ehrensache.jetzt – nachtaktiv

Acht kreative Stunden für eine gute Sache

Bei ehrensache.jetzt – nachtaktiv stellen Werbeagenturen und Freiberuflerinnen und Freiberufler aus der Kreativbranche ihre Dienste unentgeltlich für die gute Sache zur Verfügung: Mit Vereinen und Initiativen wollen sie zusammen Produkte für deren Öffentlichkeitsarbeit gestalten, die für den Erfolg gemeinnütziger Projekte eine große Bedeutung hat, für die aber oft zu wenig Zeit, Kraft oder Geld vorhanden ist. Insgesamt vier Teams werden über Nacht an unterschiedlichen Aufgaben arbeiten bis zur Präsentation der Ergebnisse um Mitternacht. So können beispielsweise ein neues Logo, ein Flyer, Banner oder Plakat, ein neuer Social-Media-Auftritt, Fotos für die Website oder ein Pressetext entstehen. Auch die Planung eines Events ist möglich oder die Überarbeitung einer Vereinswebsite. In jedem Team wird ein fertiges Produkt entstehen, das die Organisation mit „nach Hause“ nehmen kann und das ihr dabei helfen soll, ihre Botschaft in der Öffentlichkeit wirksam zu präsentieren.

„ ehrensache.jetzt – nachtaktiv“ findet am 16.9.2020 in der Zeit von 17 bis 1 Uhr in den Räumen der Kreativagentur CROMATICS in Dresden statt. Die Veranstaltung ist nicht öffentlich. Bis 30.8.2020 können sich gemeinnützige Dresdner Vereine und Initiativen bei der Freiwilligenagentur ehrensache.jetzt der Bürgerstiftung Dresden um die Teilnahme bewerben. Die Ausschreibung, der Bewerbungsbogen und die Teilnahmebedingungen sind zu finden unter: www.ehrensache.jetzt/nachtaktiv

Der Bewerbungsbogen ist ausgefüllt per E-Mail zu senden an: info@ehrensache.jetzt

Nicht Museum für zeitgemäße Kunst

Am 25. Juli entsteht am Neumarkt für einen Tag das Nicht-Museum

Bildende Kunst an Bauzäunen, wie in einem Schaudepot, Musik unter freiem Himmel, Tanz auf Kopfsteinpflaster, Lesungen im offenen Stadtraum, Videos kämpfen auf ihren Monitoren mit den Sonnenstrahlen. Aber, es ist mehr als nichts und es ist ein Fest: Das Nicht-Museum ist Behauptung und Pop-Up, Nachsinnen, Betrachtung und Bekenntnis.

250 Künstlerinnen und Künstler aus Dresden, der Region, Deutschland, Europa und der Welt sind bereits zur Eröffnung in der Nicht Kollektion vertreten. Sie unterstützen die Idee und haben Werke der bildenden Kunst, Videos, Filme, Performances, Musik und vieles andere mehr beigetragen. Ihre Kunst ist aktuell, sichtbar und lebendig.

Das Nicht-Museum soll einen temporären Ort der Präsentation, der Kontemplation, aber auch für Diskussion der Rollen von Kunst, gesellschaftlichem Selbstverständnis, Fragen nach Beschaffenheit und Funktionen heutiger und künftiger lebendiger musealer Räume für Kunst und Künste erschaffen.

Die Kunst muss auch gefeiert werden: Das Nicht-Museum für zeitgemäße Kunst Dresden wie auch das umfangreiche, internationale Live-Programm ist ausschließlich und einmalig am 25. Juli 2020 von 14 bis 22 Uhr zu erleben.

Künstlerinnen und Künstler aller Genres und Interessierte sind eingeladen, sich mit eigenen Werken, Aktionen, Ideen oder einfach mit helfenden Händen zu beteiligen. Kontakt, Infos und Beteiligung: nichtmuseum@gmail.com oder mobil unter 0177-785 30 59.

Zwischen Analog und Digital

Die Kunsthochschule in Zeiten von Corona

Prof. Anton Henning im Gespräch (Foto: Katja Zehrfeld)

»Wem gehört dieser Raum?«

Als Antwort auf die Schließung von kulturellen Institutionen, also Innenräumen, haben sich die Studierenden der Fachklasse für zeitbasierte Medien von Prof. Carsten Nicolai mit möglichen Ausstellungsformaten im öffentlichen Stadtraum auseinandergesetzt. Das Plakat als Medium steht im Zentrum dieser Überlegung. Plakate dokumentieren gesellschaftliche Entwicklungen und spiegeln wechselnde Stile in der Kunst. Dieser »Mehrwert« ist es, der aus einem Plakat ein Kunstwerk machen kann. Durch das modulare Layout sind die Plakate visuell miteinander verbunden. Eine Inspirationsquelle waren auch die für Dresden bekannten Formbausteine. Die Plakate entstanden durch die Kommunikation der Studierenden über Online-Meetings im digitalen Raum.

