DRESDNER Interviews / O-ton!
The kids are allright – Tocotronic im Interview (Foto: Gloria Endres de Oliveira)
Tocotronic im Interview (Foto: Gloria Endres de Oliveira)
■ Weiter geht’s. Nach der 2020 erschienenen Werkschau »Sag alles ab«, kommt dieser Tage die neue Platte der Tocos. Betitelt mit »Nie wieder Krieg« ist es das 13. Album des Hamburger Quartetts. DRESDNER-Autor Matthias Hufnagl sprach mit Bassist Jan Müller und Gitarrist Rick McPhail über musikalische Nachtflüge, Literatur als Inspiration und die verrückte Polarisierung der frühen Tage.

Die neuen Songs zeigen eine deutlich andere Herangehensweise, das Zeitgeschehen einzufangen, als der biografische Ansatz der letzten Platte. Eine Reaktion auf die aktuelle Situation?

Jan: Der Entschluss ist schon vorher gereift. Ein biografisches Album kann man halt auch nur einmal machen. Und was das Zeitgeschehen betrifft: Versucht man, das im Nachhinein zu rekapitulieren, wird deutlich, dass dieser ganze Unfrieden innerhalb der Gesellschaft in Ansätzen auch schon vorher da war. Trotzdem hat es mich auf vielerlei Ebenen überrascht, was das jetzt für Ausmaße angenommen hat.

Ist das Stück »Jugend ohne Gott gegen Faschismus« eine direkte Referenz an den Roman »Jugend ohne Gott« von Ödön von Horváth?

Jan: Erstmal ist es eine Inspiration für den Titel. Als Dirk (von Lowtzow, Anm. d. Red.) ihn uns vorstellte, war ich zunächst von der Interessanten Verschachtelung der beiden Slogans überrascht. Es schwingt auch »Youth against Fascism« von Sonic Youth mit. Die Kombination der Wörter »ohne« und »gegen« ist eigenartig. Verschiedene Ebenen werden miteinander verzahnt. Das Stück hat aber auch etwas Spielerisches: so wie »Let there be rock«. Vom Text her ist »Jugend ohne Gott gegen Faschismus« für mein Empfinden gar nicht so politisch, wie es der Titel vorgibt. Im Hinblick auf das im Roman beschriebene »Zeitalter der Fische« stellt sich die Frage, wie sehr sich das gerade wiederholt. Ohne in Panik zu geraten, kann man da schon Parallelen entdecken.

Klammert »Jugend ohne Gott gegen Faschismus« die Religion nun aus? Nach dem Motto: The kids are allright! Wir können auch ohne Gott gegen Faschismus sein?

Rick: Ich finde es schwierig, Religion mit Engagement gegen Faschismus zu verbinden. Viele Religionen sind sexistisch und rassistisch. Nicht mal im Buddhismus können Frauen Mönche werden. Ich persönlich verbinde Religion eher mit Faschismus, als umgekehrt.
Jan: So weit würde ich nicht gehen. Ich finde es eher schön, dass der Titel diese Fragen hinterlässt. The kids are alright. Das gefällt mir. So empfinde ich das Stück auch. Wenn ich bei mir im Stadtteil durch die Straßen laufe und die Jugendlichen abhängen sehe, dann denke ich genau das. Es gibt nichts Schlimmeres, als Leute im fortgeschrittenen Alter, die sich über die Jugend beklagen.

Wie seid ihr für das Album prinzipiell an die Aufnahmen herangegangen?

Jan: Wir haben uns grundsätzlich überlegt, welches Lied für eine Live-Aufnahme, und welches eher für Clicktrack taugt. Bei »Nachtflug« war ziemlich schnell klar, dass es ein Live-Stück ist. Generell überlegt sich jeder seinen Part schon zu Hause. Im Proberaum spielen wir dann erst mal zusammen und schauen, was sich ins Gehege kommt. Wie kann man dem Gesang genug Raum geben und trotzdem noch wahrgenommen zu werden? Rick als Sologitarrist und ich am Bass schauen, wo unsere Parts sind. Ich spiele ja auch manchmal Melodien. Das wird alles ganz klassisch geprobt. Irgendwann kommt noch Moses Schneider mit ein paar guten Ideen um die Ecke und dann ist das eigentlich schon fertig. Für diese Platte war es extrem schön, in das Hansa Studio gehen zu können. Wir waren schon länger nicht mehr an einem so legendären Ort.

Rückblickend gab es für die Schublade »Hamburger Schule« entweder Bewunderung oder Ablehnung – gerade auch seitens der Punkbewegung. Wie habt ihr diese Polarisierung wahrgenommen?

Rick: Ich glaube, dass Tocotronic eine der ersten College-Rockbands in Deutschland waren. Eine Mischung unterschiedlichster Richtungen und eher untypisch für Deutsche, die in den 80ern aufgewachsen sind. Da gab es Prog, Punk oder Popper. Viele Leute mit der Punk-Mentalität waren damals sehr engstirnig. Ganz anders als in den 70ern, die viel offener waren.
Jan: Was unsere Band betrifft, gibt es zwei Gründe, warum das so verrückt polarisiert hat. Einerseits haben wir angefangen, bevor wir unsere Instrumente wirklich beherrschten und das auch nicht verborgen. Viele andere Bands hat das provoziert. Zudem hatten wir Zuspruch vom Publikum, was zusätzlich für Unverständnis und Neid sorgte. Und dann noch diese Texte. Nachdem die »Digital ist besser« draußen war, hat Ted Gaier, der Gitarrist der Goldenen Zitronen im Rahmen gegenseitiger Sympathie etwas zu mir gesagt, das ich eigentlich ganz gut fand. Der meinte damals: »Ja, sehr gut, aber die Texte sind ein bisschen altklug.« Damit hatte er total recht. Dieser altkluge Tonfall von so ein paar 23-Jährigen ist vielen Leuten auf den Wecker gegangen. Ich komme auch eher aus der Punkszene und fand das eigentlich ganz folgerichtig, dass die uns ätzend fanden.

Wie wichtig waren für euch als Heranwachsende Musikmagazine?

Rick: Sehr wichtig. Ich habe viel »SPIN« gelesen. Außerdem »Flipside« und »Maximum Rock‘n‘Roll«. Letztere sind irgendwann pleite gegangen und nur noch als digitale Ausgabe am Start.
Jan: In meiner Jugend habe ich auch viel Fanzines und kaum Musikmagazine gelesen. Kurz vor der Gründung von Tocotronic habe ich angefangen, regelmäßig die Spex zu lesen. Für uns war das natürlich ein extrem wichtiges Heft. Die haben uns zwar nicht entdeckt, wie gerne mal kolportiert wird, aber als erstes überhaupt über uns berichtet. Die Theorielastigkeit fand ich total interessant, aber der manchmal autoritäre Gestus in den 90ern ist mir ein wenig auf die Nerven gegangen. Erst in den Nullerjahren wurde das anders und freundlicher. Schade, dass von der ganzen Magazinlandschaft nur noch so wenig übrig ist.

Heute seid ihr die Lieblinge des Feuilletons. Eine Hilfe, die Zielgruppe weiter zu vergrößern?

Jan: Ein geflügeltes Wort im Musikbusiness sagt, »Feuilleton verkauft keine Platten«. Aber natürlich fühlt man sich geschmeichelt, wenn man ernst genommen wird.
Vielen Dank für das Gespräch!

Tocotronic kommen am 7. März 2022 nach Dresden in den Alten Schlachthof. Mehr zur Band: www.tocotronic.de/

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