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Aufgrund der geltenden Allgemeinverordnung in Sachsen zur Eindämmung der Ausbreitung des Corona-Virus können Veranstaltungen nur unter genehmigten Hygienekonzepten und Abstandsregeln stattfinden.

Für die veranstaltungsarme Zeit informieren wir euch über Online-Alternativen, besondere kulturelle Aktivitäten und Kulturmeinungen unter www.dresdner.nu/co19

Also, macht das Beste draus und bleibt gesund!


DRESDNER Interviews / O-ton!
»Was wir brauchen, ist eine bedingungslose Grundsicherung« – Berthold Seliger im Interview über die Folgen des kulturellen Shutdowns (Foto: Matthias Reichelt)
Berthold Seliger im Interview über die Folgen des kulturellen Shutdowns (Foto: Matthias Reichelt)
■ Urgestein und Tausendsassa. Schließlich ist der Mann nicht nur Publizist, sondern seit 32 Jahren Konzertagent und Tourneeveranstalter. Sein regelmäßig erscheinender Newsletter ist ausgezeichnet, mit Büchern wie »Vom Imperiengeschäft« liefert er fundiert kritische Einblicke hinter die Kulissen der Musikindustrie. Berthold Seliger weiß, worüber er spricht und schreibt. DRESDNER-Autor Matthias Hufnagl erfuhr, warum er den Lockdown begrüßt, eine bedingungslose Grundsicherung der richtige Weg wäre und Konzerte auf dem Laptop nicht sein Ding sind.

Wie zufrieden sind Sie mit dem aktuellen Konjunkturpaket im Hinblick auf Kunst und Kultur?

Berthold Seliger: Wir haben über Monate erleben müssen, dass Kultur unter ferner liefen abgehandelt wurde. Bei den Programmen im April wurden die Kulturbetriebsstätten irgendwo zwischen Bordellen und Gastgewerbe berücksichtigt. Aktuell ist es eine Milliarde, die die Bundesregierung für die Kultur zur Verfügung stellt – das hört sich zunächst ganz gut an, ist andererseits aber gerade mal 0,77 Prozent des ganzen Konjunkturpakets. Und für den Live-Bereich sind nur 150 Millionen Euro eingeplant, während eine einzige Fluggesellschaft gleich mal neun Milliarden bekommt. Da scheint mir die Wertschätzung für die Kultur relativ gering zu sein.

Sie haben Monika Grütters, die Staatsministerin für Kultur, in einem Artikel als »die Neutronenbombe der deutschen Kulturpolitik bezeichnet«. Wie darf man das verstehen?

Berthold Seliger: Neutronenbomben töten Menschen, zerstören aber nicht die Gebäude. Die Kulturpolitik von Frau Grütters kümmert sich um Kulturinstitutionen, nicht aber um die Menschen, die die Kultur machen. Die Solo-Selbstständigen und Freien werden in eine Art Künstler-Hartz IV getrieben. Das sind aber die Menschen, die Kultur überhaupt erst möglich machen. In dem Programm der Bundesregierung dürfen sie ihre Lebenshaltungskosten nicht in Abrechnung bringen, sondern lediglich Betriebskosten. Das ist vollkommen wirklichkeitsfremd. Was wir brauchen, ist eine bedingungslose Grundsicherung für Musiker und Kulturarbeiter, wie es der Berliner Senat für 3 Monate und mit 5000 Euro sehr vernünftig vorgemacht hat.

Sind die von Ihrer Agentur geplanten Veranstaltungen komplett auf 2021 verlegt?

Berthold Seliger: Ich habe seit März keine Konzerte mehr veranstalten können – nicht als Tourneeveranstalter und auch nicht als Konzertagent. Es ist theoretisch noch ein Konzert im September in Österreich angedacht, was vielleicht unter geänderten Bedingungen stattfinden kann, aber ansonsten sind die ganzen Tourneen komplett auf nächstes Jahr verschoben. Das betrifft auch Patti Smiths erste große Open-Air-Tour in Deutschland seit etlichen Jahren und somit auch das Konzert in Dresden.