Klasse Carsten Nicolai »Wem gehört dieser Raum?«

Die derzeit ungenutzten Werbeflächen der Firma Mambo Plak in Dresden werden zum »Ausstellungsraum«. Die Dauer der Ausstellung im öffentlichen Raum ist ungewiss. Durch den Hashtag #KCN und einen QR-Code findet eine Verknüpfung zurück in den digitalen Raum statt. Die Aktion ist so angelegt, dass sie auch künftig im digitalen und analogen Raum wiederholt und ergänzt werden kann. Die Ausstellung versteht sich ebenso als ein Format, jedem den Zugang zu Kunst zu ermöglichen, jungen Künstlern und Künstlerinnen eine Plattform zu bieten und so die Sichtbarkeit der Dresdner Kunstszene zu bewahren.

Prospektive, Lena Dobner »Strecke« 2019

Im Oktogon, der Kunsthalle der HfBK, treffen unter dem Titel »Prospektive« 46 Künstlerinnen und Künstler zusammen, die an der Akademie in Wien bei Daniel Richter und bei Ralf Kerbach in Dresden studieren. Kuratiert von Liam Floyd (Dresden) und Paolina Wandruszka (Wien) schaut »Prospektive« in die Zukunft eines traditionellen Mediums der Kunst: der Malerei. Die Ausstellung versteht sich als Gegenentwurf zum gängigen Ausstellungsformat: der Retrospektive, dem Rückblick also.

In der Ausstellung geht es darum, das Werk von Kunstschaffenden in den Blick zu nehmen, die der Kanon (noch) nicht kennt, die sich einer Einordnung vielleicht sogar entziehen. Es geht also nicht um Namen, sondern um die Kunst selbst, die sich vielleicht gerade an der von Unsicherheit und Leichtigkeit geprägten Schwelle zwischen Ausbildung und Autonomie offenbart. Es geht um die Frage der Zukunft von Malerei, um das Hinterfragen von Betrachtungsweisen und die verschiedenen Auffassungen von Kunst.

Die Idee, beide Klassen für ein gemeinsames Ausstellungsprojekt zusammenzubringen, entstand während eines Studienaufenthalts von Lena Dobner (Kerbachklasse, Dresden) bei der Klasse von Daniel Richter in Wien im Sommer 2018. Nina Gross aus der Wiener Klasse und Lena Dobner entwickelten in dieser Zeit gemeinsam das Konzept der Ausstellung.

Die Ausstellung »Prospektive« ist vom 24. Juli bis 30. August 2020 im Oktogon der HfBK zu sehen.Und wer es nur digital möchte, dem sei die seit 15. April wieder verfügbare neue Version von kunstknall empfohlen.

Antragsstart für Denkzeit-Stipendien

Ab 15. Juli können sich freiberuflich tätige Kunst- und Kulturschaffende um ein Denkzeit-Stipendium bei der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen bewerben. Die Stipendien sind mit je 2.000 Euro dotiert und sollen in der gegenwärtigen Corona-Pandemie dabei unterstützen, zukunftsweisende Konzepte und Formate zu entwickeln. Insgesamt stehen für das Programm 5 Millionen Euro zur Verfügung.

Antragsberechtigt sind neben freiberuflich tätigen Künstlerinnen und Künstlern erstmalig auch freiberuflich tätige Kulturbeschäftigte wie Kulturmanager, Kuratoren, Musikproduzenten, Dramaturgen, Designer, Maskenbildner, Illustratoren, Übersetzer, Lektoren, Musik-, Kunst-, und Theaterpädagogen sowie vergleichbare freiberuflich tätige Kulturproduzenten.

Obacht! Antragstellerinnen und Antragsteller, die bereits in der ersten Programmphase zwischen 23. April und 26. Mai 2020 einen Antrag eingereicht haben, aber aufgrund der frühzeitigen Überzeichnung des Programmes noch keine Benachrichtigung erhalten hatten, brauchen keinen neuen Antrag stellen. Diese Anträge werden automatisch in das aktuelle Förderverfahren überführt. Personen, die in diesem Jahr bereits ein Denkzeit-Stipendium erhalten haben, sind nicht antragsberechtigt.

Weitere Informationen: http://www.kdfs.de/foerderung/programme/denkzeit/

Internationale Schostakowitsch Tage Gohrisch – virtuell

Coronabedingt können zwar die Internationalen Schostakowitsch Tage Gohrisch nicht wie gewohnt stattfinden, doch hat das Festival gemeinsam mit MDR, ARTE und der Deutschen Grammophon eine virtuelle Alternative entwickelt. Dabei sind in einem einzigartigen Studio-Ereignis am 5. Juli neun Uraufführungen zu erleben.

