Songs des 10-Track-Albums die wohl zu oft erlebte oder gesehene Melancholie und Lebensleere. Allzu deutlich wird es in »Laut und leer« und in »180 Sachen« besungen, da heißt es: »Ist es nicht einsam am Mittelpunkt der Welt? / Und unter Palmen den Kopf wegzuknallen / allein im Schnee / alles zersetzt / Und? / Gewinnst du jetzt? / Was gewinnst du jetzt?«. Musikalisch ist das Album dem Indierock und dem softeren Post-Punk deutlich näher als dem straigthen Punkrock. Zuweilen denkt man an Vizediktator, an gemäßigte Jens-Rachhut-Songs aber auch an Oiro, wobei die deutlich zynischer und punkiger sind. Funfact im Meer der Melancholie: Beim zweiten, dritten Hören des Albums ergab sich der Gedanke, das Rong Kong Koma live sicher prima zu einer anderen Berliner Band, nämlich Acht Eimer Hühnerherzen passen würden. Beim genauen Hinsehen offenbarte sich später, dass beim Song »Fanfare« Apocalypse Vega von eben jenen Hühnerherzen als Duettpartnerin mit am Start ist. Der musikalisch schönste Track »Tinnitus« ist mit fast sieben Minuten der längste und vielleicht privateste Track, der einen mit einer zwei Zentner-Novemberwolke zurücklässt.
DJ Cramér
www.rongkongkoma.de/
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