Logo DRESDNER

Hinweis in eigener Sache.

Aufgrund der Allgemeinverordnung zur Eindämmung der Ausbreitung des Corona-Virus sind in Sachsen ab 15. Mai wieder Veranstaltungen möglich. Theater, Musiktheater, Kinos, Konzerthäuser, Konzertveranstaltungsorte und Opernhäuser dürfen wieder öffnen, sofern ein behördlich genehmigtes Hygienekonzept vorliegt. Angebote in Literaturhäusern, Kleinkunst-Spielstätten, Soziokultur und Gästeführungen sind ebenso möglich. Größere Veranstaltungen bleiben bis auf weiteres ausgesetzt, Clubs, Bars und Diskotheken vorerst geschlossen.

Für die veranstaltungsarme Zeit möchten wir unsere Leserinnen und Leser über Online-Alternativen, Kulturmeinungen und kreative Initiativen informieren und auf dem Laufenden halten: www.dresdner.nu/co19

Also, macht das Beste draus und bleibt gesund!




Aufzeichnungen aus dem Hochsicherheitsgefängnis: Deniz Yücel in der Scheune.

Die Lesung von Deniz Yücel am 1. Dezember 2019 in der Dresdner Scheune war restlos ausverkauft, die Stühle bis ganz nach vorn an die Bühne gestellt. In den hinteren Reihe musste man sich mit Stehplätzen zufrieden geben. Das Publikum wurde an diesem Sonntag auch nicht enttäuscht. Fast zweieinhalb Stunden hat der deutsch-türkische Journalist aus seinem neuen Buch »Agentterrorist. Eine Geschichte über Freiheit und Freundschaft, Demokratie und Nichtsodemokratie« gelesen. Dabei wurde er von Autor und Journalist Michael Bittner vorgestellt und interviewt. Yücel hatte viel zu erzählen, was wahrscheinlich auch Grund dafür war, dass Bittner seine Fragen sehr lang und ausführlich formulierte. Schließlich wäre er sonst gar nicht zum Reden gekommen.

Deniz Yücel ist seit 2015 Türkei-Korrespondent für »Die Welt« tätig. Zuvor hatte er vor allem für die taz geschrieben. Da ihm schon lange Zeit vorher der Ruf des kritischen Journalisten anhaftete, stand er bereits seit Anbeginn seiner Korrespondententätigkeit unter besonderer Beobachtung des Regimes des türkischen Machthabers Recep Tayyip Erdoğan (AKP). Da Yücel auch die türkische Staatsangehörigkeit besaß, war das für ihn nicht gerade ungefährlich, da er dementsprechend auch keine speziellen Sonderrechte genießen konnte.

Er berichtete an diesem Abend anschaulich von einigen teils absurd-amüsanten, teils erschreckenden Momenten, in denen das AKP-Regime seine Macht gegenüber Journalisten in der Türkei zum Ausdruck brachte. Yücel meinte, auf Pressekonferenzen sei man gar nicht mehr daran gewöhnt, dass Journalisten auch kritisch nachfragten. Infolgedessen brach man aufgrund einzelner Fragen von Yücel eine Konferenz ab, eine andere wurde zu einer peinlichen Lachnummer, da sich die zuständigen Minister um Kopf und Kragen redeten. Die Lakaien des Regimes zeigten mit Fingern auf die Beschuldigten, die nach der Veranstaltung von der Anti-Terroreinheit der Regierung verhört wurden.
»Das waren Dinge, mit denen ich gerechnete hatte. Mit dem, was folgte, hatte ich allerdings nicht gerechnet«, sagte Yücel und kam auf den Putschversuch in der Türkei im Juli 2016 zu sprechen. »Plötzlich hatten wir eine Militärjunta. Es waren natürlich dieselben Leute, aber diese hatten plötzlich andere Mittel zur Verfügung.« Das alles berichtete er, als ob er die Geschichte einem guten Freund in der Kneipe erzählte. Allerdings endete die Geschichte eben mit Yücels Verhaftung und Unterbringung im Hochsicherheitsgefängnis Silivri Nr. 9, in dem er auch drei Tage lang gefoltert wurde. Seinen Humor hatte er in dieser Zeit also definitiv nicht verloren.

Neben Gefängniserfahrungen berichtete er auch wie es zu der ungewöhnlichen Verhaftung kam. Die türkische Hackergruppe »RedHack« hatte eine Liste auffälliger Journalisten veröffentlicht, die sie aus dem E-Mail-Verkehr Berat Albayraks, des Schwiegersohns von Erdoğan, herauskopierte. Darauf entdeckte Yücel seinen eigenen Namen. Nachdem er zunächst in die Sommerresidenz des Deutschen Botschafters flüchtete, stellte er sich anschließend selbst der Türkischen Polizei. Er habe keine Lust mehr auf das Versteckspiel gehabt, sagt Yücel. Er konnte sich noch nicht einmal eine Pizza bestellen, das Haus verlassen schon gar nicht. Also ging er zum Polizeipräsidenten von Istanbul, trank mit ihm eine Tasse Tee und ließ sich anschließend in die Arrestzelle führen.

Den aufschlussreichen und spannenden Abend beendete Deniz Yücel überraschend mit einer Entschuldigung. Für das Sonderprojekt »taz ost« wollte er eigentlich regelmäßig aus dem Sächsischen Wahlkampf berichten. Für ihn war es aber nach seinem Gefängnisaufenthalt und der nachfolgenden Arbeit an »Agentterrorist« einfach noch zu früh, um sich darauf einzulassen. Und da merkte man erstmals, dass die Haftzeit nicht spurlos an ihm vorübergegangen war.
Stephan Zwerenz

Weitere Informationen: www.kiwi-verlag.de/buch/deniz-yuecel-agentterrorist-9783462052787



« zurück