Dmitry Masleev at Tchaikovsky Concert Hall Moscow © Vladimir Volkov

Ein gewichtiger Teil des ursprünglich geplanten Programms wird als Stream im Internet präsentiert. Insgesamt neun Uraufführungen von Dmitri Schostakowitsch hält der Stream bereit – allesamt Klavierstücke, die von drei herausragenden russischen Pianisten gespielt werden: Yulianna Avdeeva, Dmitry Masleev und Daniil Trifonov.

Die drei Interpreten finden sich über die Kontinente hinweg zu einem einzigartigem Studio-Ereignis zusammen: Yulianna Avdeeva wird in Gohrisch im Hotel Albrechtshof musizieren, wo Schostakowitsch 1960 sein achtes Streichquartett komponierte. Dmitry Masleev spielt in der Tchaikovsky Concert Hall in Moskau und Daniil Trifonov in seinem Haus in Greenwich, Connecticut.

Der Stream wird am 5. Juli 2020 ab 20 Uhr erstmals auf der Online-Plattform ARTE CONCERT unter dem Titel „Schostakowitsch – Entdeckungen“ zu sehen sein. Im Anschluss ist er dort weitere 90 Tage verfügbar. Parallel sind die Uraufführungen auch auf dem YouTube-Kanal der Deutschen Grammophon zu erleben.

https://www.schostakowitsch-tage.de/willkommen/

Dresdner Kulturinseln 2020 bringen zusätzliches Leben in die Innenstadt

Bewerbungen für freiberufliche Künstler ab 2. Juli möglich

Professionelle freiberufliche Künstlerinnen und Künstler aus allen Sparten mit Sitz im PLZ-Bereich 01 können sich ab 2. Juli bis einschließlich 15. Juli mit ihren Programmvorschlägen bewerben. Die Projektkoordination liegt in den Händen der DMG. Unterstützt wird die DMG von einer Bietergemeinschaft aus der Agentur Schröder, First Class Concept GmbH und den Jazztagen Dresden gUG, von der auch das ursprüngliche Konzept für die „Dresdner Kulturinseln 2020“ stammt. Über die Künstlerauswahl entscheidet eine Jury, der neben den vorgenannten Akteuren Vertreterinnen und Vertreter freier Kultur- und Kreativnetzwerke und kultureller Interessenverbände sowie des Amtes für Kultur und Denkmalschutz angehören.

Vielfalt der Dresdner Kulturszene auf zwei Routen

Die Idee: An verschiedenen Open-Air-Standorten im Innenstadtgebiet – Altstadt, Äußere und Innere Neustadt – werden Künstler unterschiedlicher Genres auftreten, jeweils donnerstags bis samstags, für die Dauer von ca. 20 Minuten pro Stunde. Der erste Auftritt beginnt 13 Uhr, der letzte 18:30 Uhr. Am 18. Juli starten die Kulturinseln am Nachmittag mit einer Eröffnungsveranstaltung auf dem Altmarkt und anschließendem Programm bis 19 Uhr. Am 23. Juli geht das erste Dresdner Kulturinseln 2020-Wochenende an den Start, am 5. September das letzte. Die Kulturinseln sind auf eine Kultur- und die Shoppingroute verteilt und werden zeitversetzt bespielt. Besucher, die sich beispielsweise für die Kulturroute entscheiden, können so an einem Tag bis zu sechs unterschiedliche Künstlerinnen und Künstler bzw. Ensembles aus der Region erleben. Die Inseln sollen die künstlerische Vielfalt der Landeshauptstadt abbilden, mit Künstlern aus verschiedenen Sparten wie Musik, Schauspiel, Comedy, Tanz, Streetart und mehr.

Open Call: https://www.dresden.de/de/kultur/dresdner-kulturinseln-2020.php

Bewerbungen: https://kulturinseln.agentur-schroeder.com/

Der Kultursommer in Dresden könnte spannend werden

Die Stadträte Torsten Schulze und Holger Hase im Gespräch zur kulturellen Belebung des Sommers

Es ist, als wäre endlich der Stock aus dem Getriebe des Kulturlebens gezogen worden. Für den Sommer haben sich unterschiedlichste Veranstalter vorgenommen, wieder Kultur in die Stadt und Freude ins Leben zu bringen. Bei vielen der neuen Formate steht die Verpflichtung und damit die Unterstützung der lokalen freien Künstlerinnen und Künstler im Vordergrund. Wie sich dieses Engagement auch für andere Wirtschaftsbereiche und auch in der Zukunft auswirken könnte, darüber hat sich DRESDNER-Herausgeberin Jana Betscher mit den Stadträten Holger Hase, dem kulturpolitischen Sprecher der FDP-Fraktion und Torsten Schulze, dem wirtschaftspolitischen Sprecher der Grünen im Stadtrat unterhalten

Torsten Schulze

Die Kunst- und Kulturstadt Dresden liegt halbwegs in Agonie. Welche Rolle könnte oder sollte die Kultur einnehmen, um dem entgegenzuwirken?

