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Der eiskalte Ästhet – Die Dresden Frankfurt Dance Company beweist mit Jacopo Godanis »Ultimatum« erneut ihre Klasse

29. März 2019 – Darauf ist Verlass. Er gräbt weiter, immer weiter ins Innere des Menschen. Er zieht ihnen gar die Haut ab, legt das Herz bloß, um herauszufinden, was den Menschen ausmacht, was den Menschen überhaupt erst zum Menschen macht. Die choreografischen Arbeiten von Jacopo Godani sind eine stete Ausleuchtung der zivilisatorischen Vorstufe des Menschen, dem Tier im Menschen, dem Fremden, dem Wesen ohne Sprache.

In seiner neuen, dreiteiligen Choreografie »Ultimatum« lässt er im Festspielhaus Hellerau zunächst zwei Tänzerinnen und zwei Tänzer in einer Mischung aus Nonnen-Habit und strengem Harness auftreten. Die exaltierten Bögen sind noch da, aber hier zeigt sich ein mittlerweile weiter abgeschliffenes, raueres Vokabular. Auf Spitze zeigt sich an diesem Abend niemand. Egal, ob das eine generelle Tendenz Godanis ist: Er bewegt sich hier ein weiteres Stück weg von seiner Ballettsprache, weiter hin zu Formen des zeitgenössischen Tanzes. Diese Sprache ist weniger artizifiell.

Hier ist alles wie ein schlechter Traum, die Klanglandschaft von 48nord flüstert, stöhnt und klappert. Rote Gesichter, wie bloßgelegtes Fleisch, sitzen auf Körpern, deren Haut fehlt und die Muskulatur sichtbar werden lässt. Diese Kostüme tragen die Tänzer allerdings verkehrt herum. Staksige Wesen ohne Arme, ein bedrohliches Bild, das an den Computerspielklassiker (und dessen Verfilmung) »Silent Hill« erinnert. Diese Bedrohung hat keinen Namen. Es sind Kreaturen, die sich langsam häuten und Schritt für Schritt in Richtung Menschwerdung stolpern.

Wenn sich langsam aber unaufhaltsam die einzelnen Bahnen des Tanzbodens lösen, meint man im Publikum, Zeuge zu werden, wie der Abend unausweichlich auf eine Katastrophe zusteuert. Unfälle scheinen vorprogrammiert. Bis deutlich wird, dass Godani seine Tänzer auch diese »Haut« abziehen lässt und mit den großen Bahnen ein ästhetisches Spiel beginnen lässt. Genau in diesem Spiel, wenn sich der Abend dem Ende zuneigt, zieht das Tempo deutlich an, was mit einer Steigerung in der Präzision der Bewegungen einherzugehen scheint. Das überzeugt.

Und wieder zeigt sich, wie effektvoll Godani Licht, Bühne und Kostüme ineinander zu verschränken versteht, wenn immer wieder trotz offenbaren Lichts auf offener Bühne Bereiche entstehen, die den einzelnen Tänzer nur in Teilen sichtbar sein lässt. Das ist ein ästhetischer Hochgenuss.

Rico Stehfest / Fotos: Dominik Mentzos

nächste Vorstellungen im Festspielhaus Hellerau: 29. und 31. März, 2.-4. April



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