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Kein Ort der Utopie – Die Freispieler locken in die »Zone 13«


16. Dezember 2018 – Zensur und Meinungsdiktatur, das war in der UdSSR zu einer bestimmten Zeit Alltag. Und heute? In unserem Land? Undenkbar? Wirklich? Auf der Basis zweier Romane der Brüder Strugazki, Texten von Stanislaw Lem und den Verfilmungen von Tarkowskis »Stalker« und »Solaris« fächern die Freispieler hier wieder ein gewohnt komplexes Themenfeld zwischen Manipulation, Freiheit, Sehnsucht, Ideal und Unmöglichkeiten auf.

Unter der entspannten Regie von Christiane Guhr und der klugen Dramaturgie von Stephan Zwerenz wird der Zuschauer aber überhaupt nicht mit intellektuellem Ballast überfrachtet. Ganz im Gegenteil. Die Skurrilität des Erzählten bietet ausreichend Raum für Witz: »Ich hab‘ mit dem Schreiben aufgehört, als ich zehn war. Viel zu gefährlich!« Zwei Schriftsteller, die eben tatsächlich trotz allem noch schreiben, hocken bierselig auf der Couch und lassen die Köpfe rauchen. Paul Förster als Valja und David Lorenz als Dima sind hier schon allein optisch reizvoll besetzt: endlos schlaksig der Eine, der mit seinen Armen das gesamte Geschehen zu umfassen in der Lage ist und es auch tut, klein, rundbebrillt und mit speckigen, langen Haaren der Andere.


Was ihren kreativen Köpfen entsteigt, wird auf der anderen Bühnenhälfte szenisch dargestellt. Dort in der Zone, deren Beginn am Rand eines unscheinbaren Dorfes liegt, dort, wo die Hexensülze brennt, führt Stalker (Tom Geigenmüller) als verschlossener »lonesome cowboy« in dreckigen Stiefeln »den Professor« (Hannes Emmerich) und »den Schriftsteller« (William Kern) sicher über durch die gefährlichen, unkontrollierbaren Wege. Stalkers offizielles Motiv, immer wieder in die Zone zurückzukehren ist angeblich das Zimmer, das alle Wünsche erfüllt. Die Wahrheit besteht aber darin, dass er in der Zone, die ein Ort ohne Logik und ohne scheinbare Regeln ist, seine verstorbene Frau Elena (Rosa Klug) wiedersehen kann. Deshalb kennt er sich auch so gut aus an diesem Ort, der zwar als Parallelentwurf für ein Ideal gesehen werden kann, schlussendlich aber für Nichts steht oder für Alles. »Sie ist, was sie ist«. Sie ist der stillste Ort der Welt.

Auf der Couch werden so manche Nächte durchgezecht, der Schnaps fließt ordentlich, Filmrisse inklusive. Und trotzdem bleibt alles ein Drahtseilakt: »Jeder, der hier denkt, ist gefährlich«, lautet eine Warnung an sich selbst. In diesem Wanken zwischen Utopie und Dystopie steht Irka ruhig und sicher und erdet als Korrektiv mit weiblicher Intuition die beiden Idealisten immer wieder.

Was aber, wenn die Besucher der Zone schließlich das Zimmer erreichen, das alle Wünsche erfüllt? Was genau wird sich jeder wünschen? Die Frage kann doppelt gestellt werden, sagt doch die Entscheidung etwas über die Figuren in der Zone und zum anderen über ihre Erschaffer, die beiden Intellektuellen auf der Couch aus. Wofür entscheiden die sich? Dima formuliert es ganz deutlich: »Ich scheiß auf Helden! Ich will kein Held sein. Ich will, dass die mich in Ruhe lassen«. Das führt zu einem fast zwingend logischen Ergebnis.


Die Freispieler beschäftigen sich in ihren Inszenierungen immer wieder gern mit intellektuellen Reflexionen, die verschachtelte Denkansätze goutierbar machen, ohne nach einfachen Antworten zu greifen. Das ist äußerst lohnenswert. Denn da sieht man mal wieder, wie selbst denken schön macht.

Rico Stehfest / Fotos: Richard Moor

nächste Vorstellungen: 30./31. Januar, 12./13. Februar und 27./28. März im projekttheater



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