Torsten Schulze: Die Agonie kann ich nur im öffentlichen Raum und durch die geschlossenen Veranstaltungsstätten erleben. Bei vielen Kulturschaffenden erlebe ich ganz viel Kreativität, wie sie mit der derzeitigen Situation umgehen. Das hat angefangen mit den zahlreichen Online-Streamingveranstaltungen und setzt sich jetzt im öffentlichen Raum fort. Ich sehe die vielen Kulturschaffenden als gut vorbereit und als wesentlichen Part bei einer Wiederbelebung unserer Stadt.

Holger Hase: Meiner Meinung nach steht eine lebendige Kulturszene immer für eine lebendige Stadtgesellschaft. Von daher müssen wir alles tun, den Kultursektor, unter den gegebenen Bedingungen, wieder zu beleben. Wenn die Menschen wieder Konzerte, Theater, Ausstellungen etc. besuchen können, wird auch der Optimismus und die Lebensfreunde in unsere Stadt zurückkehren.

Holger Hase

Es sind ja in letzter Zeit eine Reihe von freien und privaten Kulturveranstaltern, zum Beispiel in der Jungen Garde, auf den Plan getreten, um dem Publikum über den Sommer Programm zu bieten. Gibt es über den »Bespaßungsfaktor« hinaus noch weiteren Nutzen für die Stadt?

Torsten Schulze: Es ist erst einmal hoch anzurechnen, dass trotz der Begrenzung der Gästezahlen die Betreiber wieder bereit sind, unter diesen wirtschaftlich schwierigen Bedingungen wieder Konzerte, Filmprogramme und weitere Veranstaltungen anzubieten. Die Synergieeffekte sehe ich für viele andere Bereiche im öffentlichen Leben. Die Menschen bekommen wieder Lust, nach draußen zu gehen, sich in Cafés und Restaurants zu treffen, den einen oder anderen Einkauf zu machen und Museen oder Veranstaltungen zu besuchen.

Holger Hase: Ohne Frage ja. Kultur ist für eine Stadt wie Dresden auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Gerade vor dem Hintergrund, dass in diesem Jahr wahrscheinlich viele Deutsche im Inland Urlaub machen werden, sollten und müssen wir alles dafür tun, dass kulturelle Angebote die Attraktivität des Reiseziels Dresden steigern helfen.

Alle neuen Formate haben auch zum Ziel, die lokalen freien Künstlerinnen und Künstler zu unterstützen. Was kann die Stadt Dresden zur Verbesserung der Lage beitragen?

Torsten Schulze: Neben direkten finanziellen Unterstützungen wäre unter anderem die Ermäßigung oder der Erlass von Gebühren für Veranstaltungen und andere Nutzungen des öffentlichen Raums geeignet. Mit dem Verzicht auf Gebühren für Gastronomie und Einzelhandel haben wir da schon einen ersten Schritt getan. Auch die Förderung von Projekten unabhängig von Antragsfristen und die Auszahlung von Projektgeldern trotz Haushaltssperre ist eine weitere Maßnahme.

Holger Hase: Wichtig wäre, und das trifft nicht nur in Corona-Zeiten zu, dass wir Rahmenbedingungen schaffen, die es der freien Szene ermöglichen, ihr künstlerisches Wirken umzusetzen. Ich denke da vor allem an die Bereitstellung von Infrastruktur, wie etwa Atelier- und Ausstellungsräume. Dies sollte mit einer entsprechenden Förderpolitik hinterlegt werden. Wir beraten im Kulturausschuss gerade über den Kulturentwicklungsplan, der noch dieses Jahr verabschiedet werden soll. Da haben wir jetzt die Möglichkeit, die richtigen kulturpolitischen Weichen für die nächsten Jahre zu stellen.

Die Verhandlungen für den neuen Doppelhaushalt beginnen. Sind die Akteure der Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft bislang ihrer Rolle adäquat berücksichtigt worden? Wie ist die Einschätzung für die Mittelverteilung unter einem mit ziemlicher Sicherheit schrumpfenden Haushalt?

