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DRESDNER Interviews / O-ton!
»Man kann viel mehr erreichen, wenn man positiv formuliert« – Max Raabe im Interview (Foto: Gregor Hohenberg)
Max Raabe im Interview (Foto: Gregor Hohenberg)
■ Mit DRESDNER-Autor Matthias Hufnagl unterhielt sich ein gut gelaunter Max Raabe über die Entstehung der neuen Platte, Lernen von Loriot sowie die vierte Staffel von »Babylon Berlin«.

»Wer hat hier schlechte Laune« lautet der Titel des neuen Albums. Die gesellschaftliche Frage der Stunde?

Max Raabe: Als der Großteil der Stücke fertig war, gab es noch keinen Krieg in der Ukraine. Alles, was wir getextet haben, hat immer etwas mit Privatleben, zwischenmenschlichen Dramen, Beziehungen und Sympathien zu tun, es spiegelt aber nie wider, was gerade in den Zeitungen oder Nachrichten zu hören und zu lesen war.

Zuversicht zieht sich wie ein roter Faden durch die Stücke – hat da so ein Satz nicht automatisch eine gesellschaftliche Ebene?

Max Raabe: Ich hatte noch nie den Anspruch, den Leuten bei unseren Konzerten die Welt zu erklären. Im Gegenteil, ich möchte, dass sie vergessen, was draußen los ist und für die Dauer eines Konzerts oder eines Liedes der Wirklichkeit entreißen. Keiner soll an die Steuererklärung denken oder grübeln, ob das Auto nicht doch im Parkverbot steht. Die Menschen sollen sich dem Moment hingeben und Musik hören. Das ist mein vornehmstes und wichtigstes Anliegen.

Das erste Stück der Platte trägt den Titel »Der Sommer«. Ein Synonym für den Kreislauf von Vergehen und Anfang?

Max Raabe: Es beschreibt die Schönheit der Saison, aber natürlich schwingt da mehr mit. Einerseits ist der ausgehende Sommer ein Synonym für Vergänglichkeit allenthalben, andererseits geht es in Richtung Kalenderspruch: auch der Herbst hat schöne Tage. Es soll ein leichtes Reisestück sein, das man im Auto oder auf dem Fahrrad pfeifen oder singen kann.

Vertonte Unbeschwertheit?

Max Raabe: Im Grunde wollen alle Stücke Hoffnung verbreiten und niemanden betrübt machen. Ein leichter Hang zur Melancholie geht mit einem guten Nachtisch manchmal ganz schnell weg. Im Grunde will ich nicht mehr erreichen, also ein gut gebrühter Kaffee oder ein leckeres Stück Kuchen.

Mit an Bord für den Schreibprozess waren wieder Annette Humpe und Achim Hagemann, aber auch Peter Plate und Ulf Leo Sommer von Rosenstolz. Ein kreatives Dreamteam?

Max Raabe: Auf jeden Fall. Das fing alles mit den zwei Alben mit Annette Humpe an. Irgendwann meinte sie zu mir, dass wir im Grunde schon alles erzählt haben. Bei einer Party zeigte sie dann auf die Jungs von Rosenstolz und sagte, ich soll die doch mal fragen.

Wie haben Sie reagiert?

Max Raabe: Alleine wäre ich nie fremdgegangen. »Küssen kann man nicht alleine« und »Für Frauen ist das kein Problem« sind zwei so schöne Alben, ich wäre nie auf die Idee gekommen, zu jemand anderen, als Annette zu gehen. Ich kann zwar auch alleine Stücke schreiben, aber die hängen stilistisch komplett in den 20er und 30er Jahren fest. Seit mich Annette mit Peter Plate, Ulf Sommer und später auch Achim Hagemann zusammengebracht hat, gibt es drei verschiedene Kreise, die komplett unabhängig voneinander arbeiten, bis wir alle das Gefühl haben, uns die Sachen gegenseitig vorspielen zu können. Ein Spagat zwischen poppiger Attitüde und meiner Haltung zu Texten, der riesengroßen Spaß macht. Ein großes Geschenk. Ich werde nie wieder alleine schreiben.

Gibt es in puncto Sprache eine Max Raabe-Formel? Begriffe wie »Cringe« oder »Digger« wird man in Ihren Liedern ja wohl eher nicht zu hören bekommen ...?

