DRESDNER Interviews / O-ton!
Keine Lederjacken – ZSK im Interview (Foto: Casten Janke)
ZSK im Interview (Foto: Casten Janke)
■ Mit ihrer neuen Platte »Hass/Liebe« präsentieren die Kreuzberger Punkrocker ihr siebtes und vielleicht bestes Studioalbum. Vor der Veröffentlichung hat DRESDNER-Autor Matthias Hufnagl mit Sänger und Gitarrist Joshi über Erfolg, Hilfe für die Ukraine, Hater und Flaschenwürfe auf die Bühne gesprochen.

»Hass/Liebe« ist der Titel eurer neuen Platte. Das 2021 veröffentlichte Vorgängeralbum heißt »Ende der Welt« und stand auf Platz 3 der hiesigen Albumcharts. Wie sehr hat euch das überrascht?

Joshi: Damals habe ich es gar nicht geglaubt. Als der Anruf von der Plattenfirma kam, dachte ich, die verarschen mich. Wir hatten einfach tierisch Glück. Das war eine Flaute-Woche. Da kann man auch als kleine Band mit harter Fanbase, die noch echte Platten kauft, so hoch charten. Es hat uns voll gefreut, aber damit hätten wir nie gerechnet. Ich glaube auch nicht, dass das mit der neuen Platte jetzt wieder passiert. Lass uns nach der Release-Woche nochmal sprechen.

Ihr feiert euer 25-jähriges Bandjubiläum, habt auf buchstäblich jedem JuZe-Fußboden geschlafen. Die harte Tour?

Joshi: Endlich sagt es mal wer. Wenn Leute schimpfen, wir seien so groß und kommerziell, kann ich nur entgegnen, dass wir nichts davon geschenkt bekommen und uns jeden einzelnen Fan hart erarbeitet haben. Mindestens die ersten zehn Jahre haben wir echt Scheiße gefressen. Ich will aber gar nicht herumjammern und finde das ja auch cool. Wir haben super viel gelernt, viele Fehler gemacht und es hat trotzdem Spaß gemacht. Über die Jahre haben uns viele Menschen lieb gewonnen, weil wir immer wieder in deren Stadt gespielt haben, es ihnen gefallen hat und sie gerne wieder gekommen sind. Jetzt spielen wir in Tausender oder noch größeren Clubs. Ehrlich gesagt, kann ich das selber kaum glauben.

Eure Homepage hat die einprägsame Domain skatepunks.de. Seit wann habt ihr die?

Joshi: 1997 haben wir uns die gesichert. Wir wurden ja eher über Skatepunk sozialisiert, sind groß geworden mit Bands wie Propagandhi, Good Riddance, Pennywise, NOFX, Minor Threat oder Operation Ivy und von mir aus noch Die Toten Hosen. Das war unsere Welt. Dieses ganze Deutschpunk-Ding aber war nie groß unseres. Wir hatten es oft, dass irgendwelche mega Punker mit riesigen Irokesen-Peitschen bei unseren Shows waren. Wenn wir in T-Shirts, Turnschuhen und kurzen Hosen auf die Bühne kamen, wurden wir von denen mit Flaschen beworfen. Man wollte uns sogar schon erhängen, weil wir nicht Punk genug sind. Wir mussten also klarstellen, dass wir nicht die richtige Band sind, wenn man Deutsch- und Straßenpunk hören will. Deshalb fingen wir an auf unsere Poster »Skatepunk« zu schreiben und haben uns die Domain gesichert. Ganz einfach um Leuten die Enttäuschung zu ersparen, erst beim Konzert zu merken, dass wir keine Lederjacken haben.

Mit eurem Stück »Ich habe Besseres zu tun« für Christian Drosten seid ihr im Deutschlandfunk gelaufen ...?

Joshi: Überall, es war unglaublich. ProSieben hat mir sogar ein Kamerateam in den Urlaub an die Ostsee geschickt.

Hat der Song auch viele Hater auf den Plan gerufen?

Joshi: Dass wir von Nazis bedroht werden und Morddrohungen bekommen, sind wir seit Jahren gewohnt. Damit kann ich leben. Als wir aber den Drosten-Song veröffentlicht und uns in Interviews entsprechend geäußert haben, kam gleich eine ganze Welle an verrückten Mails und Briefen. Nochmal eine ganz andere Couleur an Leuten. Richtig verrückt. Über Mails mit 20 YouTube-Links zum Thema »Aufwachen ihr Schlafschafe« kann man vielleicht noch schmunzeln, aber es kamen auch Sachen wie »Ihr scheiß Juden, wenn das neue Nürnberg kommt, werdet ihr alle erhängt«.

Eine eurer Hymnen ist der Song »Antifascista«. Wenn du die frühen Jahre der Band mit heute vergleichst was hat sich geändert im Kampf gegen Rechts?

Joshi: Klar - der Rechtsruck der heutigen Zeit und die AfD als parlamentarischen Arm der rechten Szene im Bundestag. So was hätten wir damals nicht für möglich gehalten. Wir haben immer vor der NPD gewarnt. Die saß in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern im Landtag und hat da die Gelder bekommen. Das war schlimm, aber es bestand keine reale Gefahr, dass die NPD wirklich in den Bundestag kommt. Jetzt haben wir die AfD, die sich natürlich mehr verkleidet und auch konservative Kräfte anspricht. Das ist im Grunde noch viel gefährlicher als die NPD, die ja eher gewalttätige Stiefelnazis angezogen hat. Der gesellschaftliche Einfluss der AfD und die vielen Steuergelder, die diese Partei einsackt und wieder an die Szene und das ganze Milieu ausschüttet, das ist wirklich katastrophal.

Die Initiative »Kein Bock auf Nazis« als natürliche Verbindung von Aktivismus und Band?

Joshi: Das war genau die Idee. Wir wollten etwas schaffen, was eben nicht die klassische Antifa im Ort ist. Die gibt es und das ist auch super, aber für Jugendliche ist es oft ein viel schwierigerer Schritt, sich an diese Gruppen zu wenden. Wir wollten etwas junges, frisches, poppiges und niedrigschwelliges machen. Die »Kein Bock auf Nazis«-Kampagne läuft bis heute und ist riesengroß geworden. Die Idee ist einfach: Man unterstützt und ermutigt alle, die sich auf den Grundkonsens, gegen Rassismus, gegen Nazis, gegen Antisemitismus einigen können. Deshalb ist es wichtig, dass wir Promis mit dabei haben. Wenn Die Toten Hosen bei uns im Magazin davon erzählen, dass auch ihre Konzerte in den 80ern von Nazis angegriffen wurden, sie sich damals die Mikroständer geschnappt, gemeinsam mit den Fans raus sind und die Nazis vertrieben haben, dann kann man das als alte Geschichte abtun. Für Leute, die real von Nazis bedroht werden, ist es aber ein ganz wichtiger Moment, diese Unterstützung zu kriegen. Zu wissen, auch Die Toten Hosen stehen hinter mir und bestärken mich, indem, was ich tue. Das darf man nicht unterschätzen.

Ein anderer Song auf dem Album trägt den Titel »Himmel« und thematisiert den Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Mit dem Stück verbunden ist auch die Geschichte eures Crewmitglieds Hannes, der mit dem Bandbus Hilfsgüter in die Ukraine gebracht und auf dem Rückweg Menschen auf der Flucht mitgenommen hat ?

Joshi: Das macht er immer noch.

Im Zuge dessen wurde auch Equipment für die ukrainische Punkband Bezlad aus der umkämpften Stadt Charkiw ins Land transportiert. Wie habt ihr die Band kennengelernt?

Joshi: Auch über Hannes. Er erzählte von dieser Punkband, die in irgendeinem Keller sitzt, auf die Raketen scheißt und weiter Musik macht. Das fanden wir beeindruckend. Es war schnell klar, dass wir denen von Punk zu Punk jetzt auch irgendwie helfen müssen. Wir sind weiterhin in Kontakt und haben die Band dabei unterstützt, hier Shows zu kriegen. Dafür braucht es immer ein Einladungsschreiben von den Veranstaltern, damit die Bandmitglieder eine Ausreisegenehmigung kriegen. Wehrpflichtige Männer dürfen nicht einfach aus dem Land. Um hier auf Tour zu gehen, braucht es eine Sondergenehmigung. Wir haben es leider noch nicht geschafft, zusammen Clubshows zu spielen, aber das wird irgendwann stattfinden.

Nochmal zurück zur Thematik des Songs »Himmel«. Erschreckt es dich, dass es auch im linken Lager Menschen gibt, die trotz der Gräuel an ihrer Putintreue festhalten?

Joshi: Absolut, aber zum Glück ist das ein kleiner Kern von verrückten Antiims (Antiimperialisten Anm. d. Red.), die immer noch diesen Film fahren. Jeder, der ein bisschen Verstand im Kopf hat, wird verstehen, dass das ein beschissener Angriffskrieg ist und die Russen sich da ganz furchtbar benehmen. Ich finde es völlig okay, wenn irgendwelche Linken streiten, ob Waffenlieferungen okay sind. Ich streite mich gerne über viele politische Themen und finde es in Ordnung, wenn man sich nicht einig wird, aber versucht, die Position des anderen irgendwie zu verstehen. Ein paar Sachen aber sind nicht verhandelbar. Mir braucht niemand erzählen, das wäre kein Angriffskrieg von Russland auf dieses Land. Das steht außer Frage und macht mich verrückt.
Vielen Dank für das Gespräch!

Mehr zur Band und zum neuen Album, das am 10. Februar 2023 erscheint, unter www.zsk.berlin/

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