Torsten Schulze: Ich glaube die Investitionen in Menschen ist aktuell wichtiger als in Beton. Da braucht es bei der Aufstellung des kommenden Haushaltes eine Umsteuerung. Das Wirken der Kultur- und Kreativschaffenden trägt entscheidend für die Lebensqualität in unserer Stadt und deren Außenwirkung bei. Allerdings hat sich das bei der Bereitstellung von öffentlichen Mitteln nicht bei allen Akteuren wiedergefunden. Insbesondere die Freie Szene ist damit konfrontiert, weit unter den Honoraruntergrenzen tätig zu sein. Hier braucht es ein Umdenken.

Holger Hase: Wir Kulturpolitiker im Stadtrat sind ständig im Gespräch mit den kulturellen Akteuren in unserer Stadt, um Meinungen und Wünsche abzuholen, die später in konkrete politische Anträge umgesetzt werden können. Uns ist allen klar, dass wir den Gürtel in den nächsten Jahren enger schnallen müssen und zur Sparsamkeit aufgerufen sind. Doch die Frage ist, wie und wo wird gespart? Es gibt da meines Erachtens parteiübergreifend eine große Einigkeit, dass wir trotz des finanziellen Drucks unbedingt verhindern müssen, dass im Kultursektor substanzielle Verluste eintreten.

Wo werden in den kommenden Haushaltsverhandlungen die übergeordneten Prioritäten liegen und wie sieht eine persönliche Liste aus jeweils drei Punkten aus?

Torsten Schulze: Die Erhöhung der Mittel für die institutionelle und Projektförderung in Kultur und Sport, die Förderung von Nachhaltigkeit und eine zukunftsfähige Stadtentwicklung, die an die Klimaveränderung angepasst ist, Radwege und nachhaltiger Tourismus in Dresden. Der Erwerb und die Sanierung der Robotronkantine kann verschoben werden, über den Einsatz von städtischen Mitteln für die Wiedereröffnung des Fernsehturms sollte noch mal grundsätzlich nachgedacht werden, eine Realisierung des neuen Verwaltungszentrums durch ein städtisches Tochterunternehmen ist ernsthaft zu prüfen

Holger Hase: Die Stadt muss zunächst ihre Pflichtaufgaben erfüllen, das ist ganz klar. Bei den freiwilligen Leistungen – und dazu gehört eben auch die Kultur – werden wir um eine Prioritätensetzung nicht herumkommen. Hier sollten Investitionen in Zukunft Vorrang vor kurzfristigen konsumptiven Ausgaben haben, wobei natürlich auch bei den Investitionen verschiedene Dinge auf den Prüfstand gestellt werden müssen und überlegt werden sollte, ob man nicht das eine oder andere Vorhaben über einen längeren Zeitraum strecken kann.

Es scheint sich ja ein wirklich spannender Kultursommer anzubahnen. Wird dies eine Eintagsfliege bleiben, oder wäre ein Sommerkultur-Festival im öffentlichen Raum (analog Greenwich Festival) begrüßenswert?

Torsten Schulze: Eine Belebung des Stadtgebiets, nicht nur der Innenstadt, ist perspektivisch gesehen ein gutes Angebot in den Sommermonaten, um Gäste in die Stadt zu holen und auch für die Dresdnerinnen und Dresdner. Wenn diese Angebote zeitlich nicht in Konkurrenz zu anderen Veranstaltungen wie etwa zur Jungen Garde, dem Palais Sommer oder den Filmnächten stehen, fände ich das sehr überlegenswert. Eine Auswertung des diesjährigen Kultursommers, insbesondere der Kulturinseln, ist daher sehr wichtig, um über eine mögliche Fortsetzung sachlich debattieren zu können.

Holger Hase: Ich hoffe nicht, dass dies eine Eintagsfliege bleibt. Sollte das Format Erfolg haben, sollten wir zügig daran gehen, für eine Fortschreibung über das Jahr 2020 hinaus zu sorgen. Alles was unsere Innenstadt belebt, den Tourismus fördert und die Kulturszene belebt, findet politisch die Unterstützung der Liberalen.

Anmerkung

Das Gespräch mit Holger Hase und Torsten Schulze wurde vor dem Stadtratsbeschuss am 25. Juni zu den Dresdner Kulturinseln 2020 geführt.

Nachtrag

Zum Stadtratsbeschluss vom 25. Juni 2020, die ab 18. Juli stattfindenden Kulturinseln im Stadtgebiet zu erweitern und mit 1 Million Euro auszustatten, äußerte sich Torsten Schulze wie folgt:

»Mit der Aufstockung des Gesamtbudgets auf 1 Million Euro gibt es jetzt die Chance, mehr Veranstaltungsorte insbesondere auf der Neustädter Seite zu kreieren und mehr Kunst- und Kulturschaffenden Auftrittsmöglichkeiten und damit ein Einkommen zu sichern. Die Verantwortung für das Gelingen des Kulturinselsommers ist damit gestiegen und ich wünsche mir, dass alle Akteure zügig und professionell zusammenfinden, um gemeinsam unter einem Dach das Projekt zu einem Erfolg zu machen.«

»Entweder gehen wir gestärkt aus der Krise, oder die Vielfalt der Branche wird sterben«

Kilian Forster, Leiter der Jazztage Dresden, Musiker und Manager – befragt von Heinz K.

