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DRESDNER Interviews / O-ton!
Wiener Melange oder: »heiß und kalt und die Rauchwolke, die dazwischen entsteht« – »Ariadna auf Naxos« in der Inszenierung von David Hermann (Foto: Pascal Bünning) an der Semperoper
»Ariadna auf Naxos« in der Inszenierung von David Hermann (Foto: Pascal Bünning) an der Semperoper
■ Eine Oper ist selten genug die Selbstreflektion der Arbeit des Komponisten und des Librettisten. Nicht so bei »Ariadne auf Naxos«. Denn Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal haben Anfang des letzten Jahrhunderts ein Stück verfasst, das alles sein soll: ein Schauspiel und eine Oper, eine tragische opera seria und eine leichtfüßige opera buffo. Dann werden in einem Handlungsstrang auch noch die Kümmernisse des Komponisten und die Ärgernisse mit den Geldgebern aufs Korn genommen, und die Liebesgeschichte darf natürlich auch nicht fehlen. Eine Oper wie der Kaffee, wie er nur in Wien serviert wird: schwarz und stark, ein wenig bitter, verfeinert durch heiße Milch und auch ein wenig honigsüß. David Hermann gibt mit »Ariadne von Naxos« sein Regie-Debüt an der Semperoper, DRESDNER-Herausgeberin Jana Betscher sprach mit ihm über Dualitäten und wie man sie zusammenbringt.

»Ariadne auf Naxos« ist ein Stück im Stück und mit zwei unterschiedlichen Darstellungsformen. Wie bekommt man dies in einen schlüssigen Handlungsverlauf?

David Hermann: Zum einen natürlich durch die Musik. Und durch das Bühnenbild. Im ersten Teil stehen wir kurz vor einer Premiere im Hause des reichsten Mannes von Wien und der Protagonist ist der Komponist, der unglaublich darunter leidet, wie alles im Tohuwabohu versinkt. Wir haben für diese Backstage-Szene das Bild eines klassizistischen Ganges mit drei Türen gefunden, die jedesmal, wenn sie sich öffnen, eine weitere Überraschung zeigen. Obwohl es das Stilmittel der Tür-auf-Tür-zu-Komödie ist, ist nichts daran boulevardesk. Mit den Türen lässt sich die tiefe wie auch derbe Komik, wie wir sie auch aus dem »Rosenkavalier« kennen, virtuos mit einer zeitgemäßen Theatersprache bedienen und auf den zweiten Teil hinweisen...

In dem Ariadne und Zerbinetta aufeinander treffen, weil der Mäzen verfügt hat, dass eine Tragödie und eine Komödie gleichzeitig aufgeführt werden sollen...?

David Hermann: Jetzt gehen wir von der Komödie in die Theaterästhetik einer klassischen Oper: sehr tragisch und voller Leidenschaft. Die Bühne der Ariadne ist die Essenz einer griechischen Tragödie, dunkel, erdig, verlassen, fast schon verkommen. Demgegenüber die Welt der Zerbinetta, die bei uns aus der Leichtigkeit des Rokoko kommt, wie ein dreidimensionales Gemälde von Watteau oder Fragonard. Diese beiden Theatersprachen sind sinnvoll, denn auch die Musik hat unterschiedliche Sprachen. Die von Zerbinetta ist witzig und zugänglich, klingt fast wie die Comedian Harmonists, bei Ariadne ist sie sehr dramatisch und mit Tiefgang. Spannend wird, wie diese beiden Welten sich bekämpfen, die Oberhand gewinnen wollen. Im Idealfall befruchten sie sich zu etwas Drittem.

Stehen die beiden Frauenfiguren als Schablone für einen Typus?

David Hermann: Nein, gerade die Entwicklung der beiden Frauenfiguren finde ich besonders reizvoll. Bei Ariadne haben wir die Verwandtschaft zu Elektra gesucht, also gar nicht leidend und passiv, sondern eine ganz aufgewühlte, hochenergetische, hochsensible, fast schon neurotische Frau.
Dann Zerbinetta, die zunächst etwas oberflächlich im Bild steht, aber im Grunde ganz einsam und verlassen ist und sich nach einer Beziehung mit Tiefe und Stabilität sehnt. Die beiden Frauen stehen auch für zwei Liebesprinzipien: Polygamie und Freiheit der Liebe gegen unabdingbare Treue. Aber es gibt eine Begegnung zwischen den beiden, wo sie sich zuhören und austauschen und es ist faszinierend, wieviele Masken da abgenommen werden. Zerbinetta lebt im Jetzt, Ariadne in der Vergangenheit. Die Eine, die sich nach dem Tod sehnt, die andere, die Angst vor dem Tod hat. Es wird heiß und kalt, wenn diese beiden hochkomplexen Frauencharaktere aufeinandertreffen und damit auch zwei Kunstformen zueinander finden – das ist mein Interesse: das Heiß und Kalt, und die Rauchwolke, die dazwischen entsteht. Und es gibt noch einen Katalysator: Bacchus.

Ein Mann!?

David Hermann: ... am Ende dann doch. Aber es ist schon fast absurd, wie Ariadne und Bacchus aneinander vorbeireden. Bacchus ist für mich ein Mann ohne Eigenschaften, der nicht weiß, wer er ist, gerade Circe entflohen. Und dann Ariadne, die in ihm nur den Todesgott sieht. Erst im Verlaufe versteht er seine göttliche Kraft, die er dann nutzt, um für Ariadne die Welt verwandeln. Doch das gefällt ihr so gut, dass sie lieber bleiben will, als mit ihm mitzugehen. Ein einfaches Happy End wäre mir zu banal, dafür ist der Text zu komplex. Die Musik sagt: es klappt, es klappt, es klappt, und wenn die Regie, ohne die Musik zu zerstören, eine andere Abzweigung nimmt, kann man dies als Zuschauer gut nachvollziehen, und es ist durch Text und Musik auch legitimiert.

Und in das ganze Geschehen haben Strauss und Hofmannsthal auch noch Kritik am Kulturbetrieb reingepackt?

David Hermann: Der ganze erste Teil ist eine sarkastische Beschreibung, was passiert, wenn Mäzene sich alles erlauben können, und wie die Kunst darunter leidet. Dieser enorme Druck, der auf die Figuren ausgeübt wird, ist auf der einen Seite komisch, stimmt aber auch sehr nachdenklich. Diese Mäzene haben dann auch am schönsten Kulminationspunkt einen prominenten Auftritt als Störfaktoren: Sie haben alles bezahlt und können sich scheinbar alles erlauben. Toll, dass Christian Thielemann damit einverstanden ist. Und wir werden ein kleines Ratespiel um diesen »reichsten Mann Wiens« veranstalten: Vor der Aufführung und auch in der Pause gibt es im ersten Rang eine Installation, bei der man einen Eindruck dafür bekommen kann, wer gemeint sein könnte. Und jeder Zuschauer kann etwas mit nach Hause nehmen, vor allem die Erfahrung, dass dies hier kein elitärer Tempel ist, sondern ein offenes, ein durchlässiges Haus.
Vielen Dank für das Gespräch!

»Ariadne auf Naxos« feiert am 2. Dezember seine Premiere an der Semperoper, weitere Aufführungen: 5., 8., 12., 14. Dezember; mehr zum Stück: www.semperoper.de/spielplan/stuecke/stid/ariadne/61272.html#a_26771

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