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DRESDNER Interviews / O-ton!
Schau mal, ist das Karies? – Helge Schneider im Interview
Helge Schneider im Interview
■ Der Sänger, Multiinstrumentalist und Musikclown aus dem Ruhrpott hat den Lockdown genutzt und quasi im Alleingang ein Doppelalbum eingespielt. Auf »The Last Jazz II: Die Reaktion« wird er lediglich von seinem elfjährigen Sohn Charly am Schlagzeug begleitet. Olaf Neumann traf für DRESDNER Kulturmagazin Helge Schneider am malerischen Ufer der Ruhr zum Interview. Dort hat sich das gefiederte Volk zum Konzert versammelt. Ein entspanntes Gespräch über Kreativität in der Corona-Krise, Wohl und Wehe von Prominenz und Konzertabsagen.

Auf dem Doppelalbum »The Last Jazz II: Die Reaktion« pflegen Sie einen scheuklappenfreien Umgang mit dem Genre. Ist Jazz eine Musik, die, vielleicht mehr noch als Punk, für Freiheit und Revolution steht?

Helge Schneider: Jazzmusik zu machen gehört zu mir wie ein lebendiger Mantel, den ich immer brauche, um gegen das schlechte Wetter der zuständigen Gesellschaften gefeit zu sein. Jazz ist Rückzugsgebiet. Er kann auch im Keller stattfinden, auf einem Schlagzeug, alleine. Sich separieren. Fünf gerade sein lassen. Jazz ist für mich kein Hoheitsgebiet, sondern die Alternative. Eine Gegenkultur. Ich persönlich fühle mich allein dadurch, dass ich Jazz mache, als Außenseiter der Gesellschaft. Bei uns wird dermaßen viel Musik im Radio gespielt, die sich zwar vom Jazz ernährt, aber gar kein Jazz ist. Er wird in letzter Zeit ganz schön vernachlässigt. Es könnte jetzt mal wieder die Zeit der Freiheit in der Musik sein. Das bedeutet ja auch überhaupt Freiheit.

Das Virus ist ein zentrales Freiheitsthema. Befreit oder beschränkt Corona Ihre Kreativität als Künstler?

Helge Schneider: Ich will es mal so ausdrücken: Ohne Corona wäre mir vielleicht wohler, ich habe aber etliches komponiert in dieser Zeit. Was ich vielleicht auch ohne Corona getan hätte. Mit anderen Worten: ich weiß nichts. Ich fühle mich trotz der Einschränkungen frei im Kopf. Merkwürdige Situation.

Hat sich Ihre Art zu komponieren durch den technologischen Fortschritt in den letzten 30 Jahre verändert?

Helge Schneider: Durch den technologischen Fortschritt hat sich bei mir eigentlich gar nichts verändert. Ich benutze schon den Laptop, um beispielsweise Kunst wie Schallplattencover zu machen oder etwas zu verschicken. Aber eigentlich geht auch der andere Weg. Zum Beispiel habe ich meine Musik fast immer analog auf Bändern aufgenommen und bringe diese dann persönlich zum Mastern. Dabei wird eine richtige Schallplatte auf ein Metall geschnitten.

Das Lied »Bluebird flying in the sky« ist der Drossel gewidmet. Erinnert Sie der Gesang dieses Vogels zuweilen an Jazz?

Helge Schneider: Ja, auf jeden Fall. An Vogelgesang jeglicher Art. Der Zaunkönig ist ja Herbie Mann auf 45 abgespielt. Bei mir wohnen ganz viele Gänse, die spielen Tenorsaxofon. Manchmal ist der Buntspecht mit von der Partie und spielt das Schlagzeug. Dann ist alles uptempo.

Ist der Heilige Vater, dem Sie das Lied »Der Pabst« [sic] gewidmet haben, ein Vorbild oder eher eine Reizfigur für Sie?

Helge Schneider: Er ist weder Vorbild noch Reizfigur. Der Papst ist eine Metapher für diejenigen, die Berufe haben, an denen die Öffentlichkeit teilnimmt. Damit meine ich nicht nur den Papst, sondern zum Beispiel einen stadtbekannten Zahnarzt. Wenn der irgendwo hingeht, zum Beispiel ins Eiscafé, setzt sich jemand neben ihn und zeigt ihm seine Zähne. »Schau mal, ist das Karies?«

Und wenn Sie durch Berlin spazieren, werden Sie dann von Passanten gebeten, »Katzeklo« oder das »Möhrchenlied« zu singen?

Helge Schneider: Ich habe nur selten erlebt, dass ich etwas machen soll, außer meinen Ausweis zeigen, ob ich es wirklich bin. Das ist mir tatsächlich schon mal passiert. Wenn man Lustigmann ist, singen die Leute selber »Katzeklo« oder machen irgendwelchen Quatsch. Man wird öfter in der dritten Person angesprochen: »Guck mal, isser das? Das kann sein!«, »Guck mal, Katzeklo«, und dann wird wieder weggeschaut. Ich erlebe selten Situationen, in denen mich das wirklich nervt.

Wenn wieder Konzerte gespielt werden dürfen, wie gehen Sie und Ihre Musiker damit um, die zum Teil eigens aus den USA anreisen müssen?

Helge Schneider: Absagen erfahren wir immer vier Wochen vorher. Ob ein Konzert dann wirklich stattfindet, erfahren wir erst eine Stunde vor dem geplanten Beginn. Letztes Jahr sind wir nach Hanau gefahren und bekamen auf dem Weg einen Anruf: Das Gesundheitsamt hatte entschieden, statt 1.500 nur 100 Zuschauer zuzulassen. Unter diesem Aspekt konnte der Veranstalter das Konzert wirklich nicht mehr schmeißen. Dann lieber abwarten, Tee trinken und sich diese Maske ab und zu aufsetzen.

Werden Sie Ihren Bassisten Ira Coleman wieder einfliegen lassen, falls im Sommer Open-Air-Konzerte möglich sein sollten?

Helge Schneider: Ira würde sofort kommen. Und dann muss ich einfach mal abwarten, ob es möglich ist.

Ira Coleman hat mit Jazzern wie Herbie Hancock, Branford Marsalis, Wayne Shorter und Dee Dee Bridgewater gearbeitet und spielt seit 2009 in der Band von Sting. Wie proben Sie zusammen?

Wir haben ja Skype oder Zoom. Ich werde ihm mal etwas schicken, was ich mit Charly Schneider, unserem Drummer, aufnehme und dann kann er den Bass dazu spielen. Wir brauchen aber nicht viel zu proben. Wenn Ira links vom Flügel steht, sieht er, was ich spiele. Am besten ist aber, er hört das.

Ist Ihr elfjähriger Sohn Charly schon voller Vorfreude?

Helge Schneider: Ja, er langweilt sich ja sonst. Ein Schlagzeuger, der nur ab und zu im Keller spielt, ist leider traurig. Zumal es bei ihm so aussieht, als würde er nur verstärkt in den Schulferien spielen können. Er ist ja erst elf. Wäre er 14 oder 15, könnte man schon eine Welttournee machen. Das geht aber nur, wenn er will. Eine Tournee ist natürlich eine tolle Zeit für ihn. Er lernt da sehr viel.
Vielen Dank!

Helge Schneider: »The Last Jazz II: Die Reaktion« (Broken Silence) erscheint am 16. Juli, am gleichen Abend ist Helge live zu den Filmnächten am Elbufer zu erleben; mehr zu Helge unter www.helge-schneider.de

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