Kilian, du bist ja nun als Musiker und als Intendant der Jazztage Dresden in doppelter Hinsicht vom Lockdown betroffen …

Sogar in dreifacher Hinsicht, da ich ja nicht nur die Jazztage leite und mit den Klazz Brothers spiele, sondern meine eigenen und andere Projekte – zusammen mit meiner Frau – auch noch manage. Also ein breit aufgefächertes Spektrum, damit wir, wenn ich mir mal in den Finger schneide oder Jazz nicht mehr so läuft oder die Klazz Brothers auseinander gehen, noch ein Standbein haben, um weiterzumachen. Alles ist jetzt auf Null.

Kilian Forster: Ich nehme meinen Vollbart erst ab, wenn wir wieder ein Konzert ohne Beschränkungen geben können.

Das wäre auch meine Frage gewesen, wie du mit der Situation umgehst, in der du nicht arbeiten kannst?

Also zuerst einmal war ich sehr beschäftigt mit Absagen und Umverlegungen der Umverlegungen, mit Ticketumbuchungen und dem Versuch, etwas Neues zu kreieren. Ich habe dann aber gemerkt, dass das alles keinen Sinn macht. Und bevor man die Branche wechselt (das waren tatsächlich die Überlegungen), ist die einzige Möglichkeit, zu protestieren – Um uns selber mit den Jazztagen zu outen und auch generell auf den Exodus der Veranstaltungswirtschaft und auf die Vielfalt der Kultur, die jetzt in Gefahr ist, hinzuweisen. Denn dafür haben wir ja studiert, davon leben wir und das brauchen wir einfach für unsere psychische Gesundung.

Du bist Initiator der Aktion Stumme Künstler. Was ist das Hauptanliegen der Aktion?

Als Initiator kann man auch noch ein bisschen mehr machen, also organisieren wir das auch noch zu fast hundert Prozent. Es soll und wird jetzt leider größer werden und die Aktion geht auch in andere Städte, wie etwa Berlin, Würzburg und Augsburg.

Das Hauptanliegen gilt sowohl den Künstlern als auch für die Veranstalter und die Soloselbständigen. Wir sind von Gerhard Schröder ermuntert worden, Ich-AGs zu gründen. Die jungen Leute sind damals sehr kreativ damit umgegangen, und die fallen jetzt komplett durchs Raster. Es gibt im Vergleich zu anderen europäischen Staaten keinerlei Hilfe als den Verweis auf die Grundsicherung. Also Leute, die Kredite aufgenommen haben, die Versicherungen zu zahlen haben und ihr Schulgeld zahlen, haben nicht die Möglichkeit, ihre Lebenshaltungskosten in der Soforthilfe anzugeben. Und es gibt Länder wie Norwegen oder Großbritannien, die 80 Prozent des Verdienstausfalls des letzten Jahres für die drei Monate und weitere Monate übernehmen. Oder die Niederlande, die wenigstens zwischen 1.000 und 1.500 Euro geben. Angesichts dessen ist es eine Sauerei, was hier bei uns passiert.

Das ist das eine Anliegen. Das andere ist, dass wir vom Kulturamt der Stadt Dresden zu hören bekommen haben, dass es keine Hilfe zur Rettung der Jazztage geben wird – und das geht anderen Institutionen auch so. Das kann nicht sein. Wir haben 19 Jahre der Stadt etwas gegeben und dabei nichts verdient, sogar selber noch etwas drauf gezahlt, und dann noch in Aussicht gestellt zu bekommen, dass man froh sein solle, wenn es im nächsten Jahr genauso wenig Förderung gibt wie im letzten Jahr, (die Jazztage haben von Stadt und Land 5 Prozent des Umsatzes als Förderung bekommen und 95 Prozent selber erwirtschaftet, wo andere Festivals bis zu 50 Prozent ihres Umsatzes gefördert bekommen). Das war der Auslöser. Ein zweiter Auslöser war, dass es nicht einmal 100.000 Euro Kredit gibt, weil die Jazztage eine gemeinnützige Gesellschaft ist. Wir bekommen – und das geht vielen Institutionen so – keinen KfW-Kredit, weil wir als Gemeinnützige keinen Gewinn machen dürfen. Wir brauchen auch nicht unbedingt einen Kredit, sondern direkte Zuschüsse, aber mit einem Kredit wären wir wenigstens über die Runden gekommen und müssten auch nicht im September Insolvenz anmelden. Also vielleicht kann man ja als Zombie-Unternehmen noch ein wenig länger dahinvegetieren …

Nun hat die Bundesregierung die Verlängerung des Verbots von Großveranstaltungen bis 31. Oktober beschlossen. Was bedeutet das jetzt für die Jazztage? Planst du jetzt für 2021?

