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Pina Bausch lebt – Die Semperoper zeigt mit einer grandiosen „Iphigenie auf Tauris“, dass Qualität nicht altert


06. Dezember 2019 - Ist es möglich, dass man sich tatsächlich fühlen kann, als säße man das erste Mal im Theater? Pina Bausch hat das zu Lebzeiten geschafft. Und das Ballettensemble der Semperoper liefert gemeinsam mit den hervorragenden Sängern und der Sächsischen Staatskapelle eine kongeniale Wiedergabe der Inszenierung, die, man mag es einfach nicht glauben, bekanntlich aus dem Jahr 1974 stammt. Vom ersten Moment an wird hier deutlich, dass diese Arbeit keine Sekunde gealtert ist. Sie wirkt einfach nur allgemeingültig. Die für Bausch so typischen, vor dem Körper ausgestreckten, übereinander gekreuzten Arme bei gleichzeitig gesenktem Kopf bleiben für immer ihr eigenes Ritual.


Es gibt kaum eine Choreografin oder einen Choreografen, der so klar, deutlich und definiert inszeniert hat. Jede Falte der Kostüme, jedes noch so kleine Detail ist überdeutlich sichtbar, was nicht nur durch die klare Formensprache im Bewegungsvokabular, sondern auch durch die radikale Reduziertheit in der Ausstattung erreicht wird. Weiß und schwarz, reine Flächen. Mehr nicht. Kein Firlefanz. So konzentriert sich alles auf die Handlung, die sich in ihrer Dramatik bekanntlich bis zum letzten Moment zuspitzt, aber dann doch in ein gutes Ende mündet. So klar und schlicht hier gearbeitet wird, so gewaltig ist die Wirkung des Ganzen noch immer. Man kann sich kaum eine geeignetere Tänzerin für die Rolle der Iphigenie vorstellen als Sangeun Lee. Durch das fließende, ärmellose Kleid werden ihre endlos lang wirkenden, schlanken Arme derart betont, dass jede einzelne Bewegung übergroß wirkt. Selbst, wenn sie nur langsam über die Bühne schreitet, ist jeder Moment mit Bedeutung aufgeladen. Wie das mit durch die älteren Tänzer des ursprünglichen Ensembles Pina Bauschs gewirkt haben mag, kann man nur erahnen.


Und auf der Bühne hängen einfach nur, man könnte sagen, ein paar weiße Laken, lose, nicht gespannt, wie ein Ausprobieren der Möglichkeiten im Raum. Diese Strukturierung scheint ohne konkrete Aussage, ist aber dennoch alles andere als beliebig. Man könnte fast übersehen, dass die menetekelhafte Badewanne, in der Orests Kopf schließlich landen soll, bereits sehr früh im Stück auf der Bühne auftaucht. So lässt es sich auch lesen, dass die weißen Laken später, ganz im Sinne der Dramatik, im Prinzip (an-)gespannt sind, wenn eine große glatte weiße Fläche den Hintergrund für das Opferritual bildet.


Die Arbeiten Pina Bauschs waren bekanntlich zu Lebzeiten nicht unumstritten. Die ewige Diskussion, die sich zwischen den Begriffen Tanz und Tanztheater erfolglos hin und her bewegte, ist aber natürlich der Kern der Auseinandersetzung. Die sichtbaren Lichtgassen, die tief hängenden Traversen, die die Aufführungsbedingungen aufzeigen und der stetige Wechsel von „reinem“ Tanz zu etwas, das man durchaus als konkrete Gesten oder Handlung bezeichnen könnte, sind eben die Elemente, die Pina Bauschs Universum definiert haben. Anhand dieses komplexen Ansatzes ist es ihr mit dieser Arbeit gelungen, nichts zu zeigen und gleichzeitig nichts zu verbergen. Jeder Moment ist frei von Ambivalenz. Trotzdem fragt man sich, wie ihr das gelungen ist. Es mag in ihrer Körperlichkeit liegen, die zutiefst menschlich ist. In dieser Arbeit kommt noch das auffällig harmonische Zusammenspiel mit den Gesangspartien hinzu. Diese gelten zwar für sich, trotzdem greift alles ineinander und wirkt völlig organisch.

Nach dem so auffällig retardierten Ende mit den starken tableaux vivants und dem geräuschlosen Abgang der Tänzer fiel der Premierenapplaus zwar äußerst begeistert aus, hatte aber gleichzeitig etwas Verhaltenes, wie es für das Publikum der Semperoper nicht üblich ist. Man könnte meinen, darin lag eine stille Reverenz an Pina Bausch.

Rico Stehfest / Fotos: Ian Whalen

nächste Vorstellungen: 8., 10., 12., 15. Dezember



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