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Sind Sie glücklich? – Die Bühne warnt mit »Verfahrenheit > A Man’s World« vor den Gefahren des Vergessens


07. Mai 2022 – Es ist als ein Zeichen der Zeit zu lesen: Da entschuldigt sich das Team der neuen Produktion an der Bühne, dass in »Verfahrenheit > A Man’s World« nur männliche Darsteller vorkommen. Interesse von seitens weiblicher Beteiligter hätte sich nicht ergeben. Und es sei ja überhaupt so, dass in der Vorlage die eine stirbt und die andere davon läuft. Das passt aber eben tatsächlich. Ray Bradburys dystopische Welt in »Fahrenheit 451« aus dem Jahr 1953 ist eine vom männlichen Prinzip der Kontrolle dominierte. Das böseste und gefährlichste aller Güter sind Bücher, also Wissen und damit Erinnern und damit verbundenes selbstständiges, unabhängiges Denken. Diese Machwerke des Bösen werden allesamt verbrannt, von einer Wehr, die eben Feuer legt, statt es zu löschen. Eigentlich ist es nicht Teil des Programms, dass dabei auch Menschen zu Schaden kommen. Schlussendlich in Kauf genommen wird es aber dann doch.


Unter der Regie von Nora Otte agieren hier zwei junge Darsteller der Bühne gemeinsam mit zwei älteren von der Bürgerbühne. U30 meets Ü70. Dieses Aufeinandertreffen der Generationen wird inhaltlich allerdings nicht aufgegriffen. Zwar ist es Günter Kramm, der als Vertreter derer, die eine ganz andere Vergangenheit (im Stück) noch erlebt haben, hier den passiv Rebellierenden gibt, der bereitwillig gemeinsam mit seinen Büchern untergeht. Mehr als bloßes Symbol ist das aber nicht. Zwar stehen die Älteren für das lebendige Trägertum des Wissens, und der junge Guy Montag (Valentin Günther) ist der ins Zweifeln geratende »Feuerwehrmann«, der dem verbotenen Sog der Bücher erliegt. Eine Reibefläche zwischen den Generationen entsteht dabei allerdings nicht. Alles bleibt Bild.


Die Inszenierung hat das Geschehen ins Jahr 2092 verlegt, in dem massive globale Wetterextreme zwischen Starkniederschlägen und Trockenheit weitreichende Migrationsbewegungen verursacht haben. In der Folge ist alles zusammengeschnürt auf Funktionalität. Frauen leben getrennt von den Männern, haben nichts als ihre Gebärfähigkeit. Als Mann vegetiert man in einem Zehn-Stunden-Arbeitstag dahin und hat als Begleiterin eine Avatarin, die ihrerseits auch nichts weiter als eine Kontrollinstanz ist. In farblos grauen Kostümen gestaltet sich das, was von einem Leben noch übrig geblieben ist, genau so schal. Bis Guy Montag eines Tages über ein Buch und darin über die Frage »Sind Sie glücklich?« stolpert und damit das Schlimmste in Gang setzt: Er beginnt zu denken.


Einen wirklichen Ausweg aus der Dystopie hat Ray Bradbury nicht gesetzt. Seine in den Wäldern lebenden Widerständler, die das Wissen zu bewahren versuchen, indem sie Bücher auswendig gelernt haben und sie erzählerisch weitergeben, ist keine wirkliche Lösung. Die Inszenierung wählt den Schritt, die Geschichte um Guy Montag vor ihrem Ende einfach abzubrechen. Sie entpuppt sich eben genau als das, was sie ist: eine Geschichte. Eine Geschichte, die selbst nur aufgezeichnet ist, digital, und die sich, in Analogie zur Zerstörung der Bücher, schließlich selbst löscht. Da heißt es dann »An dieser Stelle wollten wir eine Utopie bringen. Uns ist aber keine eingefallen.« Wäre ja auch zu schön gewesen. Diese ruhige Warnung vor unserer eigenen Selbstauslöschung funktioniert aber auch so.

Rico Stehfest / Fotos: Maximilian Helm

nächste Vorstellungen: 7., 8. Mai, 17.-19. Juni der Bühne, jeweils 20.15 Uhr.



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