Ohne Hilfe wird es die Jazztage weder 2020 noch 2021 geben. Entweder ist es der Stadt und dem Staat etwas wert – und das fordere ich auch für andere Institutionen – oder eben nicht.

Bei den Stummen Künstlern hast du ja nun auch schon teils hochrangige Politiker auf die Bühne gebeten. Hat das etwas bewirkt, schiebt es etwas an?

Es schiebt definitiv etwas an und es fördert das Verständnis für die Freien und Selbständigen. So ist es in dem neuen Paket der Landesregierung immerhin ein Fortschritt, dass von 68 Millionen für die Kultur 30 Millionen an die Freien gehen, nur ist das eben wieder begrenzt und nicht einmal im Ansatz ausreichend, um viele Unternehmen in Sachsen vor dem Ruin zu bewahren. Wie brisant es wirklich für die Freien im Verhältnis zu den Hochsubventionierten ist, das merkt man in den Gesprächen mit den Kulturpolitikern, dass das bei ihnen noch nicht angekommen ist. Trotzdem ist bei den Politikern die Bereitschaft da zuzuhören, und das hat sicherlich bewirkt, dass wir nun etwas mehr Hilfe bekommen.

Ich erwarte eigentlich von einer Kulturministerin, egal ob auf Land- oder Bundesebene, dass sie klar formuliert, was die Hilfe sein muss, und nicht, dass man uns noch erklärt, warum wir von 6 Milliarden für die Kultur und den Tourismus nur 68 Millionen kriegen. Das kann nicht sein. Es kommt mir manchmal so vor, dass ein jeder in Verantwortung stehender Politiker betont, wie sehr ihm oder ihr die Kultur am Herzen liegt, und das nehme ich auch jeder und jedem ab, aber das klingt am Ende für mich wie eine anteilnehmende Beileidsbekundung zum Tod der Branche.

Was müsste die Politik deiner Meinung nach reagieren, um dieses offensichtliche Defizit zu beheben?

Die Politik müsste individuelle Maßnahmen abfragen, welches Unternehmen wie viel Geld benötigt, um zu überleben. Das muss nachprüfbar sein, ganz klar dargelegt, mit allen Einsparpotenzialen, die man selbst noch hat, um einfach die Kulturinstitutionen über diese Zeit zu retten. Sodass man bis dahin überleben und frohen Mutes daran arbeiten kann, fürs nächste Jahr Konzerte und Veranstaltungen zu planen.

Was ist denn mit dem Projekt Kulturinseln beabsichtigt?

Das sind 12 Bühnen in der Innenstadt, vom Goldenen Reiter bis zum Hauptbahnhof, die donnerstags bis samstags im Stundentakt mit Kurzkonzerten, Performances und Tanz von Dresdner Künstlern für Touristen und Einheimische bespielt werden. Damit sollen zusätzlich auch Tages- und Wochenendtouristen angezogen werden, indem ihnen hervorragende Darbietungen von Dresdner Künstlern und Institutionen und der freien Szene geboten werden.

Nun sind ja die 500.000 Euro für die »Kulturinseln, die du mit ins Leben gerufen hast, um weitere 500.000 Euro für das Projekt »Kunst trotzt Corona« auf 1 Million aufgestockt worden. Wie bewertest du diese Entscheidung des Dresdner Stadtrates?

Eine gute Sache. Vielleicht konnte ich mit all den Interviews, auf den Stumme Künstler-Demos, im Kulturausschuss und in den persönlichen Gesprächen mit den Politikern, wo ich die eine symbolische Million vor der Sommerpause gefordert hatte, mithelfen. Wenn es einen Teil dazu beigetragen hat, dann bin ich glücklich. Ab 1. Juli kann man sich für die Kulturinseln bewerben.

Wo steht dann die Kultur, wenn die Krise vorbei ist?

Das ist die große Frage: Wollen wir den Amazon- und Netflix-Effekt und es wird nur noch auf ein paar Große verteilt sein? Wollen wir Streamingdienste nutzen und nur noch auf ein paar wenige Konzerte gehen sowie die hochsubventionierte Kultur erleben, oder wollen wir die ganze Vielfalt der kleinen bis großen Veranstalter, ob subventioniert oder nicht subventioniert, erhalten? Da sehe ich eigentlich nur eine Chance, wenn man endlich die Leistung der freien Kreativ- und Kulturwirtschaft anerkennt und dort ähnlich wie bei freien Schulen oder Privatkrankenhäusern eine adäquate prozentuale Förderung zukommen lässt, ihnen alle Freiheiten lässt und sie nicht politisch zu beeinflussen sucht. Das wird ein langer Kampf werden, so wie das bei den Freien Schulen, ob Waldorf oder Montessori, ja auch gewesen ist. Wir brauchen einen Verteilerschlüssel für die Veranstaltungsbranche, damit wir wieder handlungsfähig sind. Denn man kann nicht endlos an der Preisschraube drehen. Dort muss Solidarität und Fairness walten. Entweder gehen wir gestärkt aus der Krise, oder die Vielfalt der Branche wird sterben.

