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Fragen über Fragenkatalog: Hila Ruach am 6. November im Alten Wettbüro
Wer bin ich? Wer sind die anderen? Wer sind wir? Was verbindet uns? Mit diesem Fragenkatalog im Gepäck waren Besucherinnen und Besucher der jüdischen Konzert- und Theaterwoche Dresden, die nun zum 23. Mal in der Landeshauptstadt stattfindet, angehalten nachzuspüren, was »jüdisch sein« bedeutet und in welchen Dimensionen ein Zusammenleben gedacht werden muss. Dass es keine einfache Antwort auf diese Frage geben kann, ist von vornherein klar. Vielmehr soll es darum gehen, sich dem vermeintlich Fremden anzunähern (was bei einer 2.000 Jahre währenden jüdisch-europäischen Kultur beinahe paradox wirkt). Am Dienstag Abend trat nun eine junge Frau aus Israel mit ihrer Band auf die Bühne des alten Wettbüros, die in ihrer Heimat mit ihrem Projekt Hila Ruach bereits seit längerem für Furore sorgt. Als »Indie-Queen« oder gar »Israels Alternative-Darling«, wie das Wettbüro sie bewarb, wird sie hochgehalten. 2015 gelang der Band mit ihrem Album »Rofa’a Bama’arav« der Durchbruch. Seither gibt Hila Ruach in Sachen Indie/Alternative auf sämtlichen Kanälen den Ton an. Bislang konnte die Band allerdings noch nicht nachhaltig Fuß fassen auf internationalem Pakett, was sich nach ihrem ersten internationalen Single-Release dieses Jahr jedoch ändern soll.

Drei junge bis mitteljunge Männer, allesamt lässig bis sehr lässig gekleidet, umgeben die Gallionsfigur im Zentrum, die nicht nur wegen ihrer hellblond gefärbten Haare auffällt. Die Sängerin, die gleichzeitig für die Bedienung des Basses zuständig ist, versteht es, die Konzentration auf sich zu lenken, ohne die Band überflüssig erscheinen zu lassen. Einerseits ist da ihre Stimme, die einem so seltsam vertraut erscheint, obwohl ihre Texte nahezu vollständig auf hebräisch verfasst sind. Dennoch fällt einem das Gefühl anheim, man wisse genau, worüber sie gerade sing-säuselt. Wenn Hila Ruach voll charismatischer Spannung ins Publikum oder auf ihre Liderinneseiten blickt, kann man gar nicht anders, als naiv alles brav hinzunehmen, was sie einem auftischt. Die Musikstücke, die selten länger als vier Minuten gehen, changieren zwischen punkigem Gewuchte, wofür nicht zuletzt der Drummer verantwortlich ist (der von der Technik etwas mehr Licht hätte vertragen können), nuancierten psychedelischen Gitarren, noisig-ausufernden Dissonanzen, und intimeren Momenten, wie ihre reine Bassinterpretation von Daniel Johnstons »Love will find you in the end«, wofür sich der Rest der Band kurzzeitig versucht hat, andächtig unsichtbar zu machen. Anton Newcombe sollte schleunigst Wind bekommen von dieser Band.

Letztlich drängt sich einem bei diesem Konzert die Frage auf, was hier eigentlich »fremd« sein soll. Sicherlich thematisiert die Band mit ironischer Distanz auch ihre Heimat Israel, aber Hila Ruach kam nicht drum herum, sich merklich irritiert, aber immerhin humorvoll darüber zu wundern, warum eine Band einzig wegen ihrer hebräischen Sprache im Rahmen einer jüdischen Woche gebucht wird. Die Frage, was typisch jüdisch ist, konnte dieses Konzert nicht beantworten. Wohl aber einen Fingerzeig geben, was uns unterscheidet. Denn entweder war diese Band vielleicht in diesem Rahmen fehlplatziert, oder genau richtig, um zu zeigen wie fließend die Grenzen sein können. Fernab jeder poltischen Dimension ist Hila Ruach herzlichst aufgefordert, Dresden wieder zu besuchen.
Anton Schroeder




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