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»In Mitteleuropa kann man einfach kein Nationalist sein« – Im Gespräch mit Jaroslav Rudiš (Foto: Jan Rasch)
Im Gespräch mit Jaroslav Rudiš (Foto: Jan Rasch)
■ Jaroslav Rudiš ist Kulturbotschafter seiner Heimatregion Liberec, der Partnerregion der diesjährigen Tschechisch-Deutschen Kulturtage. Der Schriftsteller pendelt regelmäßig zwischen Tschechien und Deutschland und bezeichnet Sachsen als »Teil seiner Heimat«. DRESDNER-Autorin Annett Groh sprach mit ihm darüber, was beide Länder verbindet.

Die Tschechisch-Deutschen Kulturtage wollen kulturelle Brücken in der Region bauen. Was verbindest du mit der anderen, der sächsischen Seite?

Jaroslav Rudiš: Für mich ist Sachsen gar kein fremdes Land. Vor der Wende war ich sehr oft hier – das ist ein Teil meiner Jugend. Wir durften früher ja nicht so viel reisen. Nach Polen zu reisen war schwierig, also sind wir in die DDR gefahren, haben Urlaub gemacht, Freundschaften geschlossen, Liebschaften gehabt. Ich habe Freunde hier, und mir ist hier alles sehr vertraut. Eine Veranstaltung in Dresden ist für mich eine Art Heimspiel.

Die Grenze zwischen Deutschland und Tschechien erscheint mir immer wie ein sehr harter Bruch. Du bewegst dich ständig zwischen beiden Ländern ...?

Jaroslav Rudiš: Für mich ist der Übergang viel fließender, weil ich beide Sprachen spreche. Früher hat dort an der Grenze auch viel deutschsprachige Bevölkerung gelebt, und das ging alles fast unsichtbar ins Tschechische über. Die Lausitz war sehr lange ein Teil von Böhmen, Zittau und Görlitz haben den böhmischen Löwen in ihren Stadtwappen. Liberec (Reichenberg) war die deutschsprachige Hauptstadt Böhmens, mit einer sehr großen tschechischen Minderheit. Natürlich sollte man das Zusammenleben damals nicht idealisieren. Aber trotz der Probleme und Krisen zwischen Tschechen und Deutschen – es war einfach spannend, und es ist etwas entstanden.
Ich sehe eher eine unsichtbare Grenze zwischen den früher rein tschechischen Gebieten und dem ehemaligen Sudetenland. Gerade diese Gebiete haben sich bis heute vom Zweiten Weltkrieg und von der Vertreibung nicht erholt. Viele Dörfer sind völlig verlassen und wurden nie nachbesiedelt. Es gibt sozial sehr schwache Gebiete mit einer hohen Arbeitslosigkeit, hoher Verschuldung und den ganzen Problemen, die damit zusammenhängen. Leute, die weniger Geld haben. Leute, die radikal werden – radikal links und radikal rechts. Wenn man sich nach den Wahlen die Karte anschaut, findet man die meisten radikalen Wähler oft in den ehemaligen Sudetengebieten.

Gibt es noch Ressentiments gegenüber den Deutschen?

Jaroslav Rudiš: Früher ja, und auch heute versuchen nationalistische Deppen, diese Karte zu spielen. Ich bin eigentlich erstaunt, dass das in Teilen der Bevölkerung noch funktioniert. Aber: Wenn man sich mit der Geschichte von Mitteleuropa beschäftigt, kann man einfach kein Nationalist sein. In jeder zweiten böhmischen Familie gibt es deutsche oder jüdische Vorfahren. Das auszublenden ist eine schlimme Lüge. Auch im Kommunismus wurde ja immer versucht, das Deutsche zu verdrängen, aber auch das Jüdische, wie Franz Kafka zum Beispiel.

Kafka war in der DDR auch ein schwieriges Thema ... ?