Neue Allgemeinverfügung in Sachsen ab 27. Juni

Im Freistaat Sachsen gelten weiterhin Kontaktbeschränkungen, Abstandsgebot von 1,50 Meter zwischen Personen im öffentlichen Raum sowie die Pflicht zur Mund-Nase-Bedeckung bei der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel, von Reisebussen und Fahrdiensten sowie im Einzelhandel. Darüber hat sich das Kabinett am 23. Juni verständigt. Die neue Corona-Schutz-Verordnung enthält einige moderate Lockerungen. So sind ab 27. Juni Familienfeiern außerhalb des privaten Bereichs z.B. in Gaststätten mit bis zu 100 Personen zugelassen. Öffnen dürfen zudem Musikclubs mit genehmigtem Hygienekonzept, aber ohne Tanz. Alle anderen Vorschriften der bis 26. Juni 2020 geltenden Corona-Schutz-Verordnung bleiben gültig.

Die Verordnung im Wortlaut:

»Für mich die schönsten stressfreien Monate der letzten zehn Jahre«

Thomas Jurisch (Moderator, Veranstalter und Slam-Comedian) – befragt von Karsten Hoffmann

Thomas Jurisch

Wie hat dich die Corona-Krise getroffen?

Ich habe durch den Verlust meiner Shows, Moderationen und anderweitigen Aufträge natürlich Einbußen gehabt. Doch es hielt sich in Grenzen. Der schnelle Weg durch die staatlichen Hilfen, da muss ich gestehen, dass mir das herzlich am Hintern vorbei ging. Es geht um Geld. Mehr nicht. Dass sich die Beschränkungen irgendwann wieder lockern würden, war mir klar. Ergo habe ich die letzten drei Monate mehr als genossen. Niemand, der nervte, keine Ahnung wie es weiter gehen sollte und jeden Tag mit Sport, Kind und Natur verbracht. Die schönsten stressfreien Monate der letzten zehn Jahre.

Was hast du denn unterdessen unternommen? Gab es für dich einen Notfallplan?

Ich hatte und habe keinen Notfallplan. Warum auch? Wir leben in Deutschland. Dieses Land steht für seine Menschen ein. Wenn du in Not kommst, dann hilft dir der Staat finanziell in vielen Belangen. Dafür muss man zwar oft die Hosen runter lassen, aber dann läuft es ohne Probleme. Ich habe die Zeit entspannt meine zukünftigen Shows und Projekte umzusetzen und zu schauen, was sich ergibt.

Hattest du unter Corona-Bedingungen schon Auftritte? Wenn ja, wie reagierte das Publikum darauf?

Seit Juni können wir wieder zaghafte Schritte mit bis zu 240 Zuschauern machen. Das lässt hoffen und auch entspannt in die Zukunft sehen. Ab Juli 950 Gäste bei den Filmnächten und viele diverse kleine andere Shows füllen den Terminplaner und zeigen, dass man auch mit kleinen Sachen Geld verdienen kann und vor allem, wer sich um seine Gäste und Künstler kümmert. Das derzeitige Gejammer an allen Ecken nervt mich wirklich an, denn statt kleine kontinuierliche Brötchen zu backen, wollen alle nur große Shows, um abzusahnen. Das war und ist nie meine Philosophie gewesen.

Welchen Wunsch hättest Du an die Politik?

Ehrlich? Keinen! Auch wenn die Bundesregierung in vielen Punkten vielleicht überreagiert hat, hätte ich nicht in ihrer Haut stecken wollen. Sie haben zwar einige Branchen an den Rand des Ruins gebracht, aber lieber so, als Tausende von Toten. Und es hätte jeden von uns treffen können. Meinem Sohn zu erzählen, dass der Papa sterben wird, weil er unter die Risikopatienten fiel oder gar mein Kind verlieren, des Leichtsinnes wegen, ist für mich undenkbar. Wir haben alle die Chance auf Grundversorgung. Das hilft für kommende Monate und einem zaghaften Neubeginn. Ich liebe derzeit diese Situation. Endlich mal wieder alles auf Null fahren und sich dessen bewusst werden, was man wirklich will.