Wie stehen Sie generell zu den Pandemieverordnungen?

Berthold Seliger: Ich begrüße sämtliche Auflagen und auch den Lockdown für Clubs und kulturelle Veranstaltungen. Wer kann schon die Verantwortung dafür übernehmen, bei Konzerten oder im Club einen Ansteckungsherd zu riskieren? Es ist richtig, dass die Politik diese Entscheidungen trifft. Es geht um Menschenleben. Wir müssen aber eine Perspektive entwickeln, wie es weitergeht, und vor allem dafür sorgen, dass all diejenigen, die Kultur anbieten, ihren Shutdown wirtschaftlich überleben, damit auch nach der Pandemie die kulturelle Vielfalt unserer Gesellschaft weiter besteht.

Werden die Kleinen gegenüber den Big Playern das Nachsehen haben?

Berthold Seliger: Ich mache mir Sorgen, welche Clubs, Konzertsäle und soziokulturellen Zentren diese Krise überleben können. Die ersten Clubs sind bereits geschlossen, die ersten Konzertagenturen haben sich abgemeldet und die ersten Veranstalter sind nicht mehr existent. Wenn das noch etliche Monate so weiter geht, muss man sich fragen, welche Infrastruktur wir für unsere Konzertkultur im nächsten Jahr noch vorfinden werden. Das ist eine echte Katastrophe. Die Konzerne hingegen haben gewaltige Rücklagen und werden eher überleben. Allein CTS Eventim hat im letzten Jahr über 230 Mio. Euro Gewinn ausgewiesen. Live Nation hat einen Kreditrahmen von 1,1 Milliarden Dollar. Die Konzerne können einiges abpuffern und natürlich eine ganze Weile überleben. Die ganzen unabhängigen Veranstalter aber, Clubs mit einer Dimension von 1 bis 5 Prozent Gewinnmarge, stehen schon nach wenigen Monaten mit dem Rücken zur Wand.

Das Digitale als mittelfristige Option?

Berthold Seliger: Ich halte von diesen ganzen digitalen Verlagerungen gar nichts. Das findet in der Realität auch nicht statt. Natürlich gibt es Ausnahmen. Was Lady Gaga und andere organisiert haben, hat natürlich eine gewisse mediale Aufmerksamkeit erzeugt. Aber ein Konzert im Laptop ist lustlos. Bei den ganzen Wohnzimmerkonzerten wird oft eingeblendet, wie viele Leute zuschauen – die Zahlen sind eher marginal. Ich will aber gar nicht urteilen: Musiker sollen alles machen, was ihnen hilft zu überleben. Nur glaube ich nicht, dass es eine ernstzunehmende Alternative zu der Konzertszene ist, die wir eigentlich benötigen.

Sind demnach Konzerte vor Autos Verzweiflungstaten?

Berthold Seliger: Ich bitte Sie! Konzerte ausgerechnet vor Autos, ausgerechnet in Zeiten der Klimadiskussion! Außerdem geht in so einem depperten Auto das Lustvolle an einem Rock- oder Popkonzert komplett verloren. Helge Schneider hat das ganz gut gesagt: »Ich trete nicht vor Autos auf!«

Was lässt Sie hoffen?

Berthold Seliger: Vielleicht merken die Menschen, was sie vermissen, wenn es diese ganze Kultur momentan nicht mehr gibt. Interaktionen, solidarisches Handeln, ein gemeinsamer Konzertgenuss – auch Hedonismus und alles was dazu gehört. Wie furchtbar wäre es, wenn all das wegbricht und wir irgendwann nur noch die Großkonzerte der Superstars erleben können! Ich habe die Hoffnung, dass man kulturelle Vielfalt neu wertschätzen lernt.
Besten Dank für das Gespräch!

Berthold Seliger unter www.bseliger.de/blog

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