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Verstehen, was dieses Land zerreißt – Interview mit Lukas Rietzschel (Foto: Gerald von Foris) zu seinem Debütroman »Mit der Faust in die Welt schlagen«
Interview mit Lukas Rietzschel  (Foto: Gerald von Foris) zu seinem Debütroman »Mit der Faust in die Welt schlagen«
■ In seinem vielbeachteten Romandebüt erzählt der 1994 in Räckelwitz geborene und heute in Görlitz lebende Autor Lukas Rietzschel über zwei Brüder, ein Dorf in Ostsachsen und eine Wut, die immer größer wird. Für DRESDNER Kulturmagazin hat Tim Preuß den Autor getroffen, dessen Buch sich hochaktuell mit der gesellschaftlichen Realität des Landes auseinandersetzt.

In deinem Romandebüt versuchst du darzustellen, wie es zum rechten Furor der letzten Jahre, zu etwa Heidenau, Clausnitz, zuletzt Chemnitz kommen konnte. Die Handlung ist in der Lausitz angesiedelt, wo du aufgewachsen bist. Wie muss man sich die Ideenfindung, den Recherche- und Schreibprozess vorstellen?

Lukas Rietzschel: Die Ideenfindung begann mit den Ereignissen, die Anfang der 2010er stattfanden und der Sprachlosigkeit bei mir, der Frage: »Warum ist das so, wie konnte das passieren?« Damals habe ich, – ich habe zu der Zeit in Kassel studiert – als ich diese Bilder gesehen habe, Freunde und Bekannte wiedergesehen, Leute aus dem näheren Umfeld, von denen ich wusste, warum sie da sind. Ich konnte also, so viel Unbehagen ich hatte, die Leute verstehen und deren Beweggründe nachvollziehen. Ich habe dann eine Struktur gesucht. Es war mir vor allem wichtig, dass ein gewisser Zeitsprung stattfindet, um eine Leerstelle zu lassen und trotzdem anzudeuten, was passiert ist.

Denkst du, dass die Entwicklung der Figuren auch für Leser, die mit dem geschilderten Milieu nichts Persönliches verbindet, verständlich ist?

Lukas Rietzschel: Ich denke, sie stellen sich die gleiche Frage: »Was ist da eigentlich los?« Darauf gibt es keine befriedigende und abschließende Antwort. Solange ein Interesse da ist, zu verstehen, was eigentlich dieses Land zerreißt, ist dieses Buch doch wichtig und zum richtigen Zeitpunkt erschienen. Aber ich bin genauso gespannt auf die Rezeption, was vor allem die Ostdeutschen, die Sachsen, dazu sagen. Ob das als Position Beziehen gegen rechts oder vielleicht sogar für rechts aufgenommen wird. Der entscheidende Punkt ist eben nicht, noch mal die Wendezeit und deren Umbrüche zu erzählen, sondern die Nachwendezeit. Man kann einen Bruch in der Biografie, ausgelöst durch die Wende, nicht sofort verstehen.

In deinen anderen Texten spielt der Biografiebruch auch eine Rolle. Es sind scheinbar erfolgreich durch die Wende gekommene Menschen, die trotzdem große Probleme haben. Wird das ein Leitmotiv, vielleicht »dein« Thema?

Lukas Rietzschel: Was mich immer interessiert hat, sind der Bruch und der Zusammenfall hinter den Fassaden. Deswegen interessiert mich Görlitz auch so sehr. Ich arbeite mich durchaus an diesem Mittelstand ab und an den Problemen und Ressentiments, die dort herrschen. Mich interessiert, wo kommt es her, wo geht es hin, und warum mündet es in Gewalt und Aggressivität, auch in eine System- oder Staatsabneigung. Wo sind da die Zusammenhänge? Ich tue mich schwer, daraus ein Leitmotiv zu erarbeiten, aber seitdem ich schreibe, interessieren mich genau dieser Landstrich und diese Leute, die dort aufgewachsen sind. Die dort leben und kämpfen und träumen und scheitern.

Es gibt in Deinem Roman kaum eine Figur, die nicht in irgendeiner Weise scheitert. Auffallend ist jedoch, wie die jüngeren Figuren am Biografiebruch der Älteren mitzutragen haben. Du schilderst das sehr respektvoll. Ist eine solche nachvollziehende Betrachtung vielleicht nötig im öffentlichen Diskurs über Sachsen und die ostdeutschen Probleme?

Lukas Rietzschel: Leider ist das »Wir müssen das nachvollziehen können, man muss mit den Leuten reden« zu einer Phrase verkommen. In erster Linie kann ich Literatur nutzen, um ins Subjektive zu gehen, vielleicht auch eine Sprache verwenden, die wehtut, die vielleicht rassistisch ist. Das können Wissenschaft und Journalismus nicht leisten. So nah heran zu gehen, dass man eigentlich Empathie hat, aber dass es weh tut, diese Empathie zu empfinden, die Grenze des Mitgefühls auszuloten.

Der Schluss des Romans, die Flutung der Grundschule, ist durch Resignation gekennzeichnet, zumindest scheint durch die Handlungen der Figuren etwas sehr Resignatives ... ?

Lukas Rietzschel: Ja, und etwas komplett Ablehnendes. Es ist da ganz spannend zu sehen, dass es eine Wut und ablehnende Haltung gegenüber etwas ganz Abstraktem ist. Es ist eben nicht der Flüchtling, der dann attackiert wird, hier zeigt sich die übergeordnete Ebene. Wir lehnen die Migration als Idee ab, wir lehnen den Staat ab, der das unterstützt. Deswegen zerstören wir seine Strukturen, auch wenn daran unsere eigene Vergangenheit haftet. Das schwingt auch in diesem Bild mit: Sie sind alle dort zur Schule gegangen, und die steht leer. Auch, dass die leer steht sorgt dafür, dass sie zu ihrer Haltung kommen. Die Entwicklung des Umfelds ist ganz maßgeblich für die Radikalisierung.

