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DRESDNER Interviews / O-ton!
»Musik muss in mir ein Gefühl auslösen« – Im Porträt: Johannes Gerstengarbe (Foto: Reiko Fitzke / rficture.com)
Im Porträt: Johannes Gerstengarbe (Foto: Reiko Fitzke / rficture.com)
■ Ballroom Studios, Ballroom Talk, Ballroom Videos und manches mehr sind äußerst eng verknüpft mit dem auffällig freundlichen Johannes Gerstengarbe. Ein Mann, der die Musikszene aus verschiedenen Blickwinkeln und auch an verschiedenen Orten wahrnimmt und darüber herzlich gerne zu berichten weiß. DRESDNER-Autor René Seim hat das Gespräch mit dem Produzenten und Musiker gesucht.

Laut deiner Homepage hast du im RCA Studio B, dem Elvis Presley Studio gearbeitet, bevor du in Dresden deine Arbeit aufgenommen hast. War Elvis dein Einstieg ins Musikmachen?

Johannes Gerstengarbe: Also mein Einstieg in die Musik war mit sechs Jahren der Blockflötenunterricht und dazu kam dann bald noch der Posaunenchor. Als ich nach ein paar Jahren des Übens und Spielens das Kompliment bekam, dass ich so gut Blockflöte spielen kann, dass ich das doch gleich studieren sollte, stieg ich sofort auf Gitarre um (lacht). Da war ich in der 5. Klasse. Als später meine Oma umziehen musste, und ihr Klavier nicht mitkonnte, bekam ich es, und so begann ich auch noch am Klavier zu improvisieren. Aber Elvis und vor allem mein größerer Bruder, der viel Americana hörte, waren schon auch wichtige Einflüsse, um Musik zu machen und schließlich Gitarre zu spielen. Begeistert war ich von Ry Cooder und seiner Art, Slideguitar zu spielen, sodass ich eigentlich Slidegitarre lernen wollte, aber dann beim Jazzunterricht gelandet bin. Als ich in Dresden Gitarre studierte, absolvierte ich auch ein Austauschjahr in Nashville. Da herrscht ein ganz anderer Zauber … Nicht nur das Studio selbst war toll, sondern die ganze Stadt mit ihren großartigen Musikern, die sich schlussendlich alle kennen. Und über Sessions lernt man dann auch selber ein paar dieser Musikgrößen kennen.

Apropos Größen: Wie kam es denn zu solchen Highlights wie den Videos von CJ Ramone, Bela B mit Smokestack Lightning oder Konstantin Wecker? Stehst du in Kontakt mit den Bookingagenturen und fragst sie an, oder fragen sie dich, wenn die Künstler in der Gegend spielen?

Johannes Gerstengarbe: Sehr unterschiedlich. Mein Plan war, den Umbau des Studios im Hechtviertel filmisch zu begleiten. Der Raum verändert sich, während hier Musiker spielen. Norbert Leisegang bestritt das erste Konzert. Da ich mal aushilfsweise bei Keimzeit Gitarre spielte, konnte ich ihn leicht fragen, und so hat er die Reihe eröffnet. Mit der Zeit kamen diesbezüglich auch Anfragen. Bei Bela B war es schlussendlich der Impuls von beiden Richtungen, denn ich hatte über Dritte meinen Wunsch in Richtung Bela geäußert, und seine Managerin wiederum sah sich die Seite und die Videos an und fand sofort Gefallen. Nur zum Umbau kam es dann doch nicht, denn ich bin ja nun mittlerweile in die Schokofabrik in der Johannstadt gezogen. Konstantin Wecker sollte eigentlich auch in dem Rahmen spielen, aber er fürchtete wegen seiner morgendlichen Allergien um seinen Abendauftritt. Für die Absage hatte er mich von seinem Handy aus angerufen, so hatte ich seine Nummer und konnte ihn im März zum Ballroom Talk ins Breschke & Schuch einladen.

Muss dir unbedingt die Musik vom Auftraggeber gefallen oder sind es eher politische oder persönliche Gründe, nach denen du Bands und Musiker ablehnen würdest?

Johannes Gerstengarbe: In der Hauptsache ist Musik für mich ein Kommunikationsmittel für Emotionen. Es gibt keine Stilistik, die ich grundsätzlich ablehnen würde. Ich habe auch schon fürs Radio Vocalspuren für Technotracks produziert. Bei mir ist der Impuls, mit dem ich Musik bewerte der, dass sie in mir ein Gefühl auslösen muss. AfD-nahe Bands etwa würden sich bei mir von vornherein nicht melden, da ich in Netzwerken bin, die denen nicht gefallen und ich arbeite ja auch mit der Banda Communale zusammen. Von daher gibt’s da erst gar keine Anfragen aus diesem Spektrum.

Was hat es mit deinem neuen eigenen Projekt auf sich?

Johannes Gerstengarbe: Ich habe mich bei »Patreon« angemeldet, das ist eine Musikersupport-Plattform, die es in der Art in Deutschland leider noch nicht gibt. Auf der Seite zeige ich, was ich mache, und nur die Paten können genau sehen, wie sich mein Album entwickelt. Es kostet lediglich 8 Dollar im Monat, und man kann jederzeit mit der Unterstützung aufhören und muss kein Abo abschließen. Man kann sehen, wie ich Texte rein stelle und komponiere und so meine neuen Demos mitverfolgen. Später kommen die Arrangements dazu, womit ich dann Produzenten, Musiker und Labels suche. Es ist also so etwas wie eine persönliche Doku, wie es zu dem Album kommt. Sollte man mal reinschauen.

Du wohnst und arbeitest in Dresden, woran mangelt es hier?

Johannes Gerstengarbe: Ist schon Provinz, irgendwie. Liegt aber an der Stimmung, nicht an den Möglichkeiten. Man muss hier ständig Kunst und Kultur verteidigen. In Nashville zum Beispiel wird der Wert von Musik nicht in Frage gestellt. Ich bin hier, weil ich halt hier bin. Aus privaten Gründen sozusagen, nicht aus musikalischen. Ich bemerke da so eine wachsende Ablehnung gegenüber der Kunst, weil Kunst ja grundsätzlich etwas Neues schaffen will. Die Angst vor Neuem wird hier immer stärker, wie auch die Angst vor Fremdem. Man kann doch aber nur offen sein, um Kunst zu machen und man sollte auch offen sein, um sich auf sie einzulassen.
Vielen Dank für das Gespräch!

Mehr Infos unter www.ballroomstudios.de und www.patreon.com/johannesgerstengarbe

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