Max Raabe: Ich mache einen Bogen um Anglizismen. Eine Formel aber gibt es nicht. Kinder müssen damit klarkommen können. Bei mir taucht auch kein »Hoch die Tassen« auf. Ganz am Ende bei »Wer hat hier schlechte Laune« kommt die Zeile »Wer hat nichts mehr im Glas?«, aber das kann ja auch Limonade sein. Mir geht es darum, positiv zu formulieren. Das habe ich gelernt, als ich mit Loriot angefangen habe, für die Aids-Gala zu schreiben. Ich habe ihm damals meine Texte vorgelesen, und er hat sie mit großer Höflichkeit zerpflückt und auseinandergenommen. Da habe ich viel gelernt und die Maxime, positiv zu formulieren, übernommen und verinnerlicht. Man kann viel mehr erreichen, wenn man positiv formuliert. Das ist meine Grundhaltung.

2020 haben sie angekündigt, einige Lieder und Stücke ab sofort nicht mehr zu spielen, wie zum Beispiel »Ja und Nein«, im Original von Franz Grothe und Willy Dehmel aus dem Jahr 1939. Darin gibt es die Zeile »Ja und Nein, das kann dasselbe sein« ...?

Max Raabe: Das war aus dem klassischen Repertoire. Ich kann mir die Originalaufnahmen zwar immer noch anhören und weiß, was gemeint ist. Man kann es auch auf die Bühne bringen, wenn man historischen Kontext herstellen will – dann aber wird es kompliziert. Ich weiß ja nicht, wer da gerade im Saal sitzt, welche Frau oder welches Mädchen plötzlich in die Realität zurückgeholt wird und wieder eine traurige Erfahrung im Kopf hat. Aus dem Grund kann und will ich das nicht machen. Auch andere Stücke wie »Ich lass‘ mir meinen Körper schwarz bepinseln« haben wir schon vor Jahren herausgenommen, auch wenn es von Friedrich Holländer gut gemeint war. Er hat damit ausgedrückt, ein Aussteiger zu sein. Mit so einem Bild war man früher leichtfertiger. Darauf kann man verzichten. Rein musikalisch ist es ein Verlust, textlich komme ich damit klar, es nicht mehr aufzuführen.

2021 erschien eine MTV-Unplugged Platte mit vielen Gästen. Gab es im Vorfeld Anfragen, bei denen Sie befürchteten, das klappt auf gar keinen Fall?

Max Raabe: Bei Herbert Grönemeyer. Das Stück, was er gesungen hat (»Du weißt nichts von Liebe«, Anm. d. Red), ist auf dem ersten gemeinsamen Album mit Annette. Sie hatte ihm das mal zugeschickt, und es hat ihm von Anfang an gut gefallen. Er hat das dann auf eine Weise gesungen, als wäre es ein neues Stück. Unglaublich. Das war auf einmal ein Grönemeyer-Stück. Ich war richtig gerührt. Ein wahnsinnig professioneller, entspannter und toller Typ. Ich hätte verstanden, wenn er gesagt hätte, tut mir leid, ich bin gerade beschäftigt, aber er hat zugesagt und war da. Ein wirklich großes Kompliment.

Stichwort Babylon Berlin. »Ein Tag wie Gold«, das Titelstück der vierten Staffel, ist ebenfalls zusammen mit Annette Humpe entstanden. Sie selbst spielen diesmal auch eine Rolle. Was genau ist Ihr Part?

Max Raabe: Ich laufe durchs Bild und singe. Das, was ich am besten kann. Ich spiele die Rolle eines zu der Zeit populären Sängers, habe aber keine schauspielerischen Auftritte. Ich trete auf, singe und das Stück wird quasi in dieser Folge musikalisch von Anfang an eingeführt, ist sozusagen der Schlager der Saison. Das ist schön aufgebaut und liebenswürdig gemacht.
Vielen Dank für das Gespräch!

Das neue Album »Wer hat hier schlechte Laune« erscheint am 14. Oktober. Bereits am 9. Oktober spielen Max Raabe & Palast Orchester im Kulturpalast. Fürs kommende Jahr stehen schon Konzerttermine fest, und zwar am 13./14. November 2023, ebenfalls im Kulturpalast. Mehr zum Künstler: www.palast-orchester.de/de

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