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DRESDNER Interviews / O-ton!
Den Widerspruch als Song feiern – Frank Spilker (Die Sterne) im Interview (Foto: Lidija Delovska)
Frank Spilker (Die Sterne) im Interview (Foto: Lidija Delovska)
■ Der Frontmann der Hamburger Indie-Band Die Sterne, Frank Spilker, im Gespräch mit DRESDNER-Autor Matthias Hufnagl über Probleme der Provinz, Varianten der Freiheit und unsolidarische Verhaltensweisen.

Die aktuelle Platte ist das zwölfte Studioalbum und wird mitunter als das beste beschrieben ... ?

Frank Spilker: Das ist ein zweischneidiges Schwert, wenn du vorher elf Alben gemacht hast, welche die Leute anscheinend nicht ganz so gut fanden. Natürlich freue ich mich auch darüber. Vor allem, dass die Fans nicht davon abgeschreckt sind, dass neue Leute mitgespielt haben. Es wäre ein Leichtes gewesen, das Album aufgrund der Neubesetzung nicht zu mögen. Beeindruckend, dass das so gut wie gar nicht gekommen ist.

Das Album ist mit »Die Sterne*« betitelt. Du bist das einzig verbliebene Gründungsmitglied. Ein Statement der Neuformation?

Frank Spilker: Natürlich. Mit der Zunge in der Backe, wie der Engländer sagt. Deswegen ist auch ein Sternchen drauf. Wir sind sehr bewusst mit der größeren Neuformation und Umbesetzung umgegangen. Das Album so zu nennen, steht für Kontinuität. Da sind zwar neue Leute, aber im abstrakten Sinn immer noch Die Sterne.

Im Text zum Song »Du musst gar nix« heißt es: »Du musst dich nicht an dem nächstbesten Idioten orientieren. Du kannst dich auch einfach so verlaufen«. Ein Aufruf zur progressiven Eigenverantwortung. Das Stück »Das Herz schlägt aus« fungiert andererseits als Spiegel brachialer Realität. Die Pole, zwischen denen sich die Sterne 2.0 bewegen?

Frank Spilker: Was da verhandelt wird, sind Vorstellungen von Freiheit. Persönliche Freiheit, Freiheit im Denken und emotionale Freiheit. Das wird verschieden gespiegelt. Ich finde, »Das Herz schlägt aus« ist nicht unbedingt das Gegenteil von »Du musst gar nix«.

Sondern?

Frank Spilker: Eher klingt da radikale Emotionalität an. Eine, die nicht unbedingt moralisch gut, sondern brutal und erbarmungslos, auf der anderen Seite aber ein berechtigtes, traumatisches Gefühl ist. Nicht als akademischer Diskurs – hier wird vor allem der Widerspruch als Song gefeiert. Das zieht sich wie ein roter Faden durch das Album.

Im Song »Wir kämen wieder vor« heißt es: »Ach wenn wir jetzt sagen könnten, es wäre egal, wo er geboren wär oder als was«. Eine Utopie und Ideal, deren Umsetzung immer noch aussteht?

Frank Spilker: So ist es. Ich wüsste selber nicht, wie das praktisch gehen sollte: Einfach alle, die zu Hause Schwierigkeiten haben, aufzunehmen und zu versorgen. Aber nur so kann man langfristig für Frieden sorgen. Durch ein richtiges Miteinander. Es muss egal und darf nicht ideologisch aufgeladen sein, was man für eine Hautfarbe, Sexualität und so weiter hat. Das darf kein Grund für Ausgrenzung sein.

Du bist in Herford geboren und hast schon Ende der 80er in Bad Salzuflen das Label »Fast Weltweit« mitbegründet. Die piefige Provinz als Entstehungsort von Codes und Ausdrucksweisen, wie sie in Berlin, Hamburg oder Köln gar nicht hätten entstehen können?

Frank Spilker: Tatsächlich ist es so, dass man als Band oder Künstler in der Provinz immer vor dem Problem steht, dass man sich spezialisieren muss, um Anerkennung zu finden. Wenn man sich aber spezialisiert und dann einem provinziellen Publikum gegenübertritt, erreicht man nur einen Bruchteil der Leute. Dieses Dilemma zu durchbrechen ist auf dem Land äußerst schwierig. Das hat letztlich mit dazu geführt, dass wir alle in Großstädten gelandet sind, da weiter gemacht und uns gegenseitig gestützt haben. Bernadette La Hengst, Jochen Distelmeyer, Bernd Begemann und wer da alles war. Entfaltet hat es sich in der Großstadt, gefunden haben wir uns aus Verzweiflung in der Provinz.

Wie viele andere Künstler hast du mit deiner Band zum Impfen aufgerufen. Als Reaktion gab es in den Kommentarspalten auch eine laut pöbelnde Minderheit. War das mit eingerechnet?

Frank Spilker: Es kam nicht völlig überraschend und war natürlich mit der Grund für diese konzentrierte Aktion. Wir wussten ja, dass es sie gibt: die Gegner, Querdenker und Leute, die das anders sehen. Ausgehend von den Ärzten wurde verabredet, es gleichzeitig zu machen, damit sich die Trolle wenigstens verteilen. Gewundert hat mich, dass doch so viele bei uns auf der Seite gelandet sind. Letztendlich helfen da keine Argumente. Es wird komplett aneinander vorbeigeredet.

Sich als Fan mit dem Wort »Ade« zu verabschieden, war noch der harmloseste Kommentar?

Frank Spilker: Diese Leute sind in einem Jahr wieder mit dabei. Ich nehme das alles nicht so ernst und halte es für falsch, sich reinzusteigern und jedes Mal eine Diskussion anzufangen. Leute zu verdammen, weil sie einen anderen Glauben haben und aus meiner Sicht unsolidarisch sind und sich kontraproduktiv verhalten, sollte nicht dazu führen, dass man diese Menschen hasst oder ausgrenzt.

Wie stehst du zum Begriff »Indie-Urgestein«?

Frank Spilker: Das ist eine Zuschreibung, die ich gerne annehme und aufgrund meines Alters auch annehmen muss. Für mich zählt das aber gar nicht so viel, die letzten 20 Jahre habe ich nicht gespürt. Auch im Dialog mit anderen Künstlern achte ich nicht mehr aufs Alter. Ein positiver Aspekt, da man als junger Künstler oft etwas unsicher ist und denkt, die Älteren wissen mehr. Die umgekehrte Perspektive ist einfacher.
Vielen Dank für das Gespräch!

Die Sterne wären am 27. Oktober 2021 live im Beatpol zu erleben gewesen, das Konzert wurde mittlerweile verschoben. Mehr zur Band unter www.diesterne.de

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