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Hart an der Grenze – Meg Stuart provoziert in Hellerau mit »Until Our Hearts Stop«


09. März 2019 – Wie weit können wir aufeinander zugehen, wenn wir uns begegnen wollen? Wo liegen Grenzen und wie sehen diese aus? Weit, sehr weit in den Bereich des Intimen wagt sich diese Performance von Meg Stuart/Damaged Goods, deren Altersempfehlung mit 16 Jahren durchaus sinnvoll angesetzt ist. Selten wird der nackte menschliche Körper so frei von Scham auf einer Bühne eingesetzt. Mit den Arbeiten des Kanadiers Dave St. Pierre lässt sich das trotzdem nicht vergleichen. Die für ihn so berüchtigte, geradezu brachial tiefgreifende Emotionalität spielt hier so offenbar gar keine Rolle.

Was in dem durch eingezogene Wandvertäfelungen verkleinerten und sehr wohnlich wirkenden Saal des Festspielhauses Hellerau so ganz harmlos mit zarten, atmosphärischen Klängen und sanfter, vorsichtiger Annäherung beginnt, strahlt den gechillten Charakter einer KüfA aus. Junge Menschen, ganz beieinander, lernen sich kennen, kommen einander näher. Diese Positionssuche findet aneinander und aufeinander statt. Alle gemeinsam. Und alles so schön friedlich und unpolitisch. Diese Besonderheit in der Atmosphäre ist auffällig.

Die körperlichen Begegnungen der Performer werden so weit vorangetrieben, dass die Frage entsteht, was körperlicher Kontakt kann oder soll, wenn er nicht von sexuellem Begehren begleitet wird. Einzelne Performer sind immer wieder nackt; das gegenseitige Beschnüffeln mag manchem Zuschauer direkt zu nah an der Grenze zum Pornografischen balancieren. Was geschieht, wenn diese Intimitäten auf einer Bühne ausgestellt werden? Immer wieder sind vereinzelte Lacher im Publikum zu hören, nicht in jedem Moment ist der Grund dafür kindlich albernes Miteinander der bloßen Körper. Da wird, ganz individuell, mit Sicherheit mancher Rahmen des Vorstellbaren gesprengt.

Der Begriff der Freiheit bietet sich als eine mögliche Assoziation dessen an, was die Performer miteinander erleben, wenn sie sich gegenseitig schlagen oder die Finger in Körperöffnungen stecken, die für gewöhnlich nicht jedem zugänglich gemacht werden. Oder wenigstens nicht, wenn jemand dabei zuschaut.
Darunter mischt sich allerdings immer wieder (nicht nur männliche) Aggression, die, eben gänzlich befreit von Sexualität, reine körperliche Gewalt bleibt. Der Akt als solcher ist nicht zielgerichtet. Genau dieses Ausbleiben einer konkreten Richtung macht auch die Dramaturgie dieser Arbeit aus, die im Verlauf von zwei Stunden dem Publikum viel Geduld abverlangt.

Nach etwa einer Stunde erfolgt so etwas wie eine Pause. Die Performer interagieren dann, komplett aus ihren Rollen fallend, individuell mit einzelnen Zuschauern. Ein Mann aus dem Publikum darf gemeinsam mit dem Bassisten eine rauchen. Anlässlich des Internationalen Frauentages wurden einige Damen im Publikum individuell mit Namen gefeiert; mit einem Mal sangen alle im Publikum wie die Schafe »Happy Birthday«, obwohl niemand Geburtstag hatte. Was vorher provokanten Reiz aufwies, wird ab hier beliebig.

Diesen Moment sollte man deshalb für einen geräuschlosen Abgang nutzen, denn was danach folgt, sind nur noch leichte Variationen des bisher Gesehenen, dramaturgische Beliebigkeit, Klamauk und Trash. Für die Performer wirkt das wie eine gut durchwachsene Gruppentherapie. Für das Publikum ist es eine Geduldsprobe.

Rico Stehfest / Foto: Iris Janke

Nächste Vorstellung: »Until Our Hearts Stop« am 9. März im Festspielhaus Hellerau, 20.30 Uhr



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