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Respektloser Virtuose im Bademantel brachte Kulti zum Beben
Chilly Gonzales (Foto: Alexandre Isard) schlurfte im grauschwarzen Pyjama grußlos am Abend des 31. Mai 2019 auf Einladung der Dresdner Musikfestspiele auf die Bühne und zunächst nahmen wohl nicht eben wenige im vollbesetzten Saal des Kulturpalastes an, dass es sich wohl irgendwie um ein ganz normales Konzert eines Konzertpianisten handeln würde. Doch dem war nicht so. Was klassisch mit Auszügen aus seinen drei Solo-Piano-Alben am Bechstein-Flügel begann, wuchs sich zunehmend zu einem Galopp durch die Musikgeschichte und -gegenwart aus. »Warum muss man sich entscheiden, ob man Entertainer oder Künstler sein will? Ich bin beides.«, sagt der in Kanada geborene und in Köln lebende Pianist und Komponist von sich selbst. Inspiration bezieht Gonzales aus Jazz, Klassik, Pop, Rap, Elektronik und vielem anderen mehr, doch letzten Endes ist seine Musik von der ihm eigenen Exzentrik, seinem mitunter sarkastischen, aber immer augenzwinkerndem Humor und seinem Ideenreichtum geprägt. Der Weltrekordhalter für das längste Konzert (27 Stunden) genießt Kultstatus und hat mit den Alben »Solo Piano« oder »Chamber« Welterfolge vorgelegt – immer im Bademantel.

Das Publikum im Kulti lauschte zunächst andächtig dem klassischen Teil seines Programms. Als die englische Cellistin Stella La Page die Bühne betrat, wurde nicht nur der Unterschied zwischen einem Anschlag am Piano und einem expressiven Celloton anschaulich erläutert, sondern auch, wie gut die beiden harmonieren. Nun ging es Schlag auf Schlag. Joe Flory setzte sich hinters Schlagwerk und Gonzo rappte zu Motiven aus Tschaikowskis Nussknacker-Suite und rockte den Saal. Der Applaus entsprach jedoch nicht den Vorstellungen des einstigen Berliner König des Undergrounds, und so forderte er das aufmerksame Publikum auf, ihm, also dem Künstler, etwas zurückzugeben. Schließlich habe er ja auch etwas investiert. Und siehe da, es wurde mitgeschnippt, der Chorus zum Lagerfeuer-Blues gelang und am Ende wollten die Dresdner Chilly Gonzales und seine musikalischen Gäste, zu denen noch Malakoff Kowalski, der Pianist und Sänger mit der Prinz-Heinrich-Mütze gehörte, nicht mehr von der Bühne lassen. Es bebte der Kulti und zwar so, wie schon lange nicht mehr. Die Zugaben waren länger als der zweite Teil seines Programms und als er dann noch eine »Coverversion« von John Cages berühmtestem Stück »4:33« gab, wurde auch noch den Letzten im Saal klar, dass es verdammt schwer sein kann, Stille auszuhalten – und es eines großartigen Musikers und Entertainers bedarf, um diese zu einem Erlebnis zu machen. Gerne wieder, Chilly Gonzales! Beim nächsten Mal aber die Dresdner bitte nicht solange warten lassen. Heinz K.




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