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DRESDNER Interviews / O-ton!
Arbeit und Musik im Einklang – Swutscher im Interview (Foto: Noel Richter)
Swutscher im Interview (Foto: Noel Richter)
■ Vor vier Jahren betraten Swutscher mit einer Melange aus Garage, Folk und Country die Bühnen dieses Landes und klangen dabei, als würden sich Sven Regener, Helmut Qualtinger und Gunter Gabriel die Hände reichen. DRESDNER-Autor Martin Schüler bat Sänger Sascha Utech zum Gespräch über die kürzlich erschienene EP »Senf«.

Der Eröffnungssong »Affenkönig« erinnert an das expressionistische Weltuntergangs-Motiv zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Erkennst du Parallelen zu dieser Zeit?

Sacha Utech: Auf jeden Fall. Ich sehe Parallelen zu dem, was beispielsweise gerade in Ostdeutschland stattfindet – die Wählerschaft, das Impulsive, selbst die Jugend. Parallelen sind da, das steht außer Frage. Ich glaube, dass heute fast so viele Länder von Affenkönigen regiert werden, wie damals. Seien das Johnson, Trump oder Bolsonaro in Brasilien. Die Zeile »In zehn Jahren mache ich euch wieder stark« hat Johnson vor kurzem gesagt. Das habe ich in diesem Text aufgegriffen, weil es einfach so lächerlich ist. Was ist das bitte für eine Zahl, was wird denn besser? Darüber redet man gar nicht. Ein einfacher, guter Werbeslogan wie »Make America great again« reicht aus, um die Menschen für den Moment zu bekommen.

Auch in früheren Songs hast du stets die Beobachterposition eingenommen, aber keine konkreten Verbesserungsvorschläge gemacht. Warum?

Sascha Utech: Erst kürzlich habe ich mit Jan Müller (Anm. d. Red.: Bassist von Tocotronic) genau über dieses Thema gesprochen und ihm gesagt, dass ich mir einfach nicht so viel herausnehmen möchte. Auch weil ich mich selbst politisch nicht genügend engagiere, dass ich sagen könnte: Macht es besser. Und weil ich in meinem eigenen Leben genug Dinge falsch mache. Auf der nächsten Platte werde ich aber versuchen, ein paar positive Denkanstöße zu geben und nicht so viel über das Aktuelle reden, sondern schauen, wie es auch mal war – und zwar gar nicht so verkehrt. Wir waren schon mal auf einem besseren Wege.

Kommen wir zu »Auf Achse«. Darin höre ich musikalische Referenzen zu Creedence Clearwater Revival heraus, thematisch frönt ihr der Autobahn-Romantik von Truck Stop. Waren das Einflüsse?

Sascha Utech: Beides wird oft in der Band gehört, auch wenn ich die neuen Sachen von Truck Stop nicht unbedingt als cool bezeichnen würde. Der Song war der erste, der für die EP geschrieben wurde und ist bewusst stumpf angelegt. Viele haben gefragt, was denn jetzt soundtechnisch als Nächstes passiert. Das kam uns dann eigentlich recht und wir haben uns gedacht: Lass uns mal einen schreiben, mit dem keiner rechnet. Textlich gesehen findet man da jetzt nicht wirklich viel Inhalt, der den Hörern etwas mitgibt. Der Song handelt einfach nur von einer guten Zeit auf Achse – pure Romantik. Ich bin riesiger Raststätten-Fan und im Übrigen ein sehr strenger Beifahrer, der auf den Tacho schaut und sagt: Nicht schneller, konzentriere dich bitte!

Die Stücke »Schuften« und »Nimmersatt« gehen in meinen Augen thematisch in eine ähnliche Richtung. Darauf verhandelst du Arbeits- und Konsumzwänge in der Marktwirtschaft. Kannst du dich diesen Zwängen – vielleicht auch durch die Band – entziehen ?

Sascha Utech: Hättest du mich vor zwei Jahren gefragt, hätte ich dir geantwortet, dass es das Größte wäre, von der Musik leben zu können. Mittlerweile habe ich beschlossen, Arbeit und Musik im Einklang für gut zu befinden. Um 6 Uhr klingelt der Wecker, aber ich finde es sehr befreiend, nicht jeden Pfennig dreimal umdrehen zu müssen. Ich bin gerne im Zahnrad gefangen, auch weil ich mit meiner Arbeit etwas Gutes tue. Ich arbeite für alte und demenzerkrankte Menschen. Deswegen füllt es mich zum Teil aus, es gibt aber auch eine Grenze. Ich könnte zum Beispiel nicht zehn Stunden oder länger am Tag arbeiten. Es gibt ein Limit, wo mein Kopf abschaltet und sagt: Jetzt gehst du eine Stunde joggen oder in den Proberaum. Wenn man das gesunde Mittelmaß findet, muss man als Musiker auch nicht jeden Scheiß mitmachen. Aber das ist jedem selbst überlassen, wie viele DJ-Sets man spielt oder ob man noch die fünfte Tour im Jahr mitnimmt, damit überhaupt genügend Kohle reinkommt, um zu überleben. Das alles fällt bei mir weg und ist vielleicht mal wieder ein Schritt in die richtige Richtung in meinem Leben.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die für den April geplante Tour von Swutscher wird verschoben und zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt. Mehr zur Band: www.swutscher.de

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