Jaroslav Rudiš: Ja, er passte nicht in das sozialistische Bild. Er war zu düster und zu individualistisch, und vielleicht auch zu verkopft. Aber bei uns kam eben noch hinzu, dass er auf deutsch geschrieben hat. Alles Deutsche wurde tabuisiert. Erst jetzt, mit meiner Generation, gibt es da Leute, die sich mit diesem Teil der Geschichte befassen. Wir machen das nicht für die Deutschen, sondern für uns. Um zu begreifen, was damals passiert ist. Mein neuer Roman in Deutschland »Winterbergs letzte Reise« handelt von einer Bahnreise durch die Geschichte Mitteleuropas mit einem Baedeker von 1913. Die Reise findet aber heute statt und führt von Berlin über Leipzig, Dresden, Liberec, Königgrätz, Prag, Wien und Budapest bis nach Sarajevo. Und was Kafka angeht, versuchen wir ja mit der Kafka Band, ihn den Tschechen näherzubringen. Wir haben ihn auf deutsch, tschechisch und englisch vertont, denn rein auf tschechisch hat es gar nicht funktioniert.

Sollten nicht die Deutschen vielleicht auch mehr tschechisch lernen?

Jaroslav Rudiš: Die tschechische Sprache zu lernen ist natürlich schwierig. Trotzdem treffe ich häufig Deutsche, die ein unglaublich schönes Tschechisch sprechen und denen ich nicht erklären muss, wo das Böhmische Paradies liegt. Ich glaube, wir Tschechen haben es da leichter, weil die deutsche Sprache im Tschechischen einfach vorhanden ist. Die Tasche ist taška, die Flasche flaška. Mein Vater benutzt zum Beispiel niemals das tschechische Wort für Werkzeug: náradi, sondern immer das deutsche. Und wenn er flucht, dann sagt er Donnerwetter!

Die tschechisch-deutschen Kulturtage stehen auch im Zeichen der Gründung der Tschechoslowakei vor 100 Jahren. Die gibt es aber schon lange nicht mehr – warum wird es dann gefeiert?

Jaroslav Rudiš: Für uns ist es schon ein Grund, stolz zu sein. Die Tschechoslowakei war im vorigen Jahrhundert die letzte Demokratie in Mitteleuropa. Viele Deutsche haben bei uns Zuflucht gefunden haben, manche wurden auch zu tschechoslowakischen Staatsbürgern. Und das ist etwas, auf das wir – trotz der vielen Probleme – stolz sein können.

Noch eine persönliche Frage: Kann man als Tscheche Staropramen trinken?

Jaroslav Rudiš: Ja, das ist ein Massenbier. Massenbiere müssen nicht schlecht sein. Ich finde aber, dass es bessere gibt. Zum Beispiel das Konrad-Bier aus Liberec oder das Bier aus der Schlossbrauerei in Frýdlant. Mein Lieblingsbier aus Tschechien heißt Bernard, aber das ist in Deutschland wahnsinnig schwer zu kriegen. Häufig werden aber große Brauereien auch schlechtgeredet, obwohl sie ein sehr gutes Bier machen. Pilsner Urquell ist immer noch ein sehr gutes Bier, so wie Budweiser auch.
Vielen Dank für das Gespräch!

Jaroslav Rudiš (*1972 in Turnov) ist Schriftsteller, Dramatiker, Drehbuchautor. Er schreibt auf tschechisch und deutsch. Gerade ist sein neuer tschechischer Roman »Český ráj« erschienen, der im Februar 2019 im Theater Bautzen als Theaterstück »Böhmisches Paradies« Premiere feiert. Im Frühjahr erschien sein neuer deutscher Roman »Winterbergs letzte Reise« (Luchterhand) und das Album »Amerika« mit der Kafka Band (Voland & Quist). Programm und mehr Infos zu den Tschechisch-Deutschen Kulturtagen unter www.tdkt.info/

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