In den jüngsten Ereignissen sieht man viel Machtgebaren bei den Rechten. »Zeigen, wer in der Stadt das Sagen hat« war ja ein Aufruf der ersten Ausschreitungen in Chemnitz. Das spricht eher gegen diese Resignation, man sieht eher eine offene und selbstbewusste Aggressivität ... ?

Lukas Rietzschel: Da hat sich die Resignation gewandelt. Was ich ganz spannend fand, war ein Interview auf der Straße in Chemnitz, in dem jemand sagte: »Ich find' das okay, Nazi zu sein, da steh ich auf der richtigen Seite«. Erinnern wir uns, als der Begriff des besorgten Bürgers eingeführt wurde. Auf einmal dreht sich das, man sagt: »Natürlich bin ich das, weil ich der Einzige bin, der noch für Deutschland kämpft.« Da ist diese Systemablehnung so hoch gekommen, dass man wähnt, sich verteidigen zu müssen.
Und dann gibt es Leute, die sympathisieren mit den Ausländern und dem System, und dann wird das natürlich hinterfragt. Dann wird es aggressiv, denn hier kommt diese letztlich besserwisserische Haltung herein. Vorher war es immer noch die abstrakte Idee, die Befürchtung, und auf einmal ist der Funke da, um zu sagen »Wir haben es euch doch gesagt, seid ihr denn blind?«

Im Text ist Sprache und Sprachlosigkeit ein wichtiges Thema, wenn sich Rassismus, Antisemitismus und Eliten-Hass scheinbar beiläufig zeigen. Das bleibt von den Älteren unkommentiert und wird von den Jüngeren unreflektiert reproduziert. Sehen wir hier die Macht von Sprache im privaten und im öffentlichen Diskurs?

Lukas Rietzschel: Es ist vor allem auffällig, dass es kein Korrektiv gibt, die Eltern nicht eingreifen, wenn ihre Kinder das sagen und es damit nur weiter unterstützen. Gleichzeitig gibt es kein Korrektiv seitens der jüngeren Generation gegenüber den Älteren, dass sie etwa deren Vergangenheit irgendwie aufarbeiten und damit brechen könnte. Da wird Sprache tatsächlich gefährlich, denn durch das Nichtartikulieren geht viel mehr verloren als durch das tatsächliche Überspitzen oder Herunterspielen. Letztlich ist dieses ganze System und Milieu ja sehr karg geschildert, nicht nur in den Dialogen, sondern auch in den Beschreibungen des Zwischenmenschlichen der Figuren.

Du wurdest für Dein Debüt mit Wolfgang Hilbig, Durs Grünbein und Ingo Schulze verglichen. Wie gehst du damit um, schon jetzt in eine solche Reihe gestellt zu werden?

Lukas Rietzschel: Ich sehe mich da nicht. Ich glaube, da geht es eher um den Roman und was er erzählt. Du begibst dich ja mit Texten in eine bestimmte literarische, auch geographische Tradition. In dieser Tradition stehen auch die Texte dieser Autoren, insofern gehört der Text wahrscheinlich dazu. Aber ich als Autor stehe nicht in dieser Reihe, das will ich mir auch nicht anmaßen. Das sind natürlich auch krasse Vorschusslorbeeren, die für den Buchmarkt einfach relevant sind. Jeder Buchdeckel ist mit einem Block gezeichnet von einem anderen Autor, damit man das Buch besser verkaufen kann. Das muss man immer bedenken.

Dein Thema ist zwar nicht singulär, aber in seiner Handlung, vor allem in seiner Behandlung, wenn man sich anschaut, was andere junge Schriftsteller publizieren, mit welchen Texten sie debütieren, doch recht eigenständig. Wie positionierst Du Dich zwischen deinen gleichaltrigen Kollegen?

Lukas Rietzschel: Mir hat, glaube ich, immer ganz gut getan, dass ich nicht auf einer Schreibschule war. Solange ich schreibe – das ist noch nicht mal so lange – habe ich immer schon gemerkt, das ist mein Thema. Dann habe ich wirklich einfach, so blöd es klingt, dieses Thema aufgegriffen und versucht, einen längeren Text draus zu machen. Das der am Ende so einschlägt ist schon krass, damit habe ich natürlich nicht gerechnet. Aber ich bewundere alle die, die ganz energisch an fantasievoller Literatur schreiben, nicht an solcher Milieuliteratur, die Lyriker sind und diese Kunst ganz anders und besser beherrschen als ich. Auch da muss man beachten, dass der Literaturbetrieb und auch der Buchmarkt sich sehr geändert haben, dass man jetzt versucht über vor allem politische Texte auch die Relevanz des Buches hochzuhalten. Dann werden solche Texte wie meiner eben anders behandelt. Das hat aber leider zur Folge, dass viel Literarischeres und Fantastischeres hinten runterkippt. Das ist gemein, aber ich bin da nicht selber für verantwortlich. Am Ende schreibt jeder was er kennt. Vielleicht ist dieses Thema unterrepräsentiert in der Literatur und vielleicht, das ist ein bisschen die Hoffnung, wird jetzt mehr darauf gehört, was aus den Randbereichen kommt und nicht nur auf Texte aus den urbanen, kreativen Zentren. Das ist letztlich, wo deutsche Literatur auch hingehört.
Vielen Dank für das Gespräch!

Lukas Rietzschel: »Mit der Faust in die Welt schlagen«, Ullstein 2018, 320 Seiten, ISBN-139783550050664, 20 Euro. Mehr zum Autor: http://lukasrietzschel.de/

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