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DRESDNER Interviews / O-ton!
»Wenn man sich aus dem Fenster lehnt, muss man mit Wind rechnen« – Funny van Dannen (Foto: Jaro Suffner) im Interview
Funny van Dannen (Foto: Jaro Suffner) im Interview
■ Seine Lieder bewegen sich zwischen böser Satire und zarter Poesie aus Allerwelts-Platitüden: Funny van Dannen ist seit den 90ern im Geschäft, aber noch immer ein Quasi-Geheimtipp. Andere Künstler wie etwa die Toten Hosen oder Udo Lindenberg waren mit seinen Songs zum Teil erfolgreicher als er selbst. Mit seinem neuen Album »Alles gut, Motherfucker« gastiert Funny van Dannen am 26. April im Alten Schlachthof. DRESDNER-Autorin Annett Groh sprach vorab mit ihm über das Leben, den Kapitalismus und die Preise.

Romantiker oder Pragmatiker?

Funny van Dannen: Beides.

Haben Sie keine Angst vor Romantik?

Funny van Dannen: Nein, überhaupt nicht. Da bin ich relativ hemmungslos.

Ich frage nur, weil Sie die Romantik in Ihren Liedern immer brechen ... ?

Funny van Dannen: Das liegt am Leben, leider. Die Wege der Liebe sind ja oft schmerzhaft vom Schicksal durchkreuzt, Liebe ohne Schmerz ist selten. Und deshalb ist es nötig, sich da ein bisschen zu wappnen, vielleicht vorsichtig zu sein, bestimmte Dinge nicht zu euphorisch und zu offenherzig zu nehmen.

Ich habe gelesen, dass Sie Ihre Texte immer zuerst in Poesiealben schreiben. Warum?

Funny van Dannen: Das liegt an meinem Faible für Trash. Ich war früher öfter in Läden wie Woolworth, wo es jede Menge Ramsch gab, und eben auch diese Poesiealben, damals für ein paar Mark. Da habe ich angefangen, in diese Alben zu zeichnen und zu schreiben, und seitdem hat sich diese Tradition erhalten. Das mache ich im Grunde immer noch, mittlerweile habe ich vielleicht zwei- oder dreihundert.

Bei welchen Gelegenheiten fallen Ihnen denn Ihre Texte ein – nebenher, oder haben Sie spezielle Arbeitszeiten?

Funny van Dannen: Beides. Manches kommt mir beim Abwaschen in den Sinn, oder beim Einkaufen. Aber es gibt natürlich auch meine festen Arbeitszeiten. Wie Karl Lagerfeld, Gott hab ihn selig, sagte: »Die Ideen kommen beim Machen.« Um mich in Stimmung zu bringen, fange ich an zu zeichnen, und dann kommt oft etwas dabei heraus – aber auch nicht immer. Das muss auch nicht sein, ist nicht so dramatisch.

Beim ersten Hören klingt das neue Album verhaltener als etwa »Herzscheiße« von 2003. Zum anderen gibt es aber auch sehr direkte, politische Ansagen ...?

Funny van Dannen: Das ist ja auch nötig. Viele der Probleme, die es damals schon gab, haben sich heute verschärft. Den ganzen Nazikram habe ich schon auf dem ersten Album ironisch thematisiert (»Gutes Tun – mit Nazis diskutieren«). Man hätte das schon viel früher ächten müssen. Jetzt sitzen solche Leute, die alle Probleme der Gesellschaft auf die Zuwanderung zurückführen, im Bundestag. Die wirklich drängenden Probleme in unserer Gesellschaft werden nicht angepackt.

Diese Wirtschaftsfrage scheint mir auf dem neuen Album völlig herausgefallen zu sein. Haben Sie Ihr Feindbild verloren?

Funny van Dannen: Nein, das Feindbild Kapitalismus ist nach wie vor da. Dass die Wirtschaft funktionieren muss, ist klar. Aber dass menschliche Werte dafür geopfert werden, das ist nicht richtig. Der Kapitalismus hat sicher Vorteile gebracht, aber auf der menschlichen Seite … also, wir haben ja Augen im Kopf und sehen, in was für Zuständen wir leben. Wir sind eines der reichsten Länder der Erde, aber einen wirklich glücklichen Eindruck machen die meisten Leute nicht. Das ist natürlich nicht nur dem Kapitalismus geschuldet, aber ein System, das auf Ellenbogenmentalität und Konkurrenz setzt, bringt das mit sich.

Sind alle Themen für Lieder geeignet?

Funny van Dannen: Grundsätzlich denke ich, ja. Aber ich möchte nicht Menschen verletzen, die es nicht verdient haben. Beim Lied »Schilddrüsenunterfunktion« habe ich auch ein paar negative Kommentare bekommen von Menschen, die tatsächlich eine Schilddrüsenunterfunktion hatten. Ich hatte natürlich nie im Sinn, Leute zu beleidigen, die von dieser Krankheit betroffen sind. Sowas wird manchmal missverstanden, ist aber auch schwer zu vermeiden. Fast immer fühlt sich irgendjemand auf den Schlips getreten. Manchmal gibt es da einfach zu große Empfindlichkeiten, da kann man nichts dagegen machen. Man kann aber auch nichts machen, wenn Leute mutwillig etwas völlig verdrehen. Ich habe auch schon gehört, dass auf Nazidemos mein Lied »Lesbische schwarze Behinderte« gespielt wurde. Das ist traurig, wenn Leute das für ihre Zwecke reklamieren.

Heißt das, dass Sie manche Dinge so nicht mehr sagen, nur weil es auch Rechte sagen können?

Funny van Dannen: Ich setze auf die Intelligenz der Menschen, die es hören und auch richtig verstehen. Fast alles kann umgedreht werden. In einem Lied, das zwei oder drei Minuten dauert, kann man nicht so differenziert vorgehen, dass es nicht auch missbraucht werden könnte. Ein Lied ist kein Essay.

Also haben Sie ein dickes Fell?

Funny van Dannen: Wenn man sich aus dem Fenster lehnt, muss man mit Wind rechnen. Zu allem, was ich sage, kann ein anderer seine Meinung äußern – das ist okay. Manche Leute treffe ich ganz gern. Wenn die sich angegriffen fühlen, dann ist das ganz richtig. Ich bekomme ungern Lob aus der falschen Ecke. Wenn das passiert, dann habe ich was verkehrt gemacht.

Haben Sie das Gefühl, dass Betroffenheit und Beleidigtsein in den letzten Jahren zugenommen haben?

Funny van Dannen: Es kann schon sein, dass durch die sozialen Medien diese Tendenz größer geworden ist, sich selbst allzu wichtig zu nehmen. Ich habe den Eindruck, dass viele Leute ihren Bauchnabel für die ganze Welt halten. Sowas kann ich definitiv nicht leiden.

Hatten Sie wirklich mal eine flache Ratte?

Funny van Dannen: Ich hatte keine flache Ratte, aber ich kannte einen Künstler, Anfang der 80er Jahre, der hatte eine. Die hatte er als Kunstobjekt in einen Kasten gepackt und ausgestellt. Ich weiß nicht, ob er sie auch angemalt hat, aber sie war sehr dunkel.

Ich hab auch schon mal eine gefunden!?

Funny van Dannen: Jaja, die gibt es häufig. Ich habe auch schon öfter welche gesehen, aber ich habe sie nicht mit nach Hause genommen. Aber eigentlich kam die flache Ratte über die Assoziation flat rate, klar …

Sie haben den Weltmusikpreis auf dem TFF Rudolstadt bekommen. War das der einzige Preis, oder gab es noch andere Auszeichnungen?

Funny van Dannen: Ich habe mal irgendeinen Preis in München bekommen, von der Abendzeitung, glaube ich. Einen Stern, für Popmusik oder was weiß ich (lacht). Und dann habe ich mal den Deutschen Kleinkunstpreis in der Sparte Lied abgelehnt, weil ich mit Kabarett nichts zu tun haben möchte. Aber das war es schon, glaube ich. Ich bin nicht mit Preisen überschüttet worden. Ich hätte aber auch noch ein paar mehr Preise abgelehnt, weil ich die ganze Preishuberei nicht leiden kann. Ich lasse mich nicht gerne von Leuten beurteilen, die oft überhaupt keine Ahnung von der Sache haben.

Aber sind Preise für Künstler nicht auch als eine Art Wertschätzung wichtig?

Funny van Dannen: Für mich nicht. Für mich ist Wertschätzung, wenn die Leute in meine Konzerte kommen und Freude haben. Das gibt mir mehr als jeder Preis. Aber, wie gesagt, mir wurden auch nicht so viele verliehen (lacht).
Vielen Dank für das Gespräch!

Funny van Dannen ist am 26. April im Alten Schlachthof zu erleben; mehr zum Künstler: www.funny-